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Über dem Himmel von Berlin

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Karl-Friedrich Hoffmann, Vorsitzender des Vereins Planetarium am Insulaner

Wenn Karl-Friedrich Hoffmann am Schaltpult steht, er auf Knöpfe drückt und sich das Kuppeldach der Sternwarte mit einem Brummen öffnet, dann erinnert er an diesen Wissenschaftler aus dem Film „Zurück in die Zukunft“. Das liegt nicht nur an seinen weißen Haaren und den Kabeln und Reglern, die ihn umgeben. Wie „Doc“, der Forscher aus dem Film, hat auch Hoffmann ein anderes Verhältnis zur Zeit als die meisten Menschen. Seit 50 Jahren schaut er in die Sterne. Wer sich mit Unendlichkeit beschäftigt, kommt gar nicht umhin, über Reisen durch die Zeit nachzudenken.

Um ein bisschen zu verstehen, warum Hoffmann das schon so lange tut, reicht ein Blick in das Teleskop, vor dem er steht. Es zeigt wie ein Flakgeschütz durch die Öffnung in der Kuppel direkt in die Sonne. Gefährlich ist das eigentlich, ein Blick durch die Linse in die Sonne würde jede Netzhaut sofort verbrennen. Aber dicke Filter machen es möglich. Ich schaue also in das Okular und sehe Fontänen aus Feuer. Die Sonne ist ein roter und ziemlich wütender Ball.

Nicht, dass man diesen Anblick nicht kennen würde. Filme über das Weltall laufen überall. Im Zeitraffer wirken die Aufnahmen sogar noch spektakulärer. Aber zu sehen, was da draußen vor sich geht, acht Lichtminuten von der Erde entfernt, Tag und Nacht, trifft mich ins Herz. So banal dieser Gedanke klingt, so hartnäckig bleibt er im Kopf.

Das Weltall gibt es wirklich.

In die Sonne zu schauen, das befreit einen Menschen vielleicht aus der Unmündigkeit, wie ein Philosoph es in einem berühmten Gleichnis geschrieben hat. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Einem Stadtmenschen, der im Dauerhellen so gut wie nie einen richtigen Sternenhimmel sieht, kann so ein direkter Blick auch das machen: Angst.

Gut, dass Karl-Friedrich Hoffmann nicht so wirr und schnell redet wie Doc aus „Zurück in die Zukunft“. Im Gegenteil, er ist sehr sachlich. Einer, der nicht gleich ausflippt bei dem Gedanken daran, dass die Sonne eines Tages explodieren wird. Oder daran, wie klein unser Planet doch ist. Vermutlich, weil er all das schon lange weiß. Er lebt damit. Hoffmann ist einer, der sich mit viel Geduld mit kleinen und irdischen Dingen beschäftigt.

Wir stehen im Foyer der Wilhelm-Foerster-Sternwarte auf dem Insulaner, dem Schuttberg in Schöneberg aus Trümmern des Zweiten Weltkrieges. Hoffmann ist Vorsitzender des Vereins, der die Sternwarte und das Planetarium hier betreibt. In diesem Monat feiert das Planetarium seinen 50. Geburtstag. Ein halbes Jahrhundert, auf der Erde ist das eine lange Zeit. Insulaner, der Name des Schutthügels, stammt aus dem Kalten Krieg, er erinnert an die Insellage West-Berlins. In den 60er-Jahren, als Sternwarte und Planetarium erbaut wurden, hatten Russland und Amerika gerade eine neue Disziplin entdeckt, um vor der Weltöffentlichkeit zu ringen: die Raumfahrt. Welches der beiden Systeme würde es zuerst auf den Mond schaffen – Kapitalismus oder Kommunismus?

Aber Hoffmann hat es gar nicht so eilig, die großen Fragen zu besprechen. Erst mal zeigt er die Planeten, die ein Künstler ins Foyer der Sternwarte gemalt hat. „Schauen Sie mal, beim Saturn gibt es einen Trick“, sagt er und öffnet eine Tür. Eigentlich würde die offene Tür nun ein Stück von Saturn überdecken, aber auf ihr ist ein Teil des Planeten und seines Ringes gemalt. Das Bild auf der geöffneten Tür passt genau auf das Bild an der Wand. Das ist Liebe zum Detail. „Sie stehen in der Sonne“ sagt Hoffmann plötzlich. Es dauert, bis ich merke, das war ein Witz. Die große Eingangstür ist Teil der Sonne, die darauf gemalt ist.

