Polizei

„Ohne Angst wird man unvorsichtig“

1. Mai: in Berlin 7000 Polizisten schützen die Demonstrationen und Straßenfeste. Ein Beamter berichtet von seinen Einsätzen seit 1987

Angst sei ein ständiger Begleiter, sagt Olaf Hecht*. Das sei gut so. „Denn ohne Angst wird man unvorsichtig.“ Und wer beim Einsatz am 1. Mai unvorsichtig wird, riskiert schwere Verletzungen. Die Emotionen im Griff behalten und daran denken, dass eine vorschnelle Aktion die Kollegen und den gesamten Einsatz gefährden kann. Darum dreht sich viel in diesem Gespräch mit Olaf Hecht. Der Polizeihauptkommissar ist einer der wenigen Berliner Polizisten, die seit 1987 bei fast allen Einsätzen bei den Ausschreitungen am 1. Mai dabei waren. Hecht kann nur für sich sprechen. Es sei nicht seine Aufgabe, den Polizeipräsidenten und Innensenatoren, unter denen er Dienst tat, Noten zu geben.

Doch wenn er berichtet, was er selbst in all den Jahren gelernt hat, spürt man, dass es nicht nur um den Erkenntnisgewinn eines einzelnen Beamten einer Einsatzhundertschaft geht. Sondern dass auch die Polizeiführung und die Politik, ja vielleicht sogar die ganze Gesellschaft im Umgang mit der alljährlichen Randale am „Tag der Arbeit“ einen Lernprozess absolviert hat. Ein Prozess, bei dem viel Lehrgeld fällig wurde. Als Hecht 1987 zum ersten Mal bei den Mai-Krawallen Dienst tat, war er 23 Jahre alt. Er kam gerade vom Dienstsport, freute sich auf eine ruhige Schicht. Dann wurden seine Kollegen und er zum Einsatz gerufen. Es schien Routine zu sein. Ein paar Hausbesetzer machen etwas Krawall, dachten die Beamten. In den 80er-Jahren war das nichts Besonderes. Hecht und seine Kollegen setzten sich den Helm auf. Einen Einsatzanzug, der die anderen Teile des Körpers wirkungsvoll geschützt hätte, hatten sie nicht. Hecht sagt: „Wir waren völlig unvorbereitet.“

Als die „Wanne“, jener legendäre Mercedes-Transporter, der selbst in linksradikalen Kreisen zum Kult geworden ist, am frühen Abend am Lausitzer Platz eintraf, waren die Straßen mit Steinen übersät. Als Hecht ausstieg, traf ihn ein Geschoss unmittelbar neben der Stelle, an der es Männern am meisten weh tut. Heute tragen Polizisten dort einen speziellen Tiefschutz. „Was wir gespürt haben, war pure Angst“, sagt Hecht. „Die Störer“ – manchmal spricht der heute 52-jährige Polizist auch von „den Vermummten“ – seien eindeutig in der Überzahl gewesen. „Es waren Hunderte, wenn nicht gar Tausende.“ Dann erreichte seine Einheit der Hilferuf von Kollegen, die schon vorher am Lausitzer Platz eingetroffen waren – in einem normalen Funkwagen. Ohne Gitter, mit ganz normalen Glasscheiben. „Sie haben um ihr Leben gefürchtet“, sagt Hecht. Einer seiner Kollegen verlor bei dem Einsatz den Anschluss an seine Einheit. „Die Vermummten haben ihm den Helm vom Kopf gerissen und ihn furchtbar vermöbelt“, erinnert sich Hecht.

Die Polizisten irrten am 1. Mai 1987 mehr oder weniger planlos durch die Straßen. Einheiten, die keine hundert Meter voneinander entfernt waren, konnten nicht miteinander kommunizieren, weil die Technik nicht mitspielte. Mal hier, mal dort gelang es Beamten zwar, „Störer“ zurückzudrängen. Doch an der nächsten Ecke gingen die Autonomen erneut mit Steinen auf sie los. In der Nacht mussten Hecht und seine Kollegen sich endgültig aus SO 36 zurückziehen. Umherfliegende Wurfgeschosse, brennende Barrikaden und umgestürzte Autos: Kreuzberg lag in Schutt und Asche, der legendäre Bolle-Supermarkt an der Wiener Ecke Skalitzer Straße wurde erst von den Autonomen ausgeplündert, dann von einem Feuerteufel angesteckt. Die Randalierer hatten gewonnen. Olaf Hecht sagt: „Wir konnten unseren Auftrag nicht erledigen. Das war extrem frustrierend.“

Deeskalation gescheitert

1989 versuchte der frisch gewählte rot-grüne Senat, Kreuzberg zu befrieden. Der damalige Regierende Bürgermeister Walter Momper und sein Innensenator Erich Pätzold (beide SPD) setzten am 1.Mai auf Deeskalation. Olaf Hecht verbindet mit diesem Wort ungute Erinnerungen. „Wir mussten zusehen, wie marodierende Horden alles auseinander nahmen und durften nichts machen“, erinnert sich der Beamte. Später sollten sie dann doch eingreifen. Doch der Kampf um die Straße war längst entschieden. Auf der Skalitzer Straße fuhr sich die „Wanne“ von Hechts Einheit in einer Barrikade fest und wurde von allen Seiten attackiert. Und da war sie wieder: die Angst, den Abend nicht heil zu überstehen, weil selbst ernannte Revolutionäre die Polizisten nicht als Menschen, sondern nur als „Bullen“ sahen.

