Berliner Spaziergang

Das Beste aus zwei Welten

Es beginnt mit einem Loch in einem alten Baumstamm. Jasmin Tabatabai soll da rein. Das ist der Plan des Fotografen Reto Klar. Und wir sind beide auch sicher, dass sie mitmachen wird. Die Schauspielerin hat den Ruf, nicht kapriziös zu sein. Das bestätigt sich, als die 47-Jährige kommt. „Natürlich mache ich das“, sagt sie gleich nach der Begrüßung und begutachtet den hohlen Baumstamm. Reto Klar zwängt sich in das Loch, zeigt ihr, wie sie sich am günstigsten hinkauern soll. Als der Fotograf wieder raus will, gibt es ein Problem: Er trägt einen dicken Anorak - und steckt fest. Tabatabai reicht ihm lachend die Hand, zieht ihn raus. Es sind plötzlich vertauschte Rollen. Für sie nicht neues.

Als Ort für den Spaziergang hat Tabatabai die Gegend rund um den Majakowskiring im Stadtteil Niederschönhausen gewählt. Nicht ganz zufällig, eher pragmatisch. Sie wohnt ganz in der Nähe in einer denkmalgeschützten Villa. Zusammen mit ihren drei Kindern und ihrem Lebensgefährten, dem Schauspieler Andreas Pietschmann. Und mit dem jüngsten Kind, Johan Anton ist anderthalb Jahre alt, hat sie gleich im Anschluss einen Termin beim Arzt.

Es ist eine traumhafte Wohnlage: sehr ruhig, an Parks gelegen und doch in der Stadt. Vor zehn Jahren haben Tabatabai und ihr damaliger Ehemann, der US-Musiker Tico Zamora, die Villa gekauft. Damals noch zu einem moderaten Preis, wie sie betont: „In München hätten wir dafür kaum eine Dreiraumwohnung bekommen.“ Die Frau mit einem deutschen und einem iranischen Pass fühlt sich hier wohl, schwärmt von der „tollen Ost-West-Mischung“, die es so in anderen Stadtteilen nicht mehr gebe. „Zwar nicht so schick wir der Süden, dafür ist es hier viel entspannter.“ Ihr gefalle es sowieso besser, wenn nicht alles so perfekt sei und „auch mal Grasbüschel zwischenden Wegeplatten wachsen“.

Jasmin Tabatabai war zwölf Jahre alt, als sie 1978 nach Deutschland kam. 2010 hat sie über ihre Eltern ein Buch geschrieben. Grundlage waren vor allem Briefe ihrer Mutter; und mehr als 2000 Seiten, die sie im Nachlass der Großmutter fand. Das Buch heißt „Rosenjahre“ und erzählt eine Geschichte, die es wert wäre, verfilmt zu werden: Sie beginnt 1956 auf dem Oktoberfest in München. Mogetaba Tabatabai, weltgewandter persischer Geschäftsmann und in 34. Generation verwandt mit dem Propheten Mohammed, und die schüchterne Fremdsprachenkorrespondentin Rosemarie Otterbach aus Schwabing treffen zufällig aufeinander - und verlieben sich. Ein gutes Jahr später folgt ihm die zwanzigjährige Rosemarie in den Iran. Sie heiratet Mogetaba schon nach wenigen Wochen. Vier Kinder werden geboren. Das Jüngste kommt 1967 zur Welt, genau in jener Woche, in der Schah Reza Pahlavi Berlin besuchte: Jasmin, von Eltern und Geschwistern „Nini“ genannt.

Was im Buch nicht mehr vorkommt, ist das Schicksal des Vaters nach der Flucht 1978 nach Deutschland. Er ist hier nie richtig heimisch geworden, ging zwei Jahre später zurück nach Teheran und starb dort 1986. Seine Beerdigung war auch der letzte Besuch Jasmin Tabatabais in der Heimat. „Ich weiß, dass es für mich derzeit kein Zurück gibt“, sagt sie. Obwohl sie nur zu gern ihrem Mann und ihren Kindern Teheran zeigen würde. Aber sie sieht das realistisch: „Dass ich von Anfang an in meinen Filmen unverschleiert aufgetreten bin, reicht leider schon als Grund, nicht zurückreisen zu können.“

