Justiz

Streit mit Yad Vashem: Wem gehört Schindlers Liste?

Oskar Schindler rettete mehr als 1000 Juden. Jetzt klagt eine Erbin auf die Herausgabe seiner Dokumente aus der Gedenkstätte

Glaubt man dem Rechtsanwalt Naor Yair Maman, ist es eine simple Frage der Gerechtigkeit: Niemand habe „das Recht, das Eigentum anderer anzutasten“, erklärte er zu Beginn eines Gerichtsprozesses in Jerusalem. Darin sollen die Richter entscheiden, was mit dem Nachlass Oskar Schindlers geschieht. Der Geschäftsmann, der während des 2. Weltkriegs mehr als 1000 Juden vor den Nazis rettete, wurde dank eines Films von Steven Spielberg weltberühmt. Seither sind vor allem die Dokumente, die seine Rettungsaktion belegen, viel Geld wert. Für Maman ist die Lage klar: Das Eigentum des kinderlosen Helden gehörte nach dessen Tod zuerst seiner Frau. Als diese starb, vermachte sie alles der Nachlassverwalterin – ihrer Biografin Professor Erika Rosenberg.

Der Streit dreht sich nun vor allem um zwei originale Listen mit den Namen der Juden, die Schindler tippte und später den Nazibehörden überreichte, um die aufgelisteten Personen in seiner Fabrik beschäftigen und so vor der Gaskammer retten zu können. Die Listen haben einen hohen finanziellen, aber vor allem einen unschätzbaren historischen Wert.

1999 tauchen die Dokumente auf

Seit 1999 befinden sie sich im Besitz der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Diese beschreibt Rosenbergs Forderung als „unglaublich opportunistischen, zynischen und ausbeuterischen Versuch“, sich mittels der engen Beziehung zu Schindlers Witwe Emilie „zu bereichern“.

Schindler hatte während des Kriegs eine Munitionsfabrik, in der jüdische Zwangsarbeiter beschäftigt wurden. Er war nicht der typische Kriegsgewinnler: Als er erfuhr, welch grausames Schicksal seinen Angestellten drohte, erfand er immer mehr Posten für Juden, um sie vor dem Tod zu retten. Für seinen Einsatz ehrte ihn Yad Vashem später als „Gerechten unter den Völkern“ – ein Titel, der nur wenigen Menschen zuteil wurde. Nach dem Krieg siedelten Schindler und seine Frau Emilie nach Argentinien über. Doch der wirtschaftliche Erfolg blieb dort aus und schon 1957 kehrte Schindler ohne Emilie nach Deutschland zurück. Er habe sie einfach mit seinen Schulden sitzen lassen, sagte Emilie später.

In Deutschland freundete sich Schindler mit Annemarie Staehr an, in deren Haus er bis zu seinem Tod 1974 lebte. Emilie fristete ein einsames Dasein, bis die Schriftstellerin Erika Rosenberg sie im Rahmen eines Buchprojekts kennenlernte. Die Frauen wurden enge Freundinnen, nach ihrem Tod vermachte Emilie ihrer Biografin ihr Vermögen.

Nun stellt sich die Frage, ob das Testament auch für den Inhalt eines blauen Koffers gilt, der 1999 in Erscheinung trat. 15 Jahre nach Annemarie Staehrs Tod entdeckte ihr Sohn diesen auf dem Dachboden seines Elternhauses. Als er ihn öffnete, fand er darin Schindlers Fotos, Briefe und eben jene zwei begehrten Listen. Er übergab den Inhalt der „Stuttgarter Zeitung“, die über den Sensationsfund berichtete. So erfuhr Emilie von der Existenz jenes Koffers. Vor Gericht erwirkte sie eine Durchsuchung in der Redaktion der Zeitung. Doch als die Polizei auftauchte, war der Koffer samt Dokumente bereits auf dem Weg nach Yad Vashem. Die Redaktion hatte beschlossen, ihn der Gedenkstätte zu spenden.

Rosenberg behauptet nun, Staehr habe den Koffer illegal in ihren Besitz gebracht. Auch die Zeitung habe alles getan, um ihr das rechtmäßige Erbe vorzuenthalten. Kurz vor ihrem Tod im Jahr 2001 soll Emilie Schindler zu ihr gesagt haben, sie solle den Koffer zurückfordern, „auch nach meinem Tod!“ Doch die Historiker Yad Vashems stellen Rosenbergs Version infrage. Schindler habe das Gepäck samt Inhalt noch zu Lebzeiten seiner „innigen Freundin“ Staehr übergeben. Emilies Erbin Rosenberg habe deswegen keinerlei Anspruch darauf. Auch habe Emilie Schindler von jüdischen Organisationen Unterhalt bekommen. Rosenberg hingegen habe die alte Witwe „ausgenutzt“ und sie für ihr Buch instrumentalisiert. Ihr Versuch, an die Dokumente zu kommen, müsse deswegen aus „legalen und ethischen Gründen abgelehnt werden“.

So wird in den kommenden Monaten in Jerusalem weiter um den Nachlass eines Helden der Schoah gestritten werden. Dabei verfolgen beide Seiten laut eigenen Angaben dieselbe Absicht. Rosenberg bekundete, ihr gehe es nur darum „historische Fakten zu bewahren, zu schützen und wieder instand zu setzen“. Sie habe noch nicht beschlossen, was sie mit den Papieren machen will, falls das Gericht ihr Recht gibt, sagte ihr Anwalt Maman – verkaufen, einem anderen Museum schenken oder da lassen, wo sie sind.

Der Jurist gestand selbst ein, es sei aus „historisch-akademischer Sicht vielleicht vorzuziehen“, dass die Dokumente in Yad Vashem bleiben.