Gesundheit

Ein Leben mit Schutzmasken

Mers in Südkorea: Die Alarmstufe zwei ist ausgerufen, neun Menschen sind an dem Virus gestorben, doch die Politiker rufen zur Ruhe auf

Im Eingangsbereich der Seouler Einwanderungsbehörde steht ein Sicherheitsbeamter mit einer weißen Maske vor dem Gesicht und wehrt ab: „Nein, Sie dürfen hier nicht weiter, die Behörde ist für heute geschlossen.“ Auf Nachfrage dann: „Wir haben einen Fall von Mers.“ Offenbar ist gegen 15.30 Uhr ein Besucher in das Haus gekommen, und als bei ihm Symptome einer Erkältung festgestellt wurden, habe eine Ambulanz den Schnelltest durchgeführt. Der war positiv und gegen 16 Uhr wurde das ganze Haus abgeriegelt. Der Mann wird sehr ernst: „Sie sollten eigentlich besser nicht mit mir reden – schon gar nicht, wenn Sie keine Maske tragen!“

Das war am Dienstag dieser Woche, da hatte das Virus „Middle East Respiratory Syndrome“, kurz Mers, erst sieben Opfer gefordert. Am Mittwoch zur gleichen Zeit sind es bereits neun Tote und 108 Infizierte, darunter die erste Schwangere und ein 16-jähriger Schüler. Das alles sind Zahlen, die weiter steigen, wie alle, die dieses Virus betreffen bisher: Mehr als 3400 Menschen befinden sich derzeit in Quarantäne, und bis zum Mittwochabend wurden insgesamt 2704 Kindergärten, Schulen und Universitäten in Südkorea geschlossen. Das sind Fakten, die gegen eine simple Panikmache sprechen, wie es hier oft behauptet wird – abwinkend, vor allem von Einwohnern Seouls, der Stadt, die 50 Kilometer von der „gefährlichsten Grenze der Welt“ entfernt liegt.

Nordkorea hatte immer wieder gedroht, diese Stadt „in ein Flammenmeer“ zu verwandeln. Und auch die diffuse, unsichtbare Bedrohung von einer Krankheit wurde bereits 2003 mit Sars durchgespielt. Es scheint bisher, als habe Südkorea aus der damaligen Erfahrung gelernt. Das Notfallprogramm wurde erst spät eingeleitet, aber das lag an der langen Inkubationszeit des Virus: Bis zu 14 Tage kann der Ausbruch der Krankheit dauern. Im Fall des ersten Patienten, einem Geschäftsreisenden, der aus Saudi-Arabien zurückkehrte, dauerte es neun Tage. Der Patient hat überlebt, andere starben, die meisten über 70 Jahre alt – auch das ein Fakt, der eher beruhigen sollte.

„Ist das Schlimmste vorbei?“

Doch die Öffentlichkeit ist gespalten – wie auch die Medien. Die Tageszeitung „JoongAng“ titelt am Mittwoch: „Das Virus breitet sich weiter aus“, weil erstmals mehrere Regionen des Landes betroffen sind. Doch die „Korea Times“ beruhigt mit: „Ist das Schlimmste vorbei?“ Der Gesundheitsminister Moon Hyung-pyo hatte auf einer Pressekonferenz am Dienstag gesagt, dass erstmals die Zahl der Infizierten zurückginge und das ein gutes Zeichen sei. Andererseits war auch er es, der von Beginn der Krise an noch selbstbewusst behauptete, dass dieses Virus ein „geringes Infektionsrisiko“ darstelle. Wiederholt hatte er davor gewarnt, übertrieben zu reagieren. Obwohl die WHO dem Land Südkorea gerade eine hohe Kompetenz im Umgang mit einer Epidemie zugeschrieben hat, sorgen die unterschiedlichen Nachrichten an die Bevölkerung nicht gerade für eine Beruhigung.

Zum einen wurden viele Großveranstaltungen im Land abgesagt und werden es weiterhin in den nächsten Tagen. Die Baseballmeisterschaft am Wochenende hatte einen 30-prozentigen Besuchereinbruch, zudem beklagen Konzerte, Kinos, Freizeitparks und selbst Wissenschaftskonferenzen kleinere Teilnehmerzahlen. K-Pop-Sänger wie Lee Moon-sae sagten Konzerte ganz ab, und die Buchmesse „Seoul International Book Fair“ wurde von nächster Woche auf Oktober verschoben.

Auch die Konferenz der deutschen Naumann-Stiftung in Seoul zur Wirtschaft in Nordkorea am Mittwoch begann mit den Worten: „Schön, dass Sie alle trotz Mers hier sind …“ Die U-Bahnen sind merkwürdig leer, und selbst am Abend ist es in den Ausgehvierteln ruhiger. Das ist ungewöhnlich für die zweitgrößte Metropole der Welt, aber angesichts der unsicheren Grundstimmung im Volk auch nicht verwunderlich. Auffällig ist, dass besonders die Bibliotheken im bildungshungrigen Südkorea gerade jetzt tagsüber voll sein müssten. Vor einer Woche hat die Examenszeit begonnen, doch bis jetzt sind noch viele Plätze unbesetzt.

