Unternehmen

Die Macht der Millionen

Dussmann: Der Berliner Konzern arbeitet weltweit erfolgreich. Aber ein Streit ums Erbe des Gründers überschattet die hervorragende Bilanz

Am Donnerstag ist es wieder so weit: Der Dussmann-Konzern legt Zahlen für 2014 vor. Es werden gute Zahlen sein: Die zweite Umsatzmilliarde fast erreicht, bestes Jahr der 51-jährigen Geschichte, dazu Wachstumspläne für 2015 – so in die Richtung wird es laufen, was Vorstandschef Dirk Brouwers und Stiftungsratschefin Catherine von Fürstenberg-Dussmann verkünden werden. Positive Nachrichten für den Konzern mit seinen rund 61.000 Mitarbeitern, entsprechend gut sei die Stimmung im Unternehmen, heißt es.

Doch dann ist da dieser Streit, Mutter gegen Tochter, der mit dem täglichen Geschäft der Dussmann-Gruppe wenig zu tun hat. Ein Streit um das Erbe des Firmengründers, der tiefe Einblicke in eine reiche, offenbar schwer zerrüttete Familie gibt. Es geht um mehrere Hundert Millionen Euro, ein Strandhaus in Malibu, ein Schloss in Wasserlage an der französischen Mittelmeerküste, eine Motoryacht, Gold, Schmuck, Uhren – und die Frage, wem der Dussmann-Konzern denn nun gehört.

Auf der einen Seite steht Angela Göthert, einzige Tochter des Ehepaars Dussmann. Auf der anderen Seite ihre Mutter, Vorsitzende des Stiftungsrates, der bei Dussmann derzeit das Sagen hat. Die Tochter fordert mindestens die Hälfte des Erbes, versucht ihre Mutter aber als erbunwürdig erklären zu lassen; dann bekäme sie alles. Zudem will sie die Stiftung abschaffen. Die Mutter wiederum beharrt auf der bestehenden Aufteilung des Erbes, die der Tochter derzeit ein Viertel zuspricht.

Beide Seiten haben große deutsche Kanzleien eingeschaltet. Demnächst wird sich das Landgericht Berlin mit dem Streit befassen. Ein Verhandlungstermin steht noch nicht fest. Weder die Tochter noch die Mutter wollen sich persönlich zum Fall äußern.

Peter Dussmann hatte die Dussmann-Gruppe 1963 gegründet, damals noch in München, und mit starker, manche sagen: sehr harter Hand aufgebaut. Seit 1994 sitzt der Konzern in der Hauptstadt. Am bekanntesten für die Berliner ist das Kulturkaufhaus an der Friedrichstraße. Wesentlich mehr Geschäft macht Dussmann allerdings mit Catering, etwa für die italienische Armee oder Siemens, Gebäudemanagement, Seniorenbetreuung und Betriebskindergärten. Der Konzern ist in rund 20 Ländern aktiv, darunter in China, Rumänien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Kindheit im goldenen Käfig

1981, Peter Dussmann ist mit der US-Schauspielerin Catherine von Fürstenberg liiert, beide erwarteten ein Kind, schrieb der Firmenchef ein Testament. Danach sollen seine Freundin und seine Tochter je zur Hälfte erben. Ein Jahr später heiratete Dussmann. Und Angela wurde geboren.

Die Kindheit war offenbar eine im goldenen Käfig, wie der „Spiegel“ kürzlich berichtete, Mutter und Tochter im Schloss Ascholding in Bayern oder im Strandhaus in Malibu, der Vater in der Firmenzentrale. Ein Leibwächter, wenig Freunde, aber wohl eine enge Beziehung zwischen Mutter und Tochter.

2002 muss die Dussmann-Welt noch in Ordnung gewesen sein. Ein Foto vom Sommerfest beim Bundespräsidenten zeigt Peter Dussmann, Ehefrau Catherine und Tochter Angela, alle drei strahlen. Vier Jahre später heiratete Angela Dussmann Ronald Göthert, Spezialist für Feinstofflehre, der vom nordhessischen Bad Zwesten aus eine esoterische Methode vermarktet. Feinstoffkörper, Astralleib – nicht gerade Themen, die auf Peter Dussmanns Linie als zupackender, durchsetzungsstarker Unternehmer liegen.

Der „Spiegel“ jedenfalls berichtete, das Ehepaar Dussmann sei nicht zur Hochzeit im Juni 2006 erschienen. Und unter Bezug auf einen Schriftsatz von Götherts Anwalt heißt es, das Geschenk habe unter anderem eine alte Decke aus Studienzeiten und eine alte Fernbedienung von Bang & Olufsen sowie einen nicht gerade von Zuneigung geprägten Brief der Mutter enthalten.

Hier wird es jetzt etwas unübersichtlich. Es ist nicht klar, ob Peter Dussmann seine Tochter nach der Hochzeit tatsächlich verstieß, ob nur die Mutter den Kontakt abbrach oder umgekehrt. Und schon gar nicht klar ist, ob Dussmann die Tochter enterben wollte. Das Testament von 1981 jedenfalls überarbeitete er nach der Hochzeit der Tochter nicht.