Der Zugführer hätte sie per Funk angewiesen, den Wagen zu verlassen, um die Vermummten zurückzudrängen. Doch der Gruppenführer auf dem Fahrzeug habe die Anordnung nicht umgesetzt. „Zum Glück“, sagt Hecht. Gegen die Übermacht der Randalierer hätten sie keine Chance gehabt. „Wenn wir ausgestiegen wären, hätte es mit Sicherheit schwere Verletzungen gegeben.“ Das Deeskalationskonzept von Rot-Grün, so sehen es längst auch liberale und linksorientierte Beobachter, war gescheitert. Olaf Hecht will das nicht kommentieren. Er widerspricht aber auch nicht.

Die Innensenatoren der CDU und ihre Polizeipräsidenten setzten in den 90er-Jahren wieder auf Schlagstock, Reizgas und Wasserwerfer. Der Berliner Polizei handelten sie damit den zweifelhaften Ruf ein, die härteste Truppe der Republik zu sein. Doch die Ausschreitungen bekamen sie nicht in den Griff. Im Gegenteil: Die Autonomen dehnten ihr Aktionsgebiet in der wiedervereinigten Stadt auf Prenzlauer Berg und Friedrichshain aus. Mehr noch: Sie randalierten bereits am Vorabend des 1. Mai in der Walpurgisnacht. Ende der 90er-Jahre mussten Hecht und seine Kollegen am 1. Mai zudem auch in Marzahn und Hellersdorf für Ruhe und Ordnung sorgen, wo die NPD versuchte, den „Tag der Arbeit“ zu vereinnahmen. In einem Jahr brachte das für Olaf Hecht eine 30-Stunden-Schicht. „Erst Walpurgisnacht in Prenzlauer Berg, dann nach zwei Stunden Schlaf zur NPD nach Marzahn und abends nach Kreuzberg.“

Anfang der 2000er-Jahre wurde der SPD-Politiker Ehrhart Körting Innensenator und Dieter Glietsch Polizeipräsident. In den folgenden Jahren habe sich viel verändert am 1. Mai, erzählt Olaf Hecht. Davor sollten die Beamten Gewalttäter einfach abdrängen. „Da wurde geräumt und der Wasserwerfer eingesetzt“, sagt Hecht. Doch statt sich einschüchtern zu lassen, hätten sich die Störer stets neu formiert und seien an der nächsten Ecke wieder auf die Beamten losgegangen. Nun sollten die Polizisten „beweissichere Festnahmen“ durchführen. Statt einfach loszustürmen, hielten Hecht und seine Kollegen nach Rädelsführern Ausschau und informierten ihre Kollegen an den Videokameras, gewalttätige Aktionen gezielt zu filmen. Wenn Straftaten dokumentiert waren, holte ein „Festnahmetrupp“ die Krawallmacher aus der Menge. „Eine beweissichere Festnahme ohne Verletzungen ist ein schönes Erfolgserlebnis“, sagt Hecht.

Wichtiger noch sei der zweite Bestandteil der noch heute geltenden Doppelstrategie: Solange es friedlich bleibt, setzen die Beamten auf Zurückhaltung und Kommunikation. Der Wasserwerfer bleibt im Hintergrund. Den Helm und die martialisch wirkende Schutzausrüstung legen die Beamten erst an, wenn es ernst wird. Selbst das Martinshorn schalten sie erst an, wenn sie sonst nicht durchkommen. Stattdessen stehen Anti-Konflikt-Teams bereit. Das Feindbild der „Scheiß-Bullen“ soll sich nicht festsetzen können. „Wir werden jetzt auch psychologisch geschult“, sagt Hecht. Früher hätte er sich mächtig geärgert, wenn ein „Störer“ ihn beleidigt hätte. Jetzt höre er oft gar nicht hin. Warum sollte er eine Situation unnötigerweise eskalieren lassen?

Der wichtigsten Anteil daran, dass der „Tag der Arbeit“ in den vergangenen Jahren friedlicher geworden ist, so sieht es auch Olaf Hecht, haben aber die Kreuzberger selbst. Statt den Kiez den Krawallmachern zu überlassen, etablierten sie ab 2003 das Myfest. Ein Volksfest für Punks und Hip-Hopper, für vollverschleierte Frauen mit türkischem Migrationshintergrund und für Zugereiste. Statt Steinen und brennenden Barrikaden gibt es Köfte und Caipirinha, statt Straßenschlachten und ritualisierter Revolutionsromantik Diskussionsforen und Info-Stände linker Initiativen.

Schade um das Straßenfest

Auch Olaf Hecht und seine Kollegen sind in den Pausen ihrer Einsätze auf dem Myfest spazieren gegangen. Dabei seien sie auch mit „linksorientierten“ Menschen ins Gespräch gekommen. Das sei auch für ihn eine neue Erfahrung gewesen, sagt Hecht. „Die haben ganz normal mit uns geredet und waren auch gar nicht feindselig.“ Als es dunkel wurde, mussten Hecht und die anderen Beamten sich aber auch in den vergangenen Jahren wieder Helm und Schutzanzug anziehen. Schade, dass Chaoten das schöne Straßenfest kaputt machen, denkt Olaf Hecht dann. Nein, es sei noch nicht alles gut am 1. Mai. Aber es sei besser als früher.

(*Name geändert)