Rückzug

Der Entertainer hat ausgesendet

Fernsehen: Nach 22 Jahren beendet Stefan Raab seine TV-Karriere. Von einem der extrem erfolgreich blödelte, provozierte und unterhielt

Der Rückzug kommt überraschend, aber er war nicht unangekündigt. „Als ich ein halbes Jahr bei Viva war“, sagte Stefan Raab 1998 im Interview mit „Spiegel TV“, „habe ich gesagt, dass ich im Fernsehen nicht unbedingt alt werden will. Ich habe das immer so beschrieben: Ich möchte nicht irgendwann mal meinen Kindern erzählen müssen: Guck mal, da im Fernsehen, das ist der Papa, der macht da den lustigen Onkel, damit er Euch was zum Anziehen kaufen kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit 50 noch Fernsehen mache.“

Das ist fast 20 Jahre her. Seitdem ist viel geschehen. Weil aus dem Schmuddelkind des Fernsehens, das vielen immer etwas unangenehm war, ein Wunderkind wurde, dessen Erfolge auch arge Feinde in Fans verwandelten. Und aus dem Wunderkind dann wieder ein alter Bekannter auf dem Fernsehschirm, der täglich mit seiner Latenight-Show „TV total“ vorbeischaute. Dabei geriet in Vergessenheit, dass – bei allem Wandel – Stefan Raab auch immer einer war, der sich stur an das eigene Wort hielt. In diesem Jahr wird er 49 Jahre alt. Zeit, zu gehen.

Trotzdem sucht man im Nachhinein immer nach Vorzeichen, die etwas erklären können. Nach Ermüdungserscheinungen und Lustlosigkeit, nach Symptomen des Überdrusses. Das beste Beispiel dafür hat ausgerechnet der ZDFneo-Moderator Jan Böhmermann geliefert, dessen Stern momentan ebenso hell leuchtet wie der von Stefan Raab 2010, als er mit Lena Meyer-Landruth und ihrem Song „Satellite“ den „Eurovision Song Contest“ gewann.

Es war 2014, lange bevor sich die Nation über den angeblich gefälschten Stinkefinger des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis ereiferte. Stefan Raab unterhielt sich in seiner Sendung mit seinem Sidekick Elton. Er habe da etwas entdeckt. Und was er dann vorführte, das schien wirklich unglaublich: Ein chinesischer TV-Sender hatte offenbar, ohne Rücksprache oder gar die Zahlung von Lizenzgebühren, eine Rubrik aus seiner Sendung derart unverschämt bis in die Details kopiert, dass es fast wie eine Parodie wirkte. Es war eine lustige Geschichte, die auch etwas Empörendes hatte. Ideen zu stehlen ist schließlich keine Kleinigkeit.

Metzgergeselle und Musiker

Das Problem war nur, dass niemand etwas gestohlen hatte. Böhmermann hatte alles inszeniert und Raabs komplette Redaktion in die Irre geführt. Grinsend und mit mitleidsvoll maskierter Schadenfreude führte Böhmermann das wiederum in seiner „Fernseh-Nothilfe“ vor, einer angeblichen Hilfsaktion „für auf der Strecke gebliebene Moderatoren“. Es war ein Frontalangriff, schlechter hätte Raab nicht dastehen können. In den vielen Jahren seiner Fernsehkarriere hatte er immer wieder seinen Kampfgeist unter Beweis gestellt, der alle Schmerzgrenzen weit hinter sich ließ. Er hatte sich sogar von der Boxerin Regina Halmich verprügeln lassen. Doch diesmal tat er: nichts.

Schon da hätte man auf den Gedanken kommen können, dass Raab müde war. Dass seine immer gleiche Sendung „TV total“ mit ihrem immer gleichen Konzept aus Videoschnipseln und Prominentengespräch nicht mehr aus Leidenschaft, sondern aus purer Routine entstand. Wenn Yoko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf montags aus ihrem „Circus Halligalli“-Studio zu „TV total“ schalteten, dann wirkte es manchmal fast wie eine Aufforderung, zur Fernbedienung zu greifen und den Abend vor der Glotze gleich ganz zu beenden.

