Gedenken

Polen distanziert sich von Russland

Das Land feiert das Ende des Zweiten Weltkriegs einen Tag eher

In den Ländern Mittel- und Osteuropas will zum 70. Jahrestag des Kriegsendes keine Feierstimmung aufkommen. Schon gar nicht in der Ukraine, wo die Nachrichten fast täglich mit neuen Toten und Kampfhandlungen beginnen. So wurde in Kiew beschlossen, keine Militärparade abzuhalten. Stattdessen fuhr Oberbürgermeister Vitali Klitschko am Donnerstag mit Kriegsveteranen in einer Oldtimer-Tram am Stadtrand ins Grüne. Dort warteten ein Kinderchor und die Grütze aus der Feldküche auf sie. „Ich bin sehr beeindruckt von den Geschichten, die ich gehört habe“, sagte Klitschko danach.

Schon vor Monaten war abzusehen, dass Russland die übliche Feier des Kriegsendes in Moskau am 9. Mai zu einer gewaltigen Heer- und Propagandaschau nutzen würde. So fasste der polnische Präsident Bronislaw Komorowski einen ungewöhnlichen Plan: Die Europäer sollten gemeinsam des Kriegsendes gedenken – und zwar dort, wo der Krieg begonnen hatte: in Danzig an der Ostsee. Komorowski sprach diese Einladung aus, als die Welt im Januar des 70. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz gedachte.

Damit nahm Polen den Fehdehandschuh auf. Komorowski begründet das damit, dass in Moskau das Kriegsende nach sowjetischem Vorbild „ausschließlich als Triumph“ gesehen werde. „Es ist unsere Aufgabe, daran zu erinnern: Nicht allen Völkern in Europa hat dieser Triumph Freiheit und Wohlergehen gebracht.“ Auch will Polen an den Beitrag aller Völker Mittel- und Osteuropas zum Sieg über das Dritte Reich erinnern – auch der Millionen Ukrainer und anderer in der Roten Armee kämpfenden Völker.

Doch von der Warschauer Hoffnung, die Staatschefs Europas würden sich der Moskauer Feier am Sonnabend verweigern und stattdessen geschlossen nach Danzig kommen, geht nur der erste Teil restlos in Erfüllung. Der zweite Teil: Immerhin trafen am Donnerstagnachmittag acht Präsidenten vor allem aus Mittel- und Osteuropa in Danzig ein. Ebenfalls erwartet wurden der UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon und Altbundespräsident Horst Köhler. Für Donnerstag kurz vor Mitternacht war auf der Danziger Westerplatte die Gedenkfeier angesetzt.

Mit der gemeinsamen Zeremonie in Danzig lösen sich mehrere Länder endgültig von der Ostblock-Tradition, am 9. Mai den „Tag des Sieges“ zu feiern. Erst im April kam eine Vorlage ins Parlament, um formell stattdessen den 8. Mai als (nicht arbeitsfreien) „Tag des Sieges“ zu etablieren. Das wahre Ende der „Unterdrückung der Polen im Zweiten Weltkrieg“, sagte ein Abgeordneter, sei erst 1989 gekommen. Komplizierter ist die Lage in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Daher hat die Ukraine den 8. Mai jetzt zum „Tag des Gedenkens und der Versöhnung“ erklärt, aber den 9. Mai belassen. „Er entspricht der alten Tradition, wir möchten darauf nicht verzichten“, erläutert Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Berlin. Deshalb werden die Ukrainer erstmals an den zwei großen sowjetischen Ehrenmalen in Berlin am Nachmittag des 8. Mai Kränze niederlegen – einen Tag vor den Russen.