Diese Unsicherheit spiegelt sich in der Politik wieder. Während Bildungsminister Hwang Woo-yea am Freitag die Schulen anweist, besser zu schließen, sagt das Gesundheitsministerium kurz darauf, dass es dazu keinen Grund gebe. Noch bis zu diesem Freitag sollen viele Schulen trotzdem geschlossen bleiben, zumal viele Eltern ihre Kinder ohnehin lieber zu Hause behalten. Die vierstufige Krisenskala wurde derzeit im Land auf den Level 2 heraufgesetzt. Von akuter Gefahr kann dabei noch keine Rede sein. Vielleicht ist es für viele noch kein Grund zur Panik, dass die PC-Spielehallen auch noch geöffnet haben und Jugendliche sich ihre Zeit vor allem dort vertreiben.

Eine, die derzeit besonders auf eine klare Ansage hofft, ist eine junge Verlobte im südlichen Stadtteil Gangnam. Sie ist 27 Jahre alt und sagt über ihren Namen nur, dass sie am Sonnabend den Nachnamen Gu annehmen will. „Die Hochzeitskapelle ist nur 200 Meter vom nächsten Krankenhaus entfernt“, sagt sie, als ob das ihre Feier sicherer mache. „Gerade hat mich der Veranstalter angerufen und gefragt, ob ich die Hochzeit etwas kleiner machen möchte als bisher geplant.“ Sie habe noch keine Absagen erhalten, aber habe jetzt noch mehr Angst vor dem großen Tag als ohnehin schon. Die Befragung mehrerer Hochzeitsveranstalter allerdings bringt eher Entwarnung. Lee Hyo-sun von der großen Hochzeitshalle mit dem deutschen Namen „The Raum“ sagt, dass er alle Festlichkeiten bisher weiter durchführen werde. „Wir hatten nur mehr besorgte Anrufe von Gästen als sonst.“ Die Politik versucht derzeit mehr denn je mit der Krise angemessen umzugehen und weiter zu beruhigen. Die Präsidentin Park Geun-hye hat zu Beginn der Woche eine schnelle Eingreiftruppe von Medizinern gegründet, die sich noch besser um die in Quarantäne befindlichen Patienten kümmern soll. Ihre für kommenden Sonntag geplante USA-Reise mit Konsultationen bei Barack Obama hat sie vorerst abgesagt. Sie hat zudem dazu aufgerufen, jegliche Falschmeldungen im Internet zu verfolgen, weil sie weiterhin die Bevölkerung beunruhigen.

Unsicherheit, Angst – und Wut

In der Tat ist besonders in sozialen Medien in Korea zu beobachten, wie die Unsicherheit und Angst auch in Wut umschlagen kann. In dem Land, das wie kein zweites vernetzt ist – und die Präsidentin nach einem sehr alten Gesetz jegliche Äußerungen gegen sie verfolgen darf –, äußern sich viele Nutzer anonym im Netzwerk „Naver“. Dort schreibt der Nutzer „nhs3“: „Ich habe Angst vor Mers, aber noch mehr fürchte ich die Anomie, die unsere Präsidentin diesem Land beschert hat.“ Anomie bezeichnet einen gesellschaftlichen Zustand schwacher Regeln und Normen. Das Wort fällt häufiger in diesen Tagen. Nutzer „jhwa“ ist noch direkter: „Die Inkompetenz der Präsidentin kann offenbar noch weiter wachsen.“

Damit spielen die Nutzer darauf an, dass bei ersten Patienten die Krankheit so spät festgestellt wurde, dass einer der Betroffenen einen Kongress mit 1500 Teilnehmern besuchen konnte und ein anderer sogar nach China fliegen konnte und weitere Menschen anstecken. Am Mittwoch wurde bekannt, dass einige Angehörige infizierte Opfer besuchen konnten, ohne unter Quarantäne zu kommen. Und selbst denen, die unter Hausarrest gestellt wurden, wurde offenbar noch nicht mitgeteilt, wie sie die nächsten 14 Tage ohne Einkäufe überleben sollen.

Doch der Umgang mit Problemen ist zumindest offener. Zudem hielt die Regierung zu Beginn der Mers-Krise die Namen der betroffenen Krankenhäuser zurück, offiziell, um den finanziellen Schaden der Häuser gering zu halten, auch das renommierte Samsung Medical Center war betroffen. Zwei Twitter-User, die trotzdem Namen verrieten, wurden sogar kurze Zeit festgenommen. Doch seit Sonntag werden alle 29 betroffenen Hospitäler offen kommuniziert, der Premier Choi Kyung-hwan versprach „100 Prozent Offenheit“. Bei einer Pressekonferenz am Mittwoch beruhigte er noch einmal: „Das Virus wird nicht über die Luft übertragen“, sagte er, und man solle seinen Alltag nicht verändern.

Zum Teil treibt die Angst vor dem bisher unbekannten Virus auch ungewöhnliche Blüten in Südkorea: So hat eine Abgeordnete der konservativen Partei im Parlament vorgeschlagen, die Krankheit nicht mehr Mers zu nennen, sondern ihr einen koreanisch klingenden Namen zu geben. Das ausländisch klingende Wort würde Koreaner zusätzlich verängstigen. Auf dem Rathausvorplatz demonstrierten am Dienstag Anti-Homosexuellen-Verbände gegen eine geplante Parade mit dem Argument, dass HIV-geschwächte Homosexuelle noch leichter Mers übertragen könnten. Die meisten von ihnen trugen Schutzmasken – allerdings war nicht klar, ob wegen der Krankheit oder, um nicht erkannt zu werden. Das reicht noch nicht, um von einer Panik zu sprechen, immerhin ist das Einwanderungsbüro seit Mittwoch wieder geöffnet. Aber überall auf den Straßen, wenn jemand hustet oder niest, drehen sich plötzlich mehr Menschen besorgt um.