Die Planeten sollen verschwinden

Weniger schön ist, dass die Berliner Denkmalbehörde angeordnet hat, dass die Planeten verschwinden sollen. Mitarbeiter haben an einer Stelle in der Wand sorgfältig die Farbschichten abgekratzt und mit Zetteln gekennzeichnet. Schicht Nummer eins stammt aus dem Jahr 1963. Damals war die Wand grau gestrichen. Und so sollen die Wände hier bald auch wieder aussehen.

„Wir sind doch kein Museum“, sagt Hoffmann. Er weiß, dass ein Betrieb wie seiner auch unterhaltsam sein muss, um Besucher zu ziehen. Bunte Gestaltung und Unterhaltung gehören dazu. Graue Wände eher nicht. Je mehr Aufnahmen im Internet vom Weltall kursieren, desto weniger schauen die Menschen direkt in den Himmel, sagt Hoffmann. Früher seien viel mehr Studenten in seinen Verein eingetreten. 1100 Mitglieder sind es derzeit, die Altersstruktur ist „inzwischen etwas älter“.

Das klingt schon absurd: umso schärfer die Aufnahmen ferner Galaxien werden, umso beeindruckender Science-Fiction-Filme, desto mehr wird das All zu einer künstlichen Welt. So, als würde man nicht mehr zum Meer fahren, sondern es nur auf seinem Smartphone anschauen.

Damals, als das Foyer der Sternwarte in Grau gestrichen wurde, war dieser Kampf um Aufmerksamkeit noch nicht nötig. Die Archenhold-Sternwarte in Ost-Berlin war bei der Teilung für den Westen nicht mehr erreichbar. Der Senat stimmte bereitwillig einer Initiative von Hobbyastronomen zu, die Sternwarte in Schöneberg zu errichten. Sicher auch, damit nicht nur die Kommunisten nebenan in die Sterne schauen konnten. Es war auch ganz interessant für die Amerikaner, hier einen Beobachtungspunkt für Satelliten zu haben. Weiter in den Osten als nach West-Berlin kamen sie nicht. Und die Menschen blieben nachts wach, um Bilder der Mondlandung im Fernsehen zu sehen.

Für 50 Jahre bewilligte der Senat damals Verträge für Mitarbeiter. Unendliche Weiten waren das. Nun muss Hoffmann immer wieder dafür kämpfen, dass die Politik ihm nicht das Geld abstellt. Bisher läuft das ganz gut.

Karl-Friedrich Hoffmann, Jahrgang 1943, wollte nie Astronaut werden. Er ist gerne genau dort, wo er herkommt: Berlin. Dass er Chemie studierte, promovierte, acht Jahre als Lehrer arbeitete und später Abteilungsleiter in einem Berufsbildungsverein wurde, wo er bis zu seiner Pensionierung blieb – diesen Teil seines Lebens erzählt er beinahe in einem Satz. Viel mehr aber wird er über das größte Teleskop der Sternwarte erzählen, das wir uns anschauen. Der Bamberg-Refraktor, ein 4,5 Tonnen schweres Teleskop aus dem unglaublichen Jahr 1889. Hoffmann erzählt, dass Herr Mühle und Herr Weber, Pioniere seines Vereins, das Teleskop damals aus den Trümmern der Urania gerettet haben. Sie brachten das Teleskop in eine improvisierte Sternwarte in der Papestraße. Dort hörte Hoffmann als Schüler der 10. Klasse seinen ersten Vortrag über das Weltall. „In der Papestraße habe ich ihn kennengelernt“, sagt Hoffmann. Wen hat er kennengelernt? Herrn Mühle oder Herrn Weber? Hoffmann sagt: „Vor allem habe ich den Refraktor kennengelernt.“

Wir gehen raus. Von oben auf dem Insulaner schauen wir auf die Stadt, die Bäume rauschen im Wind. Hoffmann kann sich gut daran erinnern, als die großen Bäume hier kleine Pflänzchen waren. Als er ein Junge war, habe ihm ein Erwachsener gesagt: „Eines Tages sind das hohe Bäume.“ Damals habe er das kaum glauben können. War die Zeit dazwischen nun kurz oder lang? „Zeit ist nur eine Wahrnehmung der Menschen“, sagt Hoffmann. So redet er immer. Das Weltall macht weise. Er hat auch die Bücher von Stephen Hawking gelesen, der sagt, Zeitreisen seien in einem gewissen Sinne möglich. Oder so rum: Zeit ist keine feste Größe.

Gibt es außerirdisches Leben? „Wo Wasser ist, kann Leben sein. Wasser hat man mehrfach auf anderen Planeten nachgewiesen.“ Dann stelle ich die Frage, die nun kommen muss. Die Größe des Weltraums, die Spiralform der Galaxien, ist all das wirklich Zufall?

