Aufarbeitung

„Auf unserem Leben liegt ein Schatten“

NS-Prozess: Einer der letzten lebenden Auschwitz-Aufseher kommt vor Gericht. Gedenken zur Befreiung von Sachsenhausen und Ravensbrück

Die Maschine aus Frankfurt landet fünf Minuten vor der Zeit in Hamburg-Fuhlsbüttel, und so kommt Hedy Bohm etwas früher in dem Land an, das sie eigentlich nicht wieder betreten wollte. Die Milchglastüren in der Ankunftshalle öffnen sich, und die zierliche Frau mit den eisgrauen Haaren und den wasserblauen Augen läuft zielstrebig auf Thomas Walther zu. „So good to see you“, sagt sie zu ihrem Anwalt, der sie ab Dienstag vor Gericht vertreten wird. Hedy Bohm ist 87 Jahre alt, wurde 1944 mit ihren Eltern nach Auschwitz deportiert und tritt im Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning in Lüneburg als Nebenklägerin auf. Am Wochenende trafen die ersten Zeugen ein, die im Prozess gegen Gröning in Lüneburg aussagen werden. Die meisten treten zugleich als Nebenkläger auf. „Ich gehe mit einem positiven Gefühl in das Verfahren“, sagt Hedy Bohm. „Ich hoffe, dass meine Geschichte jetzt einen Abschluss findet.“

Die heute in Toronto lebende Jüdin wurde im Rahmen der sogenannten Ungarn-Aktion 1944 mit ihren Eltern deportiert. Als sie im Vernichtungslager ankamen, trennten die die SS-Männer von ihren Eltern. Die 16-Jährige wurde als Zwangsarbeiterin in ein VW-Werk nach Fallersleben verschleppt. Ihre Eltern wurden wahrscheinlich auf der Stelle in den Gaskammern ermordet. In den 60er-Jahren war sie einmal für ein paar Tage in Deutschland, aber das war „zu früh“, sagt sie. „Die Erinnerungen kamen zurück, die Sprache, die die SS-Männer sprachen, war auf einmal wieder da. Ich wollte nur noch weg.“

Beihilfe zu 300.000-fachem Mord

Nun, 70 Jahre nach Kriegsende, ist alles wieder da. Einer der wenigen heute noch lebenden Holocaust-Täter steht bald vor Gericht. Oskar Gröning, 93, muss sich wegen Beihilfe zu 300.000-fachem Mord im Vernichtungslager Auschwitz im Zeitraum vom 16. Mai bis 11. Juli 1944 verantworten. In diesen acht Wochen deportierte die SS in der sogenannten Ungarn-Aktion etwa 425.000 Juden in mindestens 137 Eisenbahntransporten nach Auschwitz und ermordete etwa 300.000 sofort in den Gaskammern.

In ihrer 85 Seiten langen Anklageschrift wirft die Staatsanwaltschaft Hannover dem einstigen SS-Mann Gröning vor, Geld aus dem Gepäck der neu eingetroffenen Menschen gezählt, für das NS-Regime verwertet und so das „fortlaufende Tötungsgeschehen“ unterstützt zu haben. Gröning war auch an der Rampe, um das Gepäck zu bewachen und dafür zu sorgen, dass der Bahnsteig von Blut und Kot gesäubert sowie Gepäck und Kleidung abtransportiert wurden – hätten die Menschen des nächsten Transports all die verlassenen Habseligkeiten erblickt, wäre eine Panik unvermeidbar gewesen. Und in Auschwitz sollte alles geordnet ablaufen.

