NS-Vergangenheit

Nebenkläger wollen späte Gerechtigkeit für die Opfer

Die in Auschwitz Ermordeten sollen Gesicht und Stimme gewinnen, sagt Thomas Walther, der Anwalt von 31 Nebenklägern, im Gespräch mit Peer Körner.

Walther war Richter und Mitarbeiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg.

Wie wirkt das Grauen von Auschwitz fort?

Thomas Walther:

Meine Mandanten haben Erinnerungen an das Unaussprechliche. Diese Alpträume einerseits und andererseits ihr unbedingter Lebenswille hat diese Überlebenden ihr langes Leben begleitet. Kinder und Enkel sind geprägt und teils auch traumatisiert durch das Unaussprechliche von Auschwitz. Manche haben es nur durch Tränen, aber ohne Worte von den Überlebenden erfahren. Andere sind mit den Worten über das Grauen groß geworden. Über all diesem Leben liegt ein dunkler Schatten, der den Namen Auschwitz trägt.

Worum geht es den Nebenklägern?

Den Überlebenden geht es um eine sehr späte Gerechtigkeit, die sie von der deutschen Justiz erwarten. Ihre Eltern und Geschwister werden Gesicht und Stimme gewinnen. Die Worte über die Opfer des Holocaust werden im Gerichtssaal lebendig werden. Das ist Gerechtigkeit. Die Bestrafung des Angeklagten legen sie überwiegend sehr bewusst allein in die Hände der Justiz.

Wie sehen Sie die bisherige Rechtsprechung?

Ein Pauschalurteil wäre unangemessen. Nicht wenige Verfahren wurden auf hohem Niveau geführt. Allerdings hat es seit Mitte der 60er-Jahre nicht ein einziges Verfahren gegen einen Angehörigen der SS in Auschwitz wegen des strafrechtlichen Vorwurfs der Beihilfe zum Mord gegeben. Das ist ein schwerwiegendes Versäumnis. Die Beihilfe zum Mord wurde Jahrzehnte im Zusammenhang von NS-Verbrechen rechtlich falsch bewertet.

Was treibt die Nachgeborenen?

Nachgeborene haben Geschwister gehabt, denen sie nie begegneten. Sie sind in die Schattenfamilien hineingeboren, die die Überlebenden des Holocaust gründeten und die von den Schatten der in Auschwitz Ermordeten begleitet wurden. Sie stellen heute die Frage, wie unsere Gesellschaft mit dem Kindermord umgeht, den sie jeweils in ihrem eigenen Leben nie begriffen haben und nur als Lebensschatten erdulden mussten.

Was könnte diesen Prozess anders werden lassen als vorherige?

Der Lüneburger Prozess könnte durch Gröning selbst anders werden. Jeder Angeklagte hat die Möglichkeit zu schweigen, er hat aber auch die Chance zu sprechen. Gerechtigkeit wollen die Nebenkläger. Gröning selbst hat ein wesentliches Element dieser Gerechtigkeit in seinen Händen: die Wahrheit. Im Gerichtssaal werden viele Menschen anwesend sein. Manche werden zu sehen sein. Andere werden nur in der Beschreibung ihres Leidensweges da sein. Aber jeder Beteiligte, der dort sein wird, kommt nie allein in diesen Gerichtssaal. Jeder wird mental begleitet von Menschen, die ihm sehr nahe stehen. Auch unsere Folgegenerationen sind da und blicken auf uns.