Flüchtlingskatastrohe

Spendenhoch nach der Jauch-Sendung

Brandenburger setzt Schweigeminute durch. Er will Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten

Es ist nicht bei einer Schweigeminute geblieben: Am Tag, nachdem der Brandenburger Aktivist Harald Höppner in der TV-Talkshow „Günther Jauch“ überraschend durchgesetzt hatte, dass die eingeladenen Gäste nicht nur reden sollen, sondern auch schweigend den verstorbenen Flüchtlingen auf dem Mittelmeer gedenken, haben viele Zuschauer Geld für sein Projekt gespendet. Der im Landkreis Barnim lebende Höppner will mit seinem Boot „Sea-Watch“ auf dem Mittelmeer nach Flüchtlingsbooten in Not suchen und Hilfe vor dem Ertrinken leisten. Wie ein Sprecher der Initiative Sea-Watch.org der Berliner Morgenpost sagte, waren bis zum Montagnachmittag so viele Kleinspenden eingegangen, meist einige Euro pro Person, dass das E-Mail-Postfach zu verstopfen drohte. Insgesamt rechne man mit einem „vierstelligen Betrag“ als Reaktion auf den TV-Auftritt.

Eine überaus zurückhaltende Schätzung, denn es waren knapp 4,3 Millionen Menschen, die zusahen, als das Projekt von Harald Höppner in einem Videoeinspieler bei „Günther Jauch“ vorgestellt wurde: Dass der Brandenburger dem Sterben auf dem Mittelmeer nicht mehr tatenlos zuschauen wolle und deshalb das Boot „Sea-Watch“ gekauft habe. Auch, dass dieses Boot zwar zu klein sei, um Menschen aufzunehmen, es aber Rettungsinseln und Hunderte Schwimmwesten an Bord habe, und man stets professionelle Hilfe herbeirufen wolle.

Anstatt anschließend die Fragen des Talkmasters Jauch zu beantworten, etwa ob die „Sea-Watch“ wirklich hochseetauglich sei, übernahm Höppner gewissermaßen die Regie und ging auf die Bühne. Erst in der Nacht vor der Sendung waren erneut Hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. „Ich möchte wirklich jetzt auch mal die Chance ergreifen, diesen Menschen ein Gedenken zu schenken; indem ich Sie bitte, eine Gedenkminute dafür einzulegen“, sagte Höppner.

Die Gäste, vom linken Leitartikler Heribert Prantl (wirft der Europäischen Union unterlassene Hilfeleistung vor) bis zum rechtspopulistischen Schweizer Zeitschriftenherausgeber Roger Köppel (wirft der EU vor, Anreize für Armutsmigration zu schaffen), erhoben sich augenblicklich alle zur Schweigeminute. Als Höppner weiter sagte, „man sollte in Deutschland eine Minute Zeit haben, um diesen Menschen zu gedenken“, gab auch Jauch die Führung der Sendung ab. Zu stark waren diese Worte. Einmal unterbrach Jauch noch mit den Worten, Höppner brauche nicht auf die Uhr zu schauen. 37 Sekunden später dann übernahm der Journalist wieder endgültig die Leitung und brach die Schweigeminute ab.

Höppners Auftritt war rigoros, ebenso seine spätere Ansage, er wolle „nicht diskutieren“. Immerhin hatte er die Einladung zu einer Talkshow angenommen. Dem „Tagesspiegel“ sagte Höppner am Montag: „Mich hat, schon als ich die Anfrage bekommen habe, geärgert, dass das Podium so rechtslastig besetzt war. Als ich im Studio ankam, war ich ziemlich durch den Wind.“ Er habe sich gefragt: „Wie kann es sein, dass nach so einer Katastrophe so viel gestritten wird?“ Aber als seine Frau ihm nach dem Auftritt gesagt habe: „Wie peinlich“, habe er sich gefragt, ob er „aggressiv oder arrogant“ gewirkt habe. Das sei nicht seine Absicht gewesen. Aber als ihn die vielen positiven Reaktionen erreichten, sei er erleichtert gewesen.

„Das Flüchtlingsdrama – was ist unsere Pflicht“, so hieß das Thema der Sendung, und Harald Höppner hatte einem Millionenpublikum die direkteste, zugleich öffentlichkeitswirksamste Antwort gegeben. In den sozialen Medien wurde sein Auftritt gefeiert. „Die Schweigeminute war das Würdigste an der Sendung von Günter #Jauch an einem Tag, an dem 700 Menschen im Mittelmeer starben“, schrieb SPD-Fraktionschef Hubertus Heil auf Twitter. Zugleich fällt sein Auftritt in eine Zeit, in der kritische Kommentare zu Talkshows an der Tagesordnung sind. Dass es die Redaktion von Jauch selber war, die Höppner mit der Einladung und dem Videoeinspieler eine große Bühne gab, fand so gut wie keine Anerkennung in den Kommentaren.

Am 19. April ist die „Sea-Watch“ aus Hamburg in Richtung Mittelmeer ausgelaufen. Wenn das Schiff in fünf Wochen vor Malta liegt, wird Höppner an Bord gehen. Auch weiterhin braucht sein Team Spenden. Etwa viele Tausend Euro für Diesel. Nach seinem Auftritt dürfte das Tanken kein Problem mehr sein.