Religion

Die Partystadt Istanbul wird trockengelegt

Türkei vor der Wahl: Staatspräsident Erdogan versucht, die Bevölkerung auf AKP-Linie zu bringen. Kritiker befürchten schleichende Islamisierung

Auf einer Sitzbank mit Blick auf den Bosporus genießt die Studentengruppe den Sonnenuntergang. Die Party kann beginnen. Außer ihren Taschen hat jeder der vier jungen Männer eine schwarze Plastiktüte dabei. Die halten sie immer wieder nahe an den Mund. Einer aus der Gruppe hat das Versteckspiel schnell satt: Er holt aus seiner Tüte eine offene Bierdose hervor und nimmt einen Schluck. Nach und nach machen es ihm seine Freunde nach – bis sie die näher kommende Polizei sehen, die für die Parkaufsicht zuständig ist, und hektisch davonlaufen. Und das mitten in Istanbul.

Seit dem 9. September 2013 ist es in der Türkei verboten, auf öffentlichen Plätzen und in Parks Alkohol zu trinken. Das entsprechende Gesetz wurde vom damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Staatschef Recep Tayyip Erdogan persönlich vorangetrieben und vom türkischen Parlament über Nacht durchgeboxt. Der Steuersatz auf Bier stieg in den vergangenen 13 Jahren von 18 Prozent auf mehr als 60 Prozent. Zwischen 22 Uhr und 6 Uhr morgens ist der Alkoholverkauf komplett verboten.

Wirte mussten Bankrott erklären

Diese strengen Restriktionen machen – wie von der Regierung gewollt – den Alkohol teurer. Viele Wirte in der Touristenhochburg am Bosporus mussten ihren Bankrott erklären. Während Fassbier in Kneipen und Tavernen umgerechnet etwa fünf Euro kostet, müssen Besucher von Diskotheken, Clubs und Restaurants noch tiefer in die Taschen greifen. Dann sind Preise für einen halben Liter Bier jenseits der sieben Euro völlig normal. Und wer Wodka, Whiskey oder das Nationalgetränk Raki möchte, muss schon ein pralles Portemonnaie mitführen: Satte 43 Euro kostet im Durchschnitt eine 0,7-Liter-Flasche Whiskey, die gleiche Menge Wodka immerhin noch gut 23 Euro. Vor der Gesetzesverabschiedung waren die Getränke rund ein Viertel günstiger.

Dass es sich um eine Lex Istanbul handelt, ist kaum von der Hand zu weisen. Abseits von Istanbul und der Touristenküste ist es ohnehin nicht so einfach, an Alkohol zu kommen. In Denizli zum Beispiel gibt es genau einen kleinen Alkoholladen. Restaurants, die Alkohol anbieten, wurden an den Stadtrand abgedrängt. Nach Angaben der OECD wird in der Türkei pro Kopf der Bevölkerung, die älter als 15 Jahre ist, gerade einmal 1,5 Liter reiner Alkohol pro Jahr getrunken. Zum Vergleich: Der europäische Durchschnitt liegt bei 10,7 Litern.

Im pulsierenden Istanbuler Stadtteil Beyoglu wurde das Aufstellen von Tischen vor den Lokalen verboten. Auf einen Schlag verschwand die turbulente Geselligkeit, die bis dahin dem Viertel sein unverwechselbares Flair gegeben hatte. Aber in Beyoglu, wo der türkische Zeitgeist mehr westlich als östlich ist, war das den Behörden wohl ein Dorn im Auge.

„Das neue Alkoholgesetz hat dazu geführt, dass meist nach Mitternacht einige Kleinhändler nach der Sperrzeit unter der Hand weiterverkaufen, allerdings mit einem satten Preisaufschlag. Das ist natürlich illegal, doch nur so lohnt sich der Verkauf überhaupt noch“, erklärt Volkan M., Inhaber von zwei Kneipen im Stadtteil Cihangir. „Mehrmals pro Woche macht die Polizei hier ihre Kontrollgänge. Ich bin nicht vom neuen Gesetz betroffen, da ich schon vor Inkrafttreten der neuen Regeln meine Tavernen betrieben habe.“ Volkan M. profitiert von einer Ausnahme des scharfen Verbots. Im 100-Meter-Radius von Schulen und Moscheen darf gar kein Alkohol verkauft werden. Weil das aber mit einem Schlag das Ende vieler Kneipen bedeutet hätte, greift dieser Passus erst ab einem Besitzer- oder Namenswechsel. Doch selbst das fängt die Verluste seiner Kneipe kaum auf: „Wir haben zwei große Probleme. Zum einen sorgt das Gesetz dafür, dass generell weniger Menschen zum Trinken kommen, unabhängig davon, dass Alkohol gesellschaftlich zunehmend verschmäht wird. Das andere Problem ist, dass wir kein ideales Zeitfenster zum Verkauf von Alkohol mehr haben. Den Hauptumsatz haben wir am späten Abend gemacht. Wer kommt denn schon mittags in die Kneipe?“

Andere hätten es noch schwerer gehabt, erzählt Volkan M. So sei nur wenige Straßen weiter eine Kneipe geschlossen worden, die schon jahrzehntelang Anlaufpunkt für viele Touristen war. „Der Besitzer ist in den Ruhestand gegangen und hat die Bar seinem Sohn überschrieben. Das haben die Behörden als Inhaberwechsel gedeutet.“ Und so griff der Automatismus, dass dort kein Alkohol ausgeschenkt werden darf, da sich das Lokal in der Nähe einer Grundschule befindet. Lokalzeitungen der Millionenmetropole berichteten über diesen Fall, viele Kneipeninhaber solidarisierten sich mit der betroffenen Familie – ohne Erfolg. Der Nebeneffekt: Seitdem gibt es kaum noch Inhaberwechsel innerhalb von Familien.

