Kommentar

Elitäre Denke steht Berlin nicht

Hajo Schumacher über den Theaterstreit

Die Chiffre „Peymann“ ist seit jeher die Gewähr, dass aufgeblasenes und selbstgerechtes Kulturschranzentum droht, Skandal auf Bestellung, Großmäuligkeit auf Knopfdruck, Salonrevoluzzertum auf Staatskosten, kurz: Langeweile. Wie Paul Breitner, der was über Fußball sagt, oder Piëchs Gegockel bei VW – eitle, alte Männer halt.

Jeder kasachische Stehgeiger in der U-Bahn hat mehr gesellschaftliche Relevanz als das Peymann-Theater, das Unterhaltung für schlechtlaunige Zeitgenossen liefert, die wiehern, wenn man „Eventbude“ sagt oder das Internet kritisiert, weil das so schön sozialkritisch klingt.

Es gehört zu den Absurditäten dieses Landes, dass man jeden Politiker, jeden Wirtschaftsboss, jeden Gewerkschafter verhöhnen darf, aber wehe, es geht gegen die Hochkultur, insbesondere das Ensemble-Theater, dessen selbst ernannter Anführer Peymann sich seit jeher einen arroganzbewehrten Lenz macht. 27 Berliner Bühnen werden mit weit über 200 Millionen Euro öffentlichen Geldes alimentiert, wenngleich der gesellschaftliche Wumms lange dahin ist. Früher provozierten Theatermacher die Mächtigen; heute ließe sich nicht mal mehr Bernd Lucke von einem Peymann ärgern, der schwindende Relevanz mit verschärftem Spreizen kompensiert.

Dem Volksbühnen-Renovierer Frank Castorf hätte nichts Schlimmeres passieren können als öffentliche Assistenz durch Peymann. So gehen Castorfs unstrittige Verdienste unter in Peymanns wuthaltigem Pulverdampf, während das Publikum den berechtigten Eindruck bekommt, Kulturschaffende sind eben auch nur hoch dotierte Clowns einer breiten Entertainment-Industrie, so wie Bundesligatrainer, die von einem Trog zum nächsten ziehen. Für Castorf gilt wie für Jürgen Klopp: Er hat Großes geleistet. Und jetzt geht es weiter.

Die von Peymann rhetorisch angeführte Theaterposse hat gleichwohl hohen pädagogischen Wert. Jeder Bürger ist diese Woche in allen Vorurteilen über die widerwärtige Arroganz der Kulturmafia bestätigt worden. Die diskriminierenden Angriffe Peymanns gegen den Regierenden Michael Müller zeugen von einer elitären Denke, die dieser Stadt nicht ansteht. Das Ausspielen von E- gegen U-Kultur, von Ensemble gegen Event, illustriert ein erbärmliches Niveau des Geistes und zugleich die ganze spießbürgerliche Selbstgerechtigkeit der Subventionszwerge.

In dieser Stadt gibt es unendlich viel kulturelle Dynamik, so viele Ideen, so breite Kreativität und so wunderbare alte und junge Künstler, etablierte wie neue, subventionierte wie freie, die oft ohne großes Geld großartige Sachen machen. Diese Vielfalt gilt es zu erhalten und mit immer neuen Impulsen zu animieren. Betonieren von Verhältnissen tut Berlin ebenso wenig gut wie Stillosigkeit. Kulturstaatssekretär Renner hat den Mut, gegen Stillstand anzutreten. Genau das ist seine Aufgabe.