Berliner Spaziergang

Ein Anwalt, der verändern will

Verabredet man sich an einer eiszeitlichen Erdrinne in Zehlendorf, ist es schwer, sich zu verfehlen. Denn dem Park, der um sie herum entstanden ist, sieht man die Rinne noch an – er ist sehr schmal. „Fischtalpark“ heißt er, ein Weg führt an der Senke entlang, durch die vor einigen Jahrtausenden einmal das Schmelzwasser einer Eiszeit floss. Doch Ulrich Schellenberg hätte man auch so erkannt. Nicht nur, weil der 55-Jährige so groß ist. An diesem Morgen, kurz nach neun Uhr, bevölkern lauter Menschen in Freizeit- und Sportkleidung den Park. Walker in Joggingkleidung, Herren in Shorts mit Hund an der Leine, Radfahrerinnen in praktischen 3/4-Hosen. Nur Ulrich Schellenberg kommt in dunklem Anzug und weißem Hemd, die Krawatte dezent gepunktet, die Schuhe schwarz.

Ulrich Schellenberg ist Anwalt. Hätte man drauf kommen können, rein äußerlich. Er ist auf dem Sprung, morgen muss er nach Hamburg, dort wird der 66. Deutsche Anwaltstag stattfinden, auf dem er zum Präsidenten des Deutschen Anwaltvereins – ja, Anwalt ohne „s“ – gewählt werden soll, was, wie wir inzwischen wissen, auch geklappt hat. Aber jetzt im Park weiß er das noch nicht. Gut, er ahnt wohl, dass es klappen könnte. Schließlich ist er der einzige Kandidat. „Ich würde die Kandidatur als aussichtsreich bezeichnen“, formuliert er mit Bedacht.

Mit Anzug im Park

Anwälte! Sie dosieren jedes Wort, sind supervorsichtig mit ihren Aussagen. Weil ein Gesetz ja nichts anderes ist als eine Ansammlung von Worten: jeder Vertrag, jeder Paragraph im Gesetzbuch, jedes Urteil eines Richters. Aber es sind eben Machtworte. Auf jede Nuance kommt es an. Jedes Wort hat Folgen. Ein guter Anwalt ist penibel mit seinen Formulierungen, ihm rutscht nichts einfach so raus.

Das kann ja ein heiterer Spaziergang werden.

Aber dann gehen wir auf den Baumstumpf zu, hinter dem unser Fotograf lauert wie ein Paparazzo. Ulrich Schellenberg fragt, ob er sich das Jackett locker über die Schulter hängen solle. Damit der Fotograf verschiedene Motive hat. „Sie denken ja richtig mit – wie bei GNTM von Heidi Klum“, sage ich. Da lacht er und meint, die Sendung habe er noch nie geschaut. Er sehe wenig fern. Aber seine Frau, auch eine Anwältin, sei ein großer Fan der letzten Let’s-Dance-Staffel. „Jetzt steht mir ein Tanzkurs ins Haus.“

Den Park, erzählt er, betrete er nur selten im Anzug. Das sei nämlich seine Joggingstrecke. Seit 1998 wohnt er in dieser Gegend und möchte den Kiez nicht missen. „Das ist eine sehr den Menschen zugewandte Gegend.“ Dabei sind die Wohnungsgrößen in diesem Viertel ziemlich unterschiedlich. Da ist die berühmte Onkel-Tom-Siedlung mit ihrem sozialen Wohnungsbau der 20er Jahre – kleine Eigenheime und Mietshäuser mit Zwei- und Dreizimmer-Wohnungen entstanden hier, entworfen unter anderem vom berühmten Architekten Bruno Taut. Und da sind die schönen großen Villen, auch am Rande des Parks, in jede von ihnen passt eine ganze Handvoll Sozialwohnungen. Aber alle Häuser hier draußen eint das üppige Grün. Man trifft sich in der 20er-Jahre Ladenzeile am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte, man radelt über die holprigen Kopfsteinpflasterstraßen.

Gerade kommt ein Radfahrer von hinten herbei, man hört schon das Knirschen, während er über den Sandweg fährt. Ulrich Schellenberg tritt zur Seite. „Danke schön“, sagt der Fahrradfahrer. „Bitte schön“, ruft Schellenberg ihm nach. Frei von Ironie, einfach nur höflich.

Und das mitten in Berlin, einer Stadt, in der es ja sonst eher rau zugeht. „Ja“, sagt Schellenberg, „das ist ein sehr freundlicher Umgang hier, eben nicht dieses: ,Lassen Sie mich durch, ich bin Radfahrer’.“

Das Miteinander ist Ulrich Schellenberg ein großes Anliegen. Da fühlt er sich als Anwalt gefordert, genauso wie seinen Anwaltverein. „Die Anwaltschaft hat eine gesellschaftspolitische Verantwortung.“ Sie seien das Scharnier zwischen Bürger und Gesetz, zwischen der Justiz und dem Einzelnen. Ohne Anwalt ist man ziemlich allein vor dem Gesetz, weil man einfach nicht genau weiß, welche Rechte man hat.