Fast entrückt schien da die Zeit, als Raab zu einem der erfolgreichsten Moderatoren im deutschen Fernsehen aufstieg. Er kam wie aus dem Nichts. Sozialisiert im katholischen Köln, wo er in seiner Schulzeit Ministrant war, hatte er nach dem Abitur 1986 am jesuitischen Aloisiuskolleg in Bonn-Bad Godesberg erst Rechtswissenschaft studiert und nebenbei eine Metzgerlehre im elterlichen Betrieb absolviert. Das Jura-Studium brach er ab, die Metzger-Gesellenprüfung beendete er mit Bestnote.

Es war sein musikalisches Talent, das ihn auf andere Wege führte und ihn dazu brachte, sich als Produzent von Werbejingles selbstständig zu machen. Die Musik ist überhaupt einer von mehreren Schlüsseln, um diese erstaunliche Karriere zu erklären – verbunden mit einem wachen Instinkt für Zeitgeist und Komik, und Stefan Raabs Diskografie liest sich denn auch fast wie eine Kulturgeschichte des deutschen Humors.

Es war fast dadaistischer Nonsens, mit dem man in den Neunziger und Nuller Jahren punkten konnte, und niemand punktete so haushoch wie er. Ob die Lieder nun „Böörti Böörti Vogts“ (1994), „Ö la Palöma Blanca“ (1999) oder „Wadde hadde dudde da?“ (2000) hießen, spielte da keine große Rolle: Raab verzapfte verlässlich den größten Unsinn, und sein Erfolg gab ihm Recht. Doch bei aller Lust am Quatsch hatten seine Songs auch immer einen Bezug zu aktuellen Themen: Ob es nun um einen erfolglosen Fußball-Nationaltrainer ging, um das Fremdeln mit dem sächsischen Dialekt im fünften Jahr nach der Wende oder um die Ironisierung eines in die Jahre gekommenen Wettbewerbs namens „Eurovision Song Contest“: Raab wusste, was die Menschen bewegte, er hatte ein untrügliches Gespür für das Populäre.

Darin lag seine große Stärke, und er verband sie mit der Freude daran, Peinlichkeits- und Schmerzgrenzen nicht nur hinter sich zu lassen, sondern sie komplett zu verwüsten. Das sorgte oft für Aufsehen und ging häufig daneben. In der Sendung „Vivasion“ auf dem Musiksender Viva begann er mit der Fernsehmoderation, und in vielem kann sie als Vorläufer seiner Show „TV total“ gesehen wurden – die auf der Ukulele vorgetragenen Spottlieder („Raabigramm“), die absurden Fernsehschnipsel, auch das Überfallen unbescholtener Passanten mit absurden Fragen („Kennen Sie das Sprichwort: Ewig währt am längsten?“) – das alles kehrte seit 1999 in der zunächst wöchentlichen, im Jahr darauf dann von Montag bis Donnerstag ausgestrahlten Latenight-Sendung wieder, die viele als Konkurrenzveranstaltung zu der auf Sat.1 laufenden „Harald-Schmidt-Show“ sahen.

Den noblen Schmidt mit dem burschikosen Raab zu vergleichen, das war damals eine Art Volkssport. Der augenfälligste Unterschied lag in einem Vorwurf, den Raab immer wieder zu hören bekam: Er führe Leute vor. Es war 2001, als er sich in seiner Sendung über den Namen der 16-jährigen Schülerin Lisa Loch lustig machte und allerlei Anzüglichkeiten verbreitete. Die Schülerin verklagte Raab, weil sie daraufhin obszöne Anrufe erhielt, und Raab wurde vom Oberlandesgericht Hamm wegen schwerwiegender Verletzung der Persönlichkeitsrechte zu 70.000 Euro Schadenersatz verurteilt.

