NS-Vergangenheit

Buchhalter des Grauens

Auschwitz-Prozess: Der 93-jährige Oskar Gröning steht vor Gericht. Er bekennt sich gleich am ersten Prozesstag moralisch schuldig

Die Ritterakademie in Lüneburg sieht aus wie viele Mehrzweckhallen deutscher Städte. Stäbchenparkett, eine kleine Bühne, davor Stuhlreihen – wie zur Aufführung der Schultheatergruppe. Doch hier beginnt gleich eines der letzten großen NS-Verfahren, hier wird Richter Franz Kompisch auf die Bühne treten. Hier soll Geschichte geschrieben werden, hier sitzen Zeitzeugen, die an der Rampe in Auschwitz gestanden haben, als ihre Angehörigen ins Gas gebracht wurden, und hier sitzt, etwas in sich versunken, aber erkennbar wach, der Angeklagte: Oskar Gröning, 93 Jahre alt, ehemaliger Leiter der Devisenabteilung des Konzentrationslagers Auschwitz. Er war dafür zuständig, das geraubte Geld zu zählen, zu verbuchen und der SS-Zentrale zu übergeben.

Die Überlebenden wollen, dass ihr Unrecht anerkannt wird und der Angeklagte die Verantwortung für sein Handeln übernimmt. Gröning, wie groß oder klein seine Rolle am Ende auch gewesen sein mag, steht stellvertretend für eine Generation von NS-Tätern vor Gericht, von denen die allermeisten straffrei davongekommen sind. Nur 49 von Tausenden SS-Männer in Auschwitz, wurden von deutschen Gerichten verurteilt. So ist dieses Verfahren auch eine Art Wiedergutmachung der Justiz, die ihr eigenes Versagen bei der Straffverfolgung der Holocaust-Täter mit diesem Verfahren dokumentiert – es kommt nämlich knapp 40 Jahre zu spät. Seit 1978 ermitteln Staatsanwälte gegen Gröning und 60 andere Männer seiner Abteilung.

„Es ist für alle sicherlich eine besondere Veranstaltung“, sagt Kompisch, als er um 9.58 Uhr einen der letzten Auschwitz-Prozesse eröffnet. „Aber letztlich ist es ein Strafverfahren, bei dem die Aufklärung der erhobenen Vorwürfe das zentrale Element ist, alles andere gruppiert sich herum“, mahnt er.

Er wusste gleich, was da geschah

Gröning hört zu, blickt neugierig umher, er scheint geistig voll da zu sein. Die anderen, seine „Kameraden“, sind lange tot. Staatsanwalt Jens Lehmann verliest die Anklage. „Oskar Gröning, geboren am 10.6.1921 in Nienburg an der Weser, wird angeklagt, zwischen dem 16.5.1944 und dem 11.7.1944 bei Oswiecim, Auschwitz, wissentlich anderen zu deren vorsätzlich begangenen Mord in mindestens 300.000 Fällen Hilfe geleistet zu haben“. Die Anklage beschränkt sich auf den Zeitraum, in dem die Deutschen die sogenannte Ungarn-Aktion umsetzten: den 1944 in 57 Tagen abgewickelten Transport sämtlicher 430.000 ungarischer Juden nach Auschwitz und der anschließenden Ermordung von 300.000.

Lehmann referiert die Funktionsweise des Vernichtungslagers, Gröning liest parallel mit, er hat die Anklage schon Anfang September 2014 bekommen. „Möchten Sie etwas sagen?“, fragt Richter Kompisch. „Ja“, sagt der Angeklagte, „ich möchte aussagen.“ Gröning verliest eine vorbereitete Erklärung. Der frühere Bankkaufmann berichtet von seinen Anfängen in der Waffen-SS, in die er freiwillig und gegen den Willen seiner Eltern eintrat, er erzählt von seiner Abkommandierung nach Berlin ins Reichssicherheitshauptamt der SS, wo man ihm und einigen „Kameraden“ unter größter Verschwiegenheit die Versetzung nach Auschwitz befahl. Als er dort ankam, gab es „Wodka, Wodka, Wodka“ und „Ölsardinen und Speckseiten“. Gleich am ersten Tag habe ihm ein Mann erzählt, was da in Auschwitz vor sich ging. Die einen mussten arbeiten, die anderen wurden, sagt Gröning, „entsorgt“. Das sei der SS-Jargon gewesen.