Aber genauso wichtig sind ihm die Pflichten. Oder die Dinge, die man bei anderen Menschen respektieren muss. Oder der Besitz anderer Leute, den man sich nicht einfach nehmen darf. Dafür hat er im Berliner Anwaltsverein – ja, in Berlin schreibt er sich mit „s“ – eine Aktion namens „Anwälte gehen in die Schule“ angeregt, die in Problemkiezen wie Wedding und Neukölln zu Schülern gehen und mit ihnen über Normen reden. Am besten fange man mit Fußball an, sagt er, vielleicht weil wir jetzt am südlichen Ende des Parks angekommen sind, wo der traditionsreiche Verein Hertha 03 Zehlendorf seine Sportplätze hat. Ulrich Schellenberg, der sonst mit Fußball nicht viel am Hut hat, beschreibt, wie er die Aufmerksamkeit der Kids kriegt: Wenn ein Stürmer gerade dabei sei, aufs Tor loszurennen und der Verteidiger stoppe ihn mit einer Blutgrätsche, dann sei das doch unfair. Dem Stürmer wurde sein Tor geklaut. Kopfnicken in der Klasse. Daran erklärt er: „Es ist einfach unfair, jemand anderem etwas wegzunehmen.“ Das sei eine Norm, auf der unsere Gesellschaft fuße.

Einmal war er bei einem Schnellläufer-Gymnasium in Neukölln. Es sei faszinierend gewesen, wie differenziert die Schüler dort über Probleme des Rechts sprachen. Das habe ihn sehr bewegt. „Ich glaube, ich habe mehr rausgeholt aus der Veranstaltung als die“, sagt er nachdenklich, während wir die Kehre machen und nun auf der anderen Seite der eiszeitlichen Rinne wieder zurücklaufen.

Anwälte sehen viel vom richtigen Leben, besonders Strafrechtler, denen nichts Menschliches fremd bleibt. Schellenberg dagegen ist Fachanwalt für Erbrecht, Handels- und Gesellschaftsrecht. Seine Kanzlei sitzt am Ku’damm, am unteren Teil, wo die Geschäfte teurer werden. Unternehmenskaufverträge und Immobiliengeschäfte gehören zu seinem Alltag, er ist auch Notar. 1987 kam er nach Berlin, damals noch West-Berlin, um hier seine Referendarzeit zu absolvieren. Ein großer Schritt für einen echten Süddeutschen, der in Stuttgart geboren wurde, in Rottweil aufwuchs und Abitur machte und später in Freiburg studierte. 200 Kilometer groß sei sein Radius damals gewesen, 200 Kilometer zwischen Geburtsort, Schulort und Studienort. West-Berlin war damals ein Abenteuer.

Dann fiel die Mauer. „Das war natürlich nicht der Moment, wo man ging. Nicht aus dieser Stadt.“

Eine Boom-Zeit brach für Anwälte an, eine Zeit, die kaum wiederkommen wird. Wie oft wird schon ein ganzer Staat abgewickelt? Große Unternehmen übernahmen marode VEB, Betriebe mit großer Belegschaft, die oft genug aufgelöst oder zumindest aufgeteilt wurden. Das Irre damals sei gewesen, dass viele neue Gesetze nur wenige Tage alt waren. Plötzlich mussten die alten Haudegen aus den Rechtsabteilungen großer Konzerne sich an den jungen Kollegen wenden, der zwar kaum Berufserfahrung hatte, aber sich in der Welt der Treuhand auskannte. „So hatte man als Greenhorn mehr Kenntnisse als ausgewiesene Juristen“, erzählt er.

Seitdem ist er Berliner. „Ein Vorwende-Berliner“, darauf legt er wert. Keiner, der erst dann aus dem Schwabenland zuzog, als klar war, in Berlin geht wieder was. Macht ihm nicht manchmal diese Stadt zu schaffen? Die Grobheit? Hier und da sogar Verkommenheit?