Die Ungarn-Aktion brachte die Todesfabrik Auschwitz an den Rand ihrer Kapazität. In diesen 57 Tagen lief die Maschinerie im Zweischichtbetrieb, Tag und Nacht, ohne Pause. „Bei den Transporten aus Ungarn verzichtete man in Auschwitz auf weitschweifige Ansprachen und hetzte die Menschen sofort in die Gaskammern“, schreibt der Historiker Wolfgang Sofsky in seinem Buch „Die Ordnung des Terrors“. Auch Judith Kalman hat in Auschwitz eine Angehörige verloren. Ihre sechsjährige Halbschwester Évika wurde mit ihrer Mutter während der Ungarn-Aktion nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Évikas Vater überlebte und gründete nach dem Krieg eine neue Familie, in der er zwei Töchter bekam, Judith und Elaine. „Wir kannten Évika nicht, aber wir lebten ständig mit ihr und dem Gedenken an sie“, sagt Judith Kalman, die als Schriftstellerin arbeitet und ihre Familiengeschichte in einem Roman verarbeitet hat. „Auf unserem Leben liegt ein Schatten, und ich hoffe, dass das Verfahren für mich auch eine befreiende Wirkung haben wird.“

Den Nebenklägern geht es nicht um Rache oder Sühne. Selbst das Wort Gerechtigkeit fällt selten. Sie wollen, dass das Unrecht, das Ihnen und ihren Familien angetan wird, anerkannt wird – und sich noch lebende SS-Männer und -Frauen ihrer Vergangenheit stellen und sich „dafür verantworten müssen“, sagt Kalman. „Er mag alt sein, aber das sind die Überlebenden auch. Also gibt es keinen Grund, warum er nicht vor ein Gericht gestellt werden kann.“ Der Prozess komme „vielleicht ein wenig spät, aber er ist ganz und gar nicht nutzlos“.

Ähnlich sieht es Hedy Bohm. „Es geht darum, dass jemanden, der beim Holocaust ein Rad in der Maschine war, auch für die Morde mitverantwortlich gewesen ist. Es geht um die Verantwortung, aus der sich viele stehlen wollten.“

Die Nebenkläger haben in ihren Anwalt nicht nur einen versierten Juristen, sondern auch einen Freund. Thomas Walther kämpfte in seinem Berufsleben als Staatsanwalt dafür, dass die Hürden für den Straftatbestand der Beihilfe zum Mord deutlich gesenkt wurden. „Wenn einer bei einem Banküberfall Schmiere steht, ist er wegen Beihilfe dran“, sagt Walther. Die Gerichte hätten in früheren Verfahren durchaus die Mitwirkung am Massenmord in jeder Funktion – auch als Wachposten oder als Buchhalter – als Beihilfe zum Mord qualifiziert.

Im Frankfurter Auschwitz-Verfahren habe das Gericht im Urteil von 1965 plötzlich all diese Grundsätze verneint. „Seither verlangten Ermittlungsbehörden und Gerichte, dass ein Täter jedenfalls irgendetwas eigenhändig im unmittelbaren Tötungsvorgang gemacht haben müsse, wenigstens einen Finger gerührt, etwa bei der Selektion an der Rampe.“ Dieses Dogma ist mit dem Urteil gegen John Demjanjuk von 2011 wieder gefallen. Seither gelten wieder all jene Grundsätze, die in jedem anderen Verfahren immer schon angewendet wurden.

„Vor Erinnerungen davongelaufen“

Nun gibt der Anwalt mit dem langen weißen Locken Interview nach Interview in der Lobby des kleinen Hotels „Altes Kaufhaus“, in dem er für die Zeit des Prozesses wohnt. Auch die Zeugen erzählen ihre Geschichten immer wieder, für Hedy Bohm ist das aber nicht ermüdend, sondern ein „befreiender Akt“. Jahrelang sei sie „vor ihren Erinnerungen weggelaufen“, nun sollen sie wenigstens einen Sinn ergeben. Oft denkt sie an ihre Eltern, die an der Rampe ins Gas selektiert wurden. Während der monatelangen Zwangsarbeit ahnte sie nicht einmal, dass ihre Mutter tot sein könnte. Als sie nach ihrer Befreiung erfuhr, was wirklich in Auschwitz passierte, war sie völlig fassungslos, dass sie längst tot waren. Und das war vielleicht gut so: „Die Hoffnung, dass ich meine Mutter irgendwann lebend wiedersehe, hat mich über die Zeit als Slavin in der Fabrik gerettet. Sonst hätte ich es nicht geschafft.“

Der Prozess beginnt am Dienstag in der Ritterakademie in Lüneburg.