Serie

Unser Mann in Polen

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Steffen Möller, Schriftsteller, Schauspieler und Kabarettist

Es gibt Momente, da ist Steffen Möller richtig berühmt. Jetzt gerade zum Beispiel. Eine junge Frau will mit ihm gemeinsam aufs Foto. Möller steht auf, setzt ein Bubi-Lächeln auf und legt den Arm um ihre Schulter, sie den ihren um seine Hüfte. Ihre Freundin macht das Bild. Das Besondere an der Situation ist, dass sie sich innerhalb von einer halben Stunde zum dritten Mal wiederholt. Wir sitzen in einem Lokal an der Lilienthalstraße, und immer wieder fragt ein weiblicher Fan zaghaft an, ob man nicht mal schnell ein Foto machen könne. Auch die Kellnerin ist aufgeregt. Als sie an unseren Tisch kommt, lässt sie das Besteck fallen.

Die, die Möller hier in Kreuzberg erkennen, sind Polen. Auch das Lokal wird von einem geführt. Außerhalb der polnischen Community wäre Möller kaum so begehrt. Die Deutschen kennen Steffen Möller zwar auch, aber in einer Branche, die weniger Glamour hat: als Schriftsteller. Für viele Polen ist er dagegen immer noch der Star aus der Telenovela „L wie Liebe“.

Dort heißt er – kein Scherz – Stefan Müller, ist Deutscher, Kartoffelbauer, zum dritten Mal verheiratet und hat einen Hund, der auf den Namen „Bruder“ hört. Das hat schon zu Irritationen geführt. Einige Polen dachten, dass „Bruder“ das deutsche Wort für Hund sei.

Möllers letzter Auftritt in der Serie liegt einige Jahre zurück, was aber seiner Popularität, wie sich in Kreuzberg zeigt, keinen Abbruch tut. Die Drehbuchautoren halten ihren deutschen Serienprotagonisten im Geschäft, in den Dialogen wird von Stefan Müller weiter gesprochen, er soll mit seiner dritten Frau glücklich in Hamburg leben. Und „Bruder“, der Golden Retriever, harrt ohne Herrchen vor den polnischen Kameras aus.

Für die Deutschen ist Möller der Polen-Erklärer. Vor einigen Wochen ist „Viva Warszawa“, sein viertes Buch erschienen. Eine kritische und komische Liebeserklärung an die Stadt, in der er die eine Hälfte des Jahres lebt. Der andere Lebensmittelpunkt des 46-Jährigen liegt in Berlin, wo er studiert hat und wo er vor mehr als 20 Jahren in ein ungewisses Abenteuer Richtung Osten aufgebrochen ist.

Wenn man Möller fragt, was Heimat für ihn ist, nennt er den Zug zwischen Berlin und Warschau. „Ich sitze mehrfach im Monat im Speisewagen. Sechs Stunden lang. Kellner und Gäste kenne ich schon. Da habe ich das Gefühl, dass ich da hingehöre.“ Und: „Wenn ich ankomme, in Berlin oder Warschau, habe ich nach zwei oder drei Tagen das Gefühl, jetzt könnte es schon wieder weggehen.“ Klingt ein bisschen nach einem Getriebenen. Und tatsächlich, Polen soll noch nicht das letzte Kapitel in Möllers Leben sein. Irgendwann will er noch weiter nach Osten. Russland könnte ihm gefallen. Aber soweit sei er noch nicht.

Wenn man ihn fragt, was ihm an den Polen so gut gefalle, sagt er: der Trotz. Er erzählt den Witz vom Schiff, das einen Eisberg rammt und sinkt. Der Befehl des Kapitäns, das Schiff zu verlassen, wird von den Passagieren ignoriert. Die Engländer springen erst, als ihnen der Erste Offizier erklärt, dass es der neueste Sport wäre. Die Franzosen, als er ihnen sagt, dass es die neueste Mode wäre. Die Deutschen – als er den Befehl gibt. Und die Polen? Die reagieren erst, als der Offizier verkündet, dass es verboten ist, ins Wasser zu springen.

Gastarbeiter im Nachbarland

„Auch ich war schon immer trotzig“, sagt Möller. Früher, als viele nach Amerika fuhren, „weil es so cool war“, ist er nach Polen aufgebrochen. Und so war auch sein Umzug nach Warschau Mitte der Neunziger Jahre ein Aufbruch im Trotz. Denn wer, bitte schön, ist damals ernsthaft auf den Gedanken gekommen, sich als Gastarbeiter im Nachbarland zu verdingen?

