Gedenken

Ein Tag für das, was verbindet

Zweiter Weltkrieg: Heute vor 70 Jahren wurde Deutschland befreit. Steinmeier gedenkt der Toten in Wolgograd. Feierstunde im Bundestag

Im russischen Ort Rossoschka sind die Gräber von sowjetischen und deutschen Soldaten, die in der Schlacht um Stalingrad starben, nur durch eine Landstraße voneinander getrennt. Der erste Friedhof der Wehrmacht wurde hier während des Krieges in der Nähe des damaligen Flugplatzes Gumrak angelegt.

Auf einer Seite der Straße sind hier rund 60.000 deutsche Soldaten begraben, die der Schlacht von Stalingrad zum Opfer fielen, vielleicht der schlimmsten Schlacht im Zweiten Weltkrieg überhaupt. Vorsichtig geschätzt gab es damals 700.000 Tote. Auf der anderen Straßenseite liegen etwa 3000 sowjetische Soldaten begraben. Die Gegner von einst sind heute nur durch eine kleine Landstraße getrennt. An diesem Ort trafen sich am Donnerstag die Außenminister Deutschlands und Russlands, Frank-Walter Steinmeier und Sergej Lawrow, um gemeinsam an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren zu erinnern.

Steinmeier legte Kränze im russischen und deutschen Teil des Friedhofs nieder. Sein russischer Kollege brachte einen Kranz für den russischen Teil und einige rote Nelken für den deutschen. Danach besuchten die beiden Außenminister die Gedenkstätte in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, auf dem Mamajew-Hügel.

Während der Schlacht im Zweiten Weltkrieg war der Hügel besonders heftig umkämpft. Heute steht hier die monumentale Statue der „Mutter Heimat“ mit einem Schwert in der Hand. Steinmeier schrieb auf dem Mamajew-Hügel ins Gästebuch: „Russen, Deutsche und alle Völker Europas verbindet ein gemeinsames ‚nie wieder‘ und eine gemeinsame Verantwortung für den Frieden.“

Steinmeier bittet um Vergebung

Das Treffen der beiden Außenminister war ihre erste bilaterale Begegnung seit November vergangenen Jahres. Steinmeier und Lawrow trafen sich in den vergangenen Monaten allerdings mehrfach bei Ukraine-Krisentreffen und anderen internationalen Konferenzen.

Am Abend eröffnen Steinmeier und Lawrow ein Gedenkkonzert auf einem zentralen Platz von Wolgograd. Osnabrücker Symphoniker und ein Orchester aus Wolgograd spielen zusammen die 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch. Sie wird auch Leningrader Sinfonie genannt, einen Teil davon schrieb der Komponist in Leningrad nach dem Beginn der Belagerung. Auf der Bühne bat Steinmeier um Vergebung für das durch Deutsche verursachte Leid im Krieg.

In Europa wird am 8. Mai an das Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert. In Russland geschieht dies am 9. Mai, wobei an diesem Tag nicht das stille Gedenken im Vordergrund steht, sondern die Feierlichkeiten am „Tag des Sieges“. Am Sonnabend werden in Moskau Panzer über dem Roten Platz rollen. Russland feiert das Jubiläum des Kriegsendes mit der größten Waffenschau in seiner modernen Geschichte. Wegen des Krieges in der Ukraine kommen Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere westlichen Staatschefs jedoch nicht zu der Parade. Merkel wird allerdings am Tag danach zusammen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin einen Kranz in Moskau niederlegen.

Steinmeier verteidigte die Form, die Deutschland für das Gedenken an das Kriegsende in Russland gewählt hat – gemeinsame Trauer, aber keine Teilnahme an der umstrittenen Militärparade. „70 Jahre nach Kriegsende kann es nicht darum gehen, Geschichte in irgendeiner Weise für nationalistische Zwecke zu instrumentalisieren“, sagte er. „Aber auch nicht darum, die Ukraine-Krise zu nutzen, um das Gedenken an das Ende des Kriegs zu verhindern.“

Ukraine-Konflikt friedlich lösen

Die Ukraine war auch ein Thema in Wolgograd. „Wir müssen alles Menschenmögliche dafür tun, dass es in Europa nie wieder zu Krieg und Zerstörung kommen kann“, sagte Steinmeier. Angesichts der Erinnerung an den Krieg müsse man anstreben, den Ukraine-Konflikt möglichst mit friedlichen Mitteln zu lösen.

Er erwähnte lobend das Treffen der Kontaktgruppe in Minsk am Mittwoch, das „ein wichtiger Schritt“ gewesen sei. Lawrow bemängelte, die ukrainische Seite würde nicht genug dafür tun, um das Minsker Abkommen umzusetzen. Zumindest habe die ukrainische Regierung aber nun akzeptiert, dass sie direkte Gespräche mit den Separatisten führen müsse.

Steinmeier sagte auch, er habe sich dafür eingesetzt, dass ein direkter Draht zwischen Nato und dem russischen Militär reaktiviert wird. Das sei nötig, weil die Manöver auf den beiden Seiten aktiver geführt würden und einige Schritte falsch interpretiert werden könnten. Lawrow machte die Nato dafür verantwortlich, die Beziehungen nach dem Beginn der Ukraine-Krise abgebrochen zu haben. Bis jetzt bekomme Russland „Signale“ von der Nato über eine Wiederaufnahme der Zusammenarbeit. Sollten konkrete Vorschläge folgen, würde Russland konstruktiv reagieren.