Auf der Nebenklägerbank sitzen die Menschen, die auch auf dieser Rampe standen, und blicken geradeaus. Unter ihnen ist Eva Pusztai-Fahidi. Sie verlor Mutter, Vater und Schwester im KZ. Sie ist mit ihrer 23-jährigen Enkelin aus Budapest zum Prozess angereist. Nichts verrät, ob Grönings Worte die Nebenkläger aufwühlen oder ob sie das alles kalt lässt. Dolmetscher übersetzen alles für sie ins Englische, Ungarische oder Hebräische. Oft verlässt Gröning das Manuskript, taucht in seine Erinnerungen ein, berichtet davon, dass sie „mit 15 Mann auf der Stube waren, in Dreistockbetten“. Opa erzählt vom KZ.

Während Häftlingskommandos das Gepäck der Neuankömmlinge nach Wertsachen durchsuchten, verbuchte er das Blutgeld. Da Tausende Menschen am Tag ankamen, wurden erhebliche Summen zusammengerafft. Gröning selbst stand mehrmals an der Rampe und überwachte, dass das Gepäck ordnungsgemäß abtransportiert wurde. Allein dadurch machte er sich der Tatbeteiligung schuldig, meint Nebenklage-Anwalt Thomas Walther: „Die Rampe musste aufgeräumt und sauber sein, denn wenn der nächste Zug mit Gefangenen gekommen wäre, wären diese Menschen in Panik geraten, wenn da noch herrenlosen Koffer stehen würden.“

Beim Dienst auf der Rampe, bei der die Juden „selektiert“ wurden, hat Gröning eine Szene erlebt, die ihn bis heute beschäftigt, wie er sagt. Ein Baby blieb zwischen den Gepäckstücken zurück. Verlassen von der Mutter, aus welchen Gründen auch immer. Ein SS-Mann nahm das Baby und schlug es mit dem Kopf an einen Lkw, der den Müll wegfuhr, und warf den leblosen Körper auf die Ladefläche. „Da habe ich mich beschwert, da ist mir das Herz stehen geblieben“, sagt Gröning. Der Massenmord mit Gas schien für ihn eine Sache zu sein, die Exzesstat eines Einzelnen aber anzusehen war zu viel für ihn.

„SS war eine schneidige Truppe“

Am Nachmittag nimmt Richter Kompisch den Angeklagten ins Verhör. Gröning bat um seine Versetzung, die im Oktober 1944 bewilligt wurde. Er kämpfte dann an der Westfront, wurde verwundet und nach dem Krieg bis 1948 in verschiedenen Lagern interniert. In mehreren Gerichtsverfahren sagt er nach dem Krieg „gegen mehrere meiner Kameraden aus“, auch habe er in mehreren Interviews gegen die Holocaust-Leugnung argumentiert. „Ich war ja dabei, ich habe Gaskammern und Krematorien gesehen.“ Er habe sich sein „ganzes Leben lang damit beschäftigt“. Moralisch gesehen sei er schuldig, ob er es auch im strafrechtlichen Sinn sei, möge das Gericht entscheiden.

Es ist 13.15 Uhr, als der Richter versucht, die Motivlage des früheren glühenden Nationalsozialisten Gröning zu ergründen. Warum sind Sie in die SS eingetreten? War Ihnen die Existenz der Konzentrationslager bekannt? Gröning versucht zu antworten, aber bald wird klar, dass seine Konzentrationsfähigkeit nachlässt. Aber nie erweckt er den Eindruck, dass er etwas verschweigen will. „Ich wollte in die SS, weil das eine zackige und schneidige Truppe war“, berichtet er. Zu Beginn des Krieges taumelte Nazi-Deutschland von Sieg zu Sieg, und der junge Gröning wollte dabei sein. „In 18 Tagen haben wir die Polacken verhauen“, rutscht er in die Terminologie der Zeit. „Wir wollten dazu gehören.“

Nach Auschwitz wollte er nicht, und was er dort sah, habe ihn angeblich auch schockiert. Was glaubten Sie denn, warum die Menschen „entsorgt“ werden sollten, will Kompisch wissen. „Die Juden galten ja als Feinde Deutschlands, die mussten ausgemerzt werden, das war eben Teil des Krieges“, sagt Gröning. „Aber was in Auschwitz passierte, hatte doch mit Krieg kaum etwas zu tun“, fragt der Richter. „Wir waren dressiert, wir mussten Befehle befolgen“, flüchtet sich der Angeklagte. Aber das sei „Leuten, die so jung sind, nicht erklärbar“.

Der 93-Jährige gibt allerdings auch an, sich schon damals geschämt zu haben. Was das „Vergehen“ der Ermordeten war, wusste er schon damals: „Die Juden hatten nichts getan, sie waren eben Juden.“ Das reichte, um sie zu vernichten, zu Hunderttausenden. Gegen 14.30 Uhr ist Gröning zu erschöpft, um weiter Rede und Antwort zu stehen. Die Verhandlung wird am Dienstag fortgesetzt. Der Prozess ist bis Ende Juli terminiert.