Wir schlendern hinüber zur St.-Johannes-Basilika. Die Rechnung in dem Lokal, auf polnisch „rachunek“, hatte ich übernommen. Möller hatte mir klargemacht, dass man sie in Polen nicht teile. „Wenn Sie am Ende für sich und ich für mich zahle, ist das deutsch. Da kriegt ein Pole einen Schlaganfall. Es muss immer einer die Rechnung für beide übernehmen.“

Vor der Kirche sitzt ein Mann, ein Schild vor sich, darauf steht etwas in polnischer Sprache. Möller übersetzt, der Mann sucht Arbeit. Eigenartig. Dass vor polnischen Kirchen Menschen um Geld betteln, das kenne er, sagt Möller, aber dass einer so nach Arbeit sucht, das habe er auch noch nicht gesehen. Zumal an einem Mittwochnachmittag das Areal kaum besucht ist. Sonntags dagegen gehen hier Tausende Polen in verschiedene Messen. In unmittelbarer Nachbarschaft steht die Nuntiatur des Vatikans. Auch nach dem polnischen Papst Johannes Paul ist die Nähe zum Kirchenstaat noch Programm.

Nicht weit von der Kirche entfernt gehen wir auf einen etwas düsteren Flachbau zu. Eigentlich sollte sich hier der polnische „Business-Frauen-Klub“ eingerichtet haben. Die Tür ist zu. Möller ruft einen polnischen Kumpel an. Der erklärt, der Klub sei schon wieder geschlossen. Was ist denn der polnische „Business-Frauen-Klub“? „Keine Ahnung“, sagt Möller, „ich habe den Überblick verloren. Es gibt ja inzwischen sicher mehr als hunderttausend Polen in Berlin.“

Während er sein Fahrrad neben sich her schiebt, erzählt er von den unterschiedlichen Prioritäten in seinen beiden Heimatorten. Seine Wohnung in Warschau hat er gekauft, in Berlin lebt er zur Miete. „Typisch polnisch, typisch deutsch.“ In Berlin, er wohnt in Mitte, führt er ein typisches Kiezleben, in Warschau ist er ständig im Zentrum unterwegs.

„In Warschau gehe ich mehr in Klubs, in Berlin führe ich eher so ein Schriftstellerleben. Meistens treffe ich mich mit irgendwelchen Kulturleuten. In Warschau habe ich mehr so Freunde aus dem Medienbereich, weil ich da selber war.“ Und sonst? Die Regale für seine Wohnung in der polnischen Hauptstadt hat er in Berlin gekauft, das Klavier wiederum hat er aus Warschau nach Berlin importiert. Der Tee kommt aus Berlin. Seine Lieblingsbäckerei ist in Warschau. Die Hemden wäscht er immer in Warschau, Schuhe lässt er lieber in Berlin reparieren.

Möller, der in Wuppertal aufgewachsen ist, hatte in Berlin Philosophie und Theologie an der FU studiert. Letzteres lag familiär bedingt schon nahe, weil sein Vater ein bekannter Theologe ist. Nach seinem Abschluss 1994 wusste er allerdings nicht so recht, wie es weitergehen sollte. „Typische Studiendepression“ nennt er das. Er jobbte nebenbei, fuhr Turnschuhe für eine Sportfirma aus, verkaufte Brezeln bei Konzerten. Ein Jahr vor seinem Abschluss war Möller erstmals in Warschau gewesen. Er hatte an einer Konferenz anlässlich des 50. Jahrestages des Aufstandes im Warschauer Getto teilgenommen und hatte dort auch gleich einen Sprachkurs belegt.

Möller sagt, wenn man sich neu erfinden will, sollte man eine neue Sprache lernen. Das ist sein Lebenscredo. In Polen erfand er sich neu. Er arbeitete erst als Deutschlehrer. Dank dieser Tätigkeit wird er später eine polnische Rente beziehen, sie liegt bei 100 Euro. Neu entdeckte Möller auch sein komisches Talent. Er machte Kabarett. Und dann, nach der Jahrtausendwende, als Polen der EU beitrat, wurde der Deutsche auch fürs Fernsehen entdeckt. Er erklärte den Polen ihren Nachbarn im Westen, wurde Serienstar und moderierte die polnische Version von „Wetten, dass..?“. Was er allerdings als ziemlichen Reinfall bezeichnet. Die Gründe: „Ich war schlecht und das Konzept falsch.“ Die Show lief im Wochenrhythmus immer freitags. „Wir hatten nur einen Stargast aus dem Ausland, und das waren eher B-Promis. Zum Beispiel ein Mitglied von Boney M. Den habe ich gefragt: ‚Where do you live today?‘ ,In Berlin‘, sagte er, ,wir können deutsch reden, Steffen.‘ Nächste Woche kam Lou Bega. Wieder fragte ich: ‚Where do you live today?‘ ,In Berlin, ich lebe in Berlin.‘ Dann hieß es: Steffen Möller lädt das Altersheim aus Berlin ein.“