Während in den von der AKP regierten Stadtteilen Istanbuls den Lokalinhabern das Leben mit allerlei Schikanen immer schwerer gemacht wird, genießen die Oppositionsviertel eine Blütezeit für Bars und Lokale. Im säkularen Stadtteil Kadiköy etwa gibt es heute sehr viel mehr Kneipen und Bars als noch vor wenigen Jahren. Dort trinken immer mehr Menschen immer mehr Alkohol.

Kritiker werfen der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP vor, mit dem Anti-Alkohol-Gesetz der schleichenden Islamisierung der Türkei den Weg zu bereiten. Längst kehre eine fromm-islamische Lebensweise im Alltag ein. Der Säkularismus, die strikte Trennung von Staat und Religion, seit der Staatsgründung von 1923 in der Verfassung verankert, werde durch solche Gesetze ausgehebelt, so die sozialdemokratische und westlich orientierte Oppositionspartei CHP: „Erst ist das Kopftuchverbot für Staatsbedienstete aufgehoben worden, dann wird öffentlich ein rückständiges Frauenbild in der Öffentlichkeit gezeichnet, und jetzt wird der Alkohol stigmatisiert.“ Der öffentliche Genuss von Alkohol ist ohnehin nicht mehr gestattet, große Warnhinweise, wie man sie sonst auf Zigarettenschachteln finden kann, prangen auf Flaschen und Dosen. Die Getränke dürfen durch die Ladenfenster nicht zu erkennen sein, selbst der Ausschank in Restaurants ist räumlich eingeschränkt, es gibt einen separaten „Alkoholbereich“.

Die Restriktionen betreffen auch die zahlreichen Musikfestivals am Bosporus: Dort dürfen Getränkehersteller, die Alkohol in ihrem Sortiment haben, nicht mehr als Sponsor auftreten. Die Organisatoren müssen vor jeder Veranstaltung eine Genehmigung für den Alkoholausschank beantragen. „Es ist eine Tortur für uns, eine Genehmigung einzuholen. Die Behörden arbeiten bewusst langsam und willkürlich. Der ganze Aufwand lohnt sich für uns kaum noch, viele verzichten komplett auf Alkohol“, sagt ein Eventmanager aus dem Istanbuler Stadtteil Kadiköy.

Besitzer von Läden, Restaurants, Kneipen oder Supermärkten müssen jegliche Werbung für Alkohol entfernen. Das Logo von Alkoholmarken darf nicht mehr zu sehen sein. Auch im Fernsehen ist Alkoholreklame strikt untersagt. Bei wiederholten Verstößen gegen das Verbot drohen bis zu einer halben Million türkische Lira (knapp 185.000 Euro) Strafe. Die selbst ernannte „Perle der Mittelmeerbiere“, Efes Pilsen, zog sich nach der Gesetzesverabschiedung mangels profitabler Werbemöglichkeiten als einer der größten Hauptsponsoren des türkischen Sports zurück.

Und auch für Exporteure hierzulande lohnt sich das Geschäft nicht – allerdings aus einem anderen Grund. „Die jüngste Verschärfung des Alkoholmonopol-Gesetzes hat für uns nur eine marginale Wirkung. Auch wenn der türkische Abnehmermarkt an sich lukrativ ist, lohnt sich der Export für die meisten Brauereien nicht. Denn die Realität vor Ort gestaltet sich für die Biereinfuhr außerordentlich schwierig“, sagt Rodger Wegner, Geschäftsführer des Verbands der Ausfuhrbrauereien Nord-, West- und Südwestdeutschlands (VAB). „Die türkischen Behörden haben eine Vielzahl an Auflagen, die sie vom Importeur und Exporteur erfüllt sehen wollen. Dazu macht insbesondere die verlangte Anbringung von Steuerbanderolen per Hand auf den einzelnen Flaschen und Dosen die meisten Geschäfte unrentabel, zudem sind viele Importeure schlicht überfordert, weswegen aus Europa generell wenig Bier in die Türkei verkauft wird.“ Tatsächlich ist die Türkei laut des Statistischen Amts der Europäischen Union (Eurostat) Schlusslicht, was den Bierimport angeht: 2013 führte das 78-Millionen-Einwohner-Land nur 29.000 Hektoliter Bier ein. Deutschland mit einer ähnlich hohen Einwohnerzahl importierte im selben Zeitraum 6,3 Millionen Hektoliter.

Die Partystadt Istanbul wird trockengelegt. Als Tourist sollte man skeptisch sein, wenn in Lokalen in der Partymeile Istiklal Caddesi auf der Speisekarte die Preise für alkoholhaltige Getränke nicht aufgeführt sind. Gewiefte Lokalinhaber sind so sehr in die Ecke gedrängt, dass sie bei einer mehrfachen Bestellung von Cocktails die Preise erhöhen. Lässt man dann den Chef rufen, um sich über die horrende Summe zu beschweren, führt der achselzuckende Betreiber nicht etwa das Anti-Alkohol-Gesetz auf, sondern kommt mit der gängigen Floskel: „Das ist in Touristengegenden ganz normal.“