Neue Bäume für den Park

„Ja, ja“, sagt er, die gebe es – „eine gewisse Verwahrlosung, die völlig unabhängig von den sozialen und wirtschaftlichen Möglichkeiten“ sei. Und dann schaut er auf die Bäume am Parkrand, und sein Gesicht hellt sich auf. „Die haben wir gepflanzt.“ Wir, das ist der Initiative „Freunde des Fischtalparks“, die sich gründete, als vor rund 15 Jahren der Park plötzlich gesperrt werden musste, weil dort die Bäume umfielen. Ein Pilz hatte die Tannen befallen. Der Unmut war groß, die Anwohner wollten ihren Park zurück. „Da schäumte der Bürgerzorn auf.“ Doch Meckern ist nicht Schellenbergs Sache. Er suchte Mitstreiter, man setzte sich mit dem Bezirksleuten zusammen und nach und nach fanden sich Baumspender für den Park, die Lücken der gefällten Bäume schlossen sich wieder. Heute sind die neuen Bäume fast so groß wie die alten, die Namensschildchen der Gönner sind mit ihnen in luftige Höhen gewachsen. „Das nenne ich bürgerschaftliches Engagement“, sagt Schellenberg stolz. Davon könne Berlin noch eine Menge mehr brauchen.

Wir haben nun den Park verlassen und biegen in die Gegend um die Irmgardstraße ein. Schöne Villen stehen hier, große Häuser, die Gärten gepflegt, wer Kinder hat – Ulrich Schellenberg selbst hat zwei, aber die sind schon 17 und 19 Jahre alt: Hier haben sie Platz zum Toben. Eine ganz andere Welt als die von Hartz IV. Damit hat er nämlich auch zu tun. Der Berliner Anwaltsverein hat unter seiner Ägide früh eine unentgeltliche Rechtsberatung für Hartz IV-Empfänger angeboten. Damals gab es den Vorwurf, dass sei eine verdeckte ABM-Maßnahme für unausgelastete Berliner Anwälte.

Ulrich Schellenberg hat sich darüber geärgert. Die Politik, sagt er, habe Hartz IV beschlossen, aber vieles nicht geregelt. „Das sollte die Praxis dann abarbeiten.“ Wie viel Wohnraum ist angebracht? Wer zahlt die Schulbücher? All solche Fragen. Diese Probleme der Praxis von Hartz IV seien absehbar gewesen.

Es ist typisch für ihn, dass er auf Vorfälle reagiert, die ihn beschäftigen, die er als ungerecht empfindet. Die Frau, die kaum Haftentschädigung erhielt, obwohl sie zu Unrecht verurteilt wurde und lange gesessen hatte. Der Hartz IV-Empfänger, dem unbegründet Mittel gekürzt werden. Der Vormarsch der Vorratsdatenspeicherung, die dem Anwaltsgeheimnis entgegenläuft. Dann denkt er darüber nach, was er mit seinen Kollegen dafür oder dagegen unternehmen kann. „Das ist meine persönliche Antriebsfeder.“

Wie schafft er das alles? Der Tag hat doch nur 24 Stunden. Aber seiner – mit Kanzlei, Anwalt(s)verein, den Freunden des Fischtalparks plus Privatleben – scheint 48 Stunden zu haben. Schellenberg überlegt. „Ich kann mich auf Sachen zu 100 Prozent einlassen. Ich bin jetzt bei Ihnen. Und nicht bei meiner Akte.“ Denn natürlich liegen wieder mal zwei dringende Fälle auf seinem Kanzlei-Schreibtisch. Außerdem regeneriere er schnell. Dreißig Minuten mit seiner Frau auf der Terrasse in Zehlendorf – da sei er schon erholt. Doch der entscheidende Satz folgt danach, kurz vor dem Café Milch & Honig, das leider noch geschlossen hat: „Mir macht Arbeiten Spaß. Mir macht Stress Spaß. Anwalt ist schlicht mein Traumberuf.“ Das erklärt natürlich viel von seiner Leistungsfähigkeit.

Aber gerade weil er so ein ausgefülltes, arbeitsreiches Leben hat, bekümmert ihn denn nicht manches Hartz-IV-Schicksal? Nicht, weil es kümmerlich wäre. Sondern weil die Kraft, die man in so einem staatlich finanzierten Dauer-Dasein braucht, der ewige Gang auf die Ämter, die vielen Formulare, die permanente Transparenz, doch einen Menschen zermürben kann. So gehen die tatkräftigen Jahre dahin und man hängt und hängt am Tropf des Staates. Ist es denn richtig, ist es wirklich im Sinne dieser Menschen, mit Hilfe eines Anwalts diesen Zustand immer wieder zu verlängern, ihn gar zum Dauerzustand auszubauen?

Er überlegt. Seine Hoffnung sei, dass der Gang zum Anwalt die Betroffenen selbstbewusster mache. „Ein Sieg vor Gericht kann ja sogar Kraft geben.“ Endlich raus aus Hartz IV. Man kann sagen, Ulrich Schellenberg ist Optimist. Zumindest sieht er das Glas eher halbvoll als halbleer. So einen kann Berlin gebrauchen.