Oder ist es Gott?

Hoffmann sagt, in der Bibel stehe jedenfalls nicht, dass es außerhalb der Erde kein Leben gebe. „Töricht“ sei es, wenn die Wissenschaft sage, was man nicht messen könne, das gebe es auch nicht. Seit 50 Jahren verfolgt Hoffmann die Erforschung des Universums. Unmöglich, das ist seine Erkenntnis, ist da erst mal nichts. Er hat miterlebt, wie Forscher herausgefunden haben, dass unser Blick in ferne Galaxien ein Blick in die Vergangenheit ist. Weil ihr Licht Milliarden Jahre in unsere Augen braucht.

Wenn die Luft besonders klar ist, in kalten Nächten, zieht sich Hoffmann eine warme Jacke an und geht auf den Berg. Er sucht gar nicht mal nach fernen Galaxien. Er schaut das Außerirdische an, das am nächsten ist: den Mond. Stundenlang schaut er zu, wie sich die Schatten auf den Kratern verändern, wenn die Sonne auf der anderen Seite der Erde wandert.

Wenn Aliens in Berlin landen

Die Anlage hier oben ist ein einsamer Ort. Es gibt Wind, Bäume und Sterne. „Man baucht Geduld und einen klaren Himmel“, sagt Hoffmann. „Beides kommt in Berlin ziemlich selten zusammen.“ Drei Kuppeln stehen hier, mit verschiedenen Teleskopen. Die Anlage sieht aus wie eine Siedlung auf einem fremden Planeten. Sollte mal ein Ufo landen in Berlin, es würde einen nicht wundern, wenn die Aliens sofort zu Herrn Hoffmann gehen würden. Einfach, um sich bei ihm für seine Treue zu bedanken. Ebenso wenig würde es einen wundern, wenn Hoffmann hier eben doch an einer Zeitmaschine arbeitet. So wie der Doc aus „Zurück in die Zukunft“.

Aus dem Kalten Krieg kann uns ein Vereinsmitglied erzählen. Wir treffen den Mann in einer der Kuppeln. Er schaut am liebsten zu, wenn Planetoiden für kurze Zeit einen Stern verdecken. Dann misst er Daten, die darauf schließen lassen, wie groß dieser Planetoid ist. Das Vereinsmitglied, seinen Namen will er vor lauter Bescheidenheit nicht in der Zeitung lesen, übermittelt seine Daten in eine weltweite Sammlung. Das hat er früher auch schon gemacht, als er in Ost-Berlin lebte. Heute erfährt er im Internet, wann er diese Planetenkonstellation findet. Früher bestellte er die Information per Post aus England. Solche Ware aus dem Westen, sagt er, wurden damals „geradeso toleriert“. Es wurde aber telefoniert zwischen den Sternwarten im Osten und im Westen, da wurden Positionen von Satelliten durchgegeben oder was sonst spannend war für Astronomen.

Während Russen und Amerikaner ihre Show zur Eroberung des Weltalls abzogen, hielten die Sternegucker also auf beiden Seiten zusammen. Es ist auch viel logischer, wenn die Menschen gemeinsam forschen. Irgendwann müssen wir weg von unserem Planeten, dann wird sich die Sonne aufblähen und alles vernichten, was die Menschen je waren. Wenn es bis dahin klappt mit der Raumfahrt, haben auch die Sternfreunde vom Insulaner einen Beitrag geleistet.

Wir gehen runter zum Planetarium. Hoffmann erzählt, wie eng die drei Planetarien der Stadt inzwischen zusammenarbeiten, dass die Projektoren alle Themen der Wissenschaft abbilden können. In seinem Büro steht ein Regal voller alter Bücher. Er zieht einen Band aus dem Regal. „Populäre Astronomie“ aus dem Jahr 1830. Hoffmann sagt, darum gehe es. Astronomie hat Tradition, gerade in Berlin, schon Alexander von Humboldt habe verfügt, dass Berliner einmal im Monat einen Blick durch das Teleskop der Forscher werfen dürfen. „Weimar hat Goethe und Schiller“, sagt Hoffmann. „Dass Berlin die beiden Humboldts hat, müssen wir viel mehr betonen.“ Hoffmann ist eben nicht nur Sternegucker, sondern auch Lokalpatriot. Und Lehrer. Er kann es nicht fassen, wenn Schüler nicht wissen, ob sich die Erde um die Sonne dreht oder umgekehrt. Er will so viele Besucher wie möglich in die Sternwarte locken.

Weil Hoffmann weiß, was ein direkter Blick in die Sonne verändert.