Fußball

Der Boss windet sich aus der Krise

Fifa-Skandal: Joseph Blatter will „sofort“ damit beginnen, die Probleme anzupacken – und appelliert an den Teamgeist. Selbstkritik: Fehlanzeige

In der Mittagspause taucht ein Mann im Unterhemd und mit Bierdose in der Hand am Zürcher Hallenstadion auf und poltert auf Schweizerdeutsch los. „Haut ab! Alle!“, brüllt er, sobald er einen Teilnehmer des Fifa-Kongresses hinter dem Sicherheitszaun erblickt: „Ihr Korrupten!“ Die Männer, die da eine Zigarette rauchen oder Erinnerungsfotos schießen, verstehen die Sprache des Wutbürgers nicht. Sie wissen nicht, was er von ihnen will.

Der Zustand, in dem sich der Fußball-Weltverband befindet, brachte diesen Herrn aus der Fassung, und so musste man froh sein, dass er zum Hallenstadion selbst keinen Zutritt hatte. Die Geschehnisse dort hätten ihn vermutlich zumindest in die Nähe eines Herzinfarkts gebracht. Denn dort sprach der mächtigste Fußball-Herrscher des Planeten über den aktuellen Zustand der Fifa, und entweder ist es so, dass Joseph Blatter noch nicht so richtig verstanden hat, was in den vergangenen Tagen – mal wieder – geschehen ist. Oder er versuchte ganz einfach, den Rest der Welt für blöd zu verkaufen.

„Die Schuldigen, wenn sie denn als schuldig verurteilt werden, das sind Einzelpersonen, das ist nicht die gesamte Organisation“, sagte der 79 Jahre alte Schweizer im Blick auf den aufsehenerregendsten Skandal in der Geschichte der Fifa, der am Mittwoch seinen Lauf genommen hatte. Da rückten Schweizer Beamte in das Zürcher Nobelhotel „Baur au Lac“ ein und nahmen mehrere Fußball-Funktionäre fest. Der Zugriff erfolgte auf Anweisung der US-amerikanischen Behörden, die insgesamt 14 Beschuldigten Bestechlichkeit, Geldwäsche und organisiertes Verbrechen vorwerfen. Zudem hatte die Schweizer Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren im Zusammenhang mit der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Katar eröffnet. Auch den britischen Strafverfolgungsbehörden liegt belastendes Material gegen Offizielle der Fifa vor, hieß es am Freitag.

Politiker und Fußball-Offizielle aus aller Welt forderten daher den Abgang des Fifa-Präsidenten Blatter. Der Europäische Fußballverband Uefa sprach kurzzeitig gar über einen Boykott des Kongresses, konnte sich zu diesem Schritt aber nicht durchringen. Uefa-Boss Michel Platini appellierte noch am Donnerstag im Vieraugengespräch an Blatter, nicht noch einmal zur Präsidentenwahl anzutreten. Tränen habe er dabei in den Augen gehabt, sagte der Franzose im Nachgang. Blatter beeindruckten weder Worte noch Tränen, er schlug den Wunsch Platinis aus. Und auch Zweifel, noch der Richtige für den Job des Fifa-Präsidenten zu sein, taten sich bei dem Schweizer nicht auf – das machte seine Performance beim Kongress deutlich.

„Wir sind zusammengekommen, um die Probleme anzupacken. Das wird nicht sofort möglich sein, aber wir werden sofort beginnen“, sagte Blatter in seiner Bewerbungsrede und rief zum „Teamgeist und zur Einheit“ auf: „Zeigen wir der Welt, dass wir fähig sind, die Fifa zu führen. Gemeinsam können wir es schaffen!“ Das überzeugte im ersten Wahlgang nicht, in dem Blatter die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit verpasste. Ein zweiter Wahlgang fiel aber aus, weil Herausforderer Prinz Ali bin al-Hussein, 39, verzichtete. So siegte Blatter.

Er sei bereit, zu akzeptieren, dass der Fifa-Präsident für alles verantwortlich gemacht werde, sagte Blatter weiter, diese Verantwortung müsse aber – unter anderem mit dem Exekutivkomitee, sozusagen dem Vorstand – geteilt werden. Seine Organisation könne nicht die ganze Welt kontrollieren, die Fifa sei auf die Mitarbeit und Hilfe in den National- und Kontinentalverbänden angewiesen.

Dabei ignoriert Blatter, dass nicht ein Platzwart des Nationalstadions in Vanuatu gegen irgendein Gesetz verstoßen haben soll und festgenommen wurde, sondern mehrere seiner engsten Vertrauten. Einer ist Jeffrey Webb, Präsident des Verbandes von Nord- sowie Mittelamerika und der Karibik, von Blatter jüngst für seine Führungsqualitäten gelobt.

Beckenbauer auf Linie

Franz Beckenbauer liegt indes auf der Linie von Blatter. „Es liegt nicht an der Person. Theo Zwanziger hat mal einen sehr guten Satz gesagt: ,Es ist nicht die Person, sondern das System.‘ Es ist ganz schwierig, dieses System zu ändern“, sagte der Ehrenpräsident des deutschen Fußball-Rekordmeisters Bayern München am Freitag bei Sky Sport News HD. „Es sind 209 Länder, 209 Nationalverbände. Das ist die Fifa – und nicht die Zentrale in Zürich. Es sind alles demokratische Vorgänge, wenn die Nationalverbände ihre Vertreter in die Kontinentalverbände wählen. Wie willst du diese 209 Länder kontrollieren, das ist fast unmöglich“, sagte Beckenbauer.

Belege dafür, dass der Fifa-Präsident von den schmutzigen Geschäften Webbs und anderen Funktionären wusste, sind bislang nicht zutage getreten. In den Augen Blatters bedeutet das, dass ihn die Verbrechen persönlich gar nichts angehen. Dass er nicht in Sippenhaft genommen werden kann.

Und die Sache mit der WM-Vergabe nach Russland und Katar? Die Korruptionsvorwürfe? Die Versklavung von Billigarbeitern im Wüstenstaat? Vor der Tür gab es Proteste gegen die Zustände in Katar. Blatter widmete sich dem Thema nur ganz kurz. „Wenn zwei andere Länder aus dem Umschlag gezogen worden wären, hätten wir diese Probleme nicht“, so der Fifa-Boss, dessen Ansprache Katar-Kritiker Theo Zwanziger daheim auf dem Sofa verfolgte. Der 69-Jährige hatte sich kurzfristig entschieden, nicht zum Kongress zu reisen – obwohl er hier als Mitglied des Exekutivkomitees verabschiedet werden sollte. „Ich habe bei dieser Veranstaltung nichts zu suchen. Das ist alles in den letzten Tagen zu einem großen Zirkus verkommen“, sagte Zwanziger der Berliner Morgenpost: „Ich habe keine aktive Rolle mehr und kein Stimmrecht, und ich arbeite auch nicht an der Zukunftsgestaltung mit.“ Zwanziger informierte Blatter vorab per Brief über sein Fernbleiben. „Was soll ich also da? Ich sehe darin keinen Sinn. Das ist nicht meine Welt.“