2008 zog Möller einen Schlussstrich, tritt seitdem nur noch wenig im Fernsehen auf. In Deutschland war er unterdessen drei Jahre zuvor für seine Verdienste um das deutsch-polnische Verhältnis mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Nach seinem TV-Ausstieg erschien hier sein Buch „Viva Polonia – Als deutscher Gastarbeiter in Polen“ und wurde ein Bestseller. 300.000-mal verkaufte sich das Werk. Vor drei Wochen wurde Möller auch mit dem Richard-von-Weizsäcker-Preis der Deutschen Nationalstiftung ausgezeichnet. Polen wurde also für den ehemaligen Berliner Studenten und Gelegenheitsarbeiter zum Sprungbrett einer fantastischen beruflichen Karriere.

Nur, das Schreiben und das Fernsehen konkurrieren in gewisser Weise. Auch wenn seine Bücher in Polen erscheinen, hat er dort nicht die Akzeptanz als Schriftsteller, die er hier hat. Wir sind auf dem Weg in die Polnische Buchhandlung in der Sanderstraße. Dort werden die Werke polnischer Geistesgrößen ausliegen, und er bittet mich, den Buchhändler nicht nach seinen Werken zu fragen. Es ist ihm peinlich, irgendwie.

Wir kommen an einem Kinderspielplatz vorbei und Möller meint, dass die in Warschau besser ausgestattet seien als hier. Die Spielgeräte seien fantasievoller.

Auftritt vor der Nationalmannschaft

Vor der Europameisterschaft 2012 rief Oliver Bierhoff eines Tages bei Möller an. Durch seinen Masseur habe der von ihm gehört und bat ihn nun, der deutschen Nationalmannschaft vor dem Abflug einiges über das Gastgeberland zu erzählen. Hinterher sei der Dortmunder Mats Hummels zu ihm gekommen und habe erklärt, er könne auf polnisch schon bis zehn zählen. Immerhin hatte Hummels ja drei Mitspieler aus Polen in seiner Mannschaft, war also gut vorbereitet. „Er hat das perfekt gemacht“, sagt Möller.

Bei seinen Einsätzen für die polnische Sache will er mit einem alten Vorurteil aufräumen. Dem Klauen. Seit den Neunzigerjahren kursiert der Verdacht, dass Polen über die Grenze kommen und es auf deutsches Eigentum abgesehen haben sollen. Möller hat vor einigen Monaten eine Veranstaltung einer großen deutschen Schuhkette moderiert. Der Juniorchef des Unternehmens, das in 23 Ländern Filialen hat, versicherte ihm, dass es in Polen die geringste Ladendiebstahlsquote gebe.

Und auch im Beschäftigungsverhältnis von Polinnen in deutschen Haushalten könnte sich in einigen Jahrzehnten etwas ändern. Der amerikanische Politologe George Friedman habe, so Möller, für das Jahr 2050 prognostiziert, dass die alten und neuen Weltmächte USA, Japan, Türkei und Polen seien. Wird es dann womöglich einen Beschäftigungsgrenzverkehr in die umgekehrte Richtung geben?

Wir sind bei der Buchhandlung angekommen. Möller lässt seine neuen Hosen, die er vor unserem Interview gekauft hat, im Fahrradkorb vor der Tür. Diebstahl? Er zuckt mit den Schultern, anscheinend hat er dazu ein wirklich entspanntes Verhältnis. Der Buchhändler entpuppt sich als leiser, zurückhaltender Mann. Er serviert uns Tee. Möller weist auf einen großen Stapel Papiere auf den Tisch und sagt: „Wo finden Sie so was in Deutschland? Ein Stapel Rechnungen, und er macht trotzdem mal eben Tee für uns.“ In der Buchhandlung würden sich viele junge Polen treffen. Es seien die, die sonntags eher nicht in der St.-Johannes-Basilika anzutreffen seien.

Auch das neue Buch von Möller liegt auf dem Ladentisch. Und zwar direkt neben den Werken von Witold Gombrowicz, einem der bedeutendsten polnischen Schriftsteller. Das adelt. Anscheinend ist Steffen Möller zumindest in Berlin in der hohen polnischen Literatur angekommen.