Porträt

Die oberste Fifa-Jägerin

US-Justizministerin Loretta Lynch ist eine ziemlich gefährliche Gegnerin

Einen Rekord hat Loretta Lynch mitgebracht in ihr Amt als Justizministerin, aber er fällt weder in die Sphäre des Sportlichen noch des Erfreulichen: 166 Tage vergingen zwischen ihrer Ernennung durch Präsident Barack Obama am 8. November vergangenen Jahres und ihrer Bestätigung durch den Senat am 23. April. Man muss schon bis zu Ronald Reagan zurückgehen, dessen Kandidat Edwin Meese gar 386 Tage warten musste.

In ihr derzeit vorrangiges Thema, nämlich den am Mittwochmorgen durch Festnahmen in Zürich und in Florida weltweit bekannt gewordenen Kampf gegen korrupte Fifa-Funktionäre, konnte sich Lynch mithin nicht lange einarbeiten. Doch die Verzögerung bei ihrer Nominierung spricht nicht gegen die Frau, der in beiden politischen Lagern schon während ihrer Zeit als Generalstaatsanwältin in New Yorks östlichem Distrikt große Kompetenz zugesprochen wurde. Politischer Stillstand ist schlicht zum traurigen Markenzeichen des grabenkämpferischen Washington D.C. geworden. Daran ändert wenig, dass die Republikaner der scheidenden Chefanklägerin vorwarfen, in einem Geldwäscheskandal allzu rasch auf eine Anklage gegen die involvierte Bank HSBC verzichtet zu haben.

Den Fifa-Fall wird sie hingegen sehr gewissenhaft untersuchen. Ihr Ministerium sei entschlossen, „Korruption an der Wurzel auszureißen und Übeltätern den Prozess zu machen“, kündigte Lynch am Mittwoch bei einer Pressekonferenz an. Dass die 55-jährige Top-Juristin allzu großes Interesse am Fußball an sich hätte, lässt sich nicht sagen. Sport scheint, abgesehen von gelegentlichen „Tennispartien zum Stressabbau“ (Lynch über Lynch), insgesamt nicht zu den vorrangigen Interessen der Frau aus Greensboro in North Carolina zu gehören. Überhaupt Zeitvertreib!

Sie habe immer viel gelesen, sei neugierig gewesen, wollte viel lernen, berichten Studienfreunde aus Harvard, wo Lynch das Fach Englische und Amerikanische Literatur 1981 mit einem B.A. und die Jurisprudenz 1984 mit dem Doktortitel abschloss. Mit korrupten Politikern und windigen Geschäftsleuten, mit Drogenhändlern und Menschenschmugglern wurde Lynch fertig. Mehrere Jahre war sie zudem als Partnerin für eine renommierte New Yorker Anwaltskanzlei tätig. Internationale Erfahrung sammelte sie, als sie ehrenamtlich und ohne Bezahlung am Internationalen Straftribunal in Ruanda mitwirkte, um den Völkermord von 1994 aufzuklären.

Seit 2007 ist Lynch mit Stephen Hargrove verheiratet, der zwei Kinder aus einer früheren Ehe in den Haushalt mitbrachte. „Das bringt viel Freude“, sagt die Ministerin. Jene Fifa-Gewaltigen, die demnächst wegen Korruption vor US-Gerichten stehen werden, dürften von diesem Spaß wenig abbekommen.