Dafür kümmerte sich Peter Dussmann darum, dass sein Lebenswerk auch nach seinem Tod Bestand hat. Es sollte nicht zerschlagen werden, was der Fall wäre, wenn Mutter und Tochter erben und einer der beiden seinen Anteil verkaufen würde. Die Stimmung in der Familie jedenfalls scheint nicht so, dass die bestehende Konstruktion den Fortbestand gewährleistet. Die Idee: eine Stiftungskonstruktion mit einem Steuergremium. So skizziert es ein Anwalt im Juli 2008 für Peter Dussmann.

Im Oktober desselben Jahres erlitt der Firmenchef dann einen Schlaganfall, es war der zweite. Nach dem ersten 1999 hatte er sich aus dem operativen Geschäft in den Aufsichtsrat des Unternehmens zurückgezogen. Jetzt lag er im Krankenhaus und musste gepflegt werden. Ein Gericht bestellte einen Betreuer.

Darüber, wie krank Dussmann damals tatsächlich war, streiten jetzt die Anwälte von Mutter und Tochter, es ist die alles entscheidende Frage. Denn am 25. Mai 2010 setzte Dussmann ein neues Testament auf. Danach erbt seine Frau 75 Prozent, seine Tochter 25 Prozent des Vermögens – der Pflichtteil. Einzelheiten zum Gesundheitszustand finden sich in den Akten beim Berliner Landgericht. Doch wie sie auszulegen sind, sehen beide Seiten unterschiedlich – natürlich.

Zehn Jahre kein Zugriff

Catherine von Fürstenberg-Dussmann hatte schon 2009 den Aufsichtsratsvorsitz im Dussmann-Konzern übernommen. Nach 2010 änderte sie die Struktur des Unternehmens. Seither steuert eine Stiftung die Geschicke, die Dussmann-Erben sind am Unternehmen beteiligt – derzeit im Verhältnis 75 zu 25 –, haben aber kein Mitspracherecht. Die täglichen Geschäfte führt der Dussmann-Vorstand um Dirk Brouwers, kontrolliert wird er vom Stiftungsrat mit von Fürstenberg-Dussmann an der Spitze. In die Stiftung floss das Unternehmen ein. Die Konstruktion sieht vor, dass die Erben mindestens zehn Jahre keinen Zugriff auf ihre Anteile haben. Es gibt allerdings laufende Ausschüttungen aus dem Unternehmensgewinn, seitdem Tod Peter Dussmanns 2013 sowohl an Angela Göthert als auch an Catherine von Fürstenberg-Dussmann.

Aus Sicht der Mutter gilt das Testament von 2010, der Umbau der Unternehmensstruktur ist demnach ebenfalls im Sinne des Firmengründers Peter Dussmann. Aus Sicht der Tochter ist alles falsch: Demnach wollte Peter Dussmann nicht, dass seine Frau eine führende Position im Unternehmen bekommt. Und sein Gesundheitszustand am 25. Mai 2010 habe es nicht zugelassen, ein neues Testament aufzusetzen.

Die Tochter versucht, mindestens die Hälfte des Erbes einzuklagen. Wobei die Anwälte nachweisen wollen, dass sich ihre Mutter nicht richtig verhalten hat – in der Folge könnte sie ihren Erbteil komplett verlieren. Angela Göthert hält das Testament vom Mai 2010 für ungültig.

Sehr bittere persönliche Note

Auch will die Tochter die Unternehmensstruktur zurückdrehen: Die Stiftung soll verschwinden, das Unternehmen wieder durch eine GmbH gesteuert werden, in der die Erben das Sagen haben. Das bedeutete aber auch, dass eine der beiden Erbinnen ihren Anteil verkaufen könnte – mit Folgen für den Konzern, zum Beispiel eine Zerschlagung.

Einen Posten im Konzern strebt Angela Göthert nicht an, wie es heißt. Auch der bestehende Vorstand solle weiterarbeiten wie bisher. Das Unternehmen sei schließlich erfolgreich. Einer der wenigen Punkte, auf die sich beide Seiten einigen können.

Davon profitieren Mutter und Tochter. Von den Gewinnausschüttungen könnten beide sehr, sehr gut leben, heißt es aus dem Umfeld der Konzernleitung. Dennoch: Ist die Mutter gierig und will alles haben, wie die eine Seite behauptet? Geht es der Tochter nur ums große Geld, ums Abkassieren, wie die andere vermutet? Was muss vorgefallen sein, damit sich Familienmitglieder so etwas vorwerfen? Den ganzen Fall durchzieht diese sehr bittere persönliche Note.

Mutter und Tochter haben derzeit keinen Kontakt. Die Tochter lehne das ab, heißt es aus dem Lager der Mutter. Die Mutter wolle nichts mit der Tochter zu tun haben, heißt es aus dem Lager der Tochter. Das Landgericht Berlin wird, wie in solchen Fällen üblich, zunächst versuchen, zwischen den Parteien zu vermitteln und einen Vergleich anregen. Nach jetzigem Stand sieht es nicht so aus, als könnte es dazu kommen.