Auch der legendär gewordene „Maschendrahtzaun“ gehört in diese Reihe. Raab nutzte einen Ausschnitt aus der Sendung „Richterin Barbara Salesch“, in der die Hausfrau Regina Zindler mit ihrem damaligen Nachbarn einen Streit um das Grundstück austrug und im breitesten Vogtland-Sächsisch vom „Maschendrahtzaun“ und vom „Knallerbsenstrauch“ berichtete. Raab sampelte aus den Versatzstücken ihrer Mundart zusammen mit der Band „Truck Stop“ einen Nummer-eins-Hit – der aber für Frau Zindler die unangenehme Folge hatte, nun permanent von Medien belagert zu werden. Irgendwann hielt sie den psychischen Druck nicht mehr aus und zog um.

Raab hat die Kritik an seiner Arbeit stets mit dem Hinweis beantwortet, er mache sich nur über Menschen lustig, die sich freiwillig in die Öffentlichkeit begeben hätten. Ob man das nun für stilvoll hält oder nicht: Wahr ist auch, dass Raab mit den Jahren auf diese rücksichtslose Spielart seines Humors immer mehr verzichtete. Er brauchte sie nicht mehr, weil sein Motor für neue Ideen und Formate derart hochtourig lief, dass man sich fast Sorgen machen musste. Noch Ende der Neunziger Jahre begann Raab den „Eurovision Song Contest“ zu kapern, indem er den zotteligen Guildo Horn mit dem Blödsinnslied „Guildo hat euch lieb“ ins Rennen schickte und sich selbst unter dem Decknamen „Alf Igel“ als Songtexter beteiligte. Nach zwei weiteren respektablen Platzierungen 2000 und 2004 triumphierte er mit Lena Meyer-Landrut in Oslo.

Aber das war es nicht allein. Den Lehrsatz David Lettermans, dass Fernsehen vor allem ein Behältnis für Blödsinn ist, beherzigte Raab wie kein zweiter. Er erfand die „Wok-WM“, bei der er in asiatischen Bratpfannen durch Eiskanäle schlitterte. Er lieferte sich, angetrieben von einem fast verbissenen Ehrgeiz, Wettbewerbe gegen Kandidaten seiner Show „Schlag den Raab“. Ein Ausflug ins seriöse Fach war das nur im Vierjahresturnus stattfindende Kanzler-Duell, wo Raab im Gespräch mit Peer Steinbrück (SPD) den schönen Satz prägte, dieser wolle nur gestalten, wenn er auch „King of Kotelett“ sei.

Hartnäckig unabhängig

Er hatte sich zu einem erfolgreichen, vielseitigen und enorm kreativen Fernsehmacher entwickelt, er war auf seinem Zenit. Dass die Nachricht von seinem Rückzug am Mittwoch erst spät bekannt wurde, hat auch mit einer seiner Stärken zu tun: Hartnäckig hatte er gegenüber dem Sender darauf bestanden, erst sein Team darüber informieren zu dürfen, damit dieses es nicht aus dem Netz erfahren müsse.

Raab hat sich immer eine große Unabhängigkeit bewahrt gegenüber allen, die plötzlich an seiner Seite tanzen wollten. Dazu gehört auch die konsequente Weigerung, irgendetwas aus seinem Privatleben der Öffentlichkeit zum Fraß vorzuwerfen. Dass Raab mit seiner Lebensgefährtin zwei Töchter hat, ist schon alles, was man darüber weiß. Es reicht vollkommen.

Mit ihm verlässt ein großer Entertainer zu einer Zeit die Bühne, in der sein Medium mit seinen festen Sendezeiten, seiner Quotenfixierung und dem unhandlichen Möbel namens Fernseher insgesamt im Sinkflug ist. Den Videokanälen und den sozialen Netzwerken, überall und jederzeit verfügbar, gehört die junge Zielgruppe und mit ihr die Zukunft. Wenn Raab, seinerseits klar zu jung für den Ruhestand, doch noch einmal zurückkehren sollte, wird er um die neuen Plattformen und Distributionskanäle nicht herumkommen. Dann darf man gespannt sein, was ihm dazu einfällt.