Beleidigende Vergleiche

Eine Doppelrolle hat Jasmin Tabatabai immer behalten. Sie war, wie sie selber sagt, „eine der ersten Schauspielerinnen mit Migrationshintergrund, die als deutsche Schauspielerin galt und deutsche Rollen spielen durfte“. Gleichzeitig ist sie gesuchte Ansprechpartnerin, wenn es um das Thema Islamismus geht. Sie spricht ungefragt davon. Es beschäftigt sie. „Das nervt mich, wenn ich, als Tochter eines Muslims aufgefordert werde, mich von dem Terror der Fundamentalisten zu distanzieren“, sagt sie. „Ich habe das Gefühl, reingedrängt zu werden in einen albernen neuen Glaubensstreit.“ Sie gehe ja auch nicht herum und verlange von jedem Deutschen, sich vom NSU-Terror zu distanzieren. „Meine Familie hat den Iran vor über 30 Jahren verlassen wegen der islamischen Fanatiker, die an die Macht kamen. Es ist geradezu beleidigend für jemanden wie mich, der seine Heimat verloren hat, mit diesen religiösen Fanatikern in einen Topf geworfen zu werfen.

Unsere Route für den Spaziergang ist nicht nur praktisch für Mutter Tabatabai, die Gegend ist auch sehr geschichtsträchtig. In den 1950-er Jahren lebten am Majakowskiring fast ausnahmslos DDR-Regierungsmitglieder. Das Rondell war mit Schranken abgesperrt, wurde von Polizisten bewacht und wegen dieser Abschottung „das Städtchen“ genannt. In Tabatabais Villa wohnte von 1959 bis 1964 der erste DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl. Danach diente das dreigeschossige Gebäude dem DDR-Schriftstellerverband als Gästehaus. Tabatabai weiß das natürlich, spricht von „343 Quadratmetern bewegte Geschichte“. Aber es gibt für sie auch andere interessante Bauten hier. Wie dieses ehemalige Hotel in der unmittelbaren Nachbarschaft, in dem sich heute Eigentumswohnungen befinden und das Tabatabai „wegen seines Baustils schon immer besonders gut gefallen“ hat. Als wir darauf zusteuern, wird die Schauspielerin erkannt. Ein älterer Herr in Arbeitskluft tritt interessiert näher. „Kommen Sie doch ruhig herein, Frau Tabatabai“, sagt er.

Der Komplex war jahrelang eine abgesperrte Baustelle. Und Tabatabai ist nicht abgeneigt, das ehemalige Hotel nun auch mal von innen zu sehen. Wir folgen also dem freundlichen Hausmeister. Es gibt viel Glas und Beton. Der Denkmalschutz hat sich konsequent gegen genutzte Quadratmeter durchgesetzt. Die Vorhalle jedenfalls wirkt, was die Größe betrifft, geradezu verschwenderisch. Nichts weist darauf hin, dass es jetzt ein profanes Wohnhaus ist. Auf einer Tafel sind prominente Gäste vermerkt. Das reicht von Fidel Castro bis zu Beatrix, damals noch Königin der Niederlande. Gleich neben der Tafel ist im Mauerwerk ein Fresko des DDR-Künstlers Walter Womacka eingelassen. Es erinnert an die bunte „Bauchbinde“ am Haus des Lehrers am Alexanderplatz. Sozialistischer Realismus. Und es gibt diese runden, an Stäben befestigten Deckenlampen, die so auch im Palast der Republik hingen. „So ähnliche habe ich in meinem Haus“, schwärmt Tabatabai. „Ich mag diesen 70-er-Jahre-Charme, er erinnert mich an meine Kindheit in Teheran.“

Das Teheran in ihrer Erinnerung war ein anderes als das heutige. Es war bunt und fröhlich. Und im Fernsehen liefen noch amerikanische Serien. Als Kind hat sie Rollen nachgespielt und „eigene Stücke“ geschrieben. „Ich wollte schon immer Schauspielerin werden, es gab für mich nie einen anderen Beruf“, sagt sie.

Dieses Interesse hielt sich. Auch später, nach dem Umzug nach Bayern. Und letztlich führte sie dieser Beruf über einen kleinen Umweg nach Berlin. Studiert hat Tabatabai aber erst einmal an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Im letzten Semester bekam sie ihre erste Film-Rolle und war in der Schweiz bei Dreharbeiten. „Dadurch habe ich das Vorsprechen verpasst für die Theater. Und als ich zurück kam, hieß es: Alles vorbei. Es gibt nur noch ein Vorsprechen in Potsdam am Hans-Otto-Theater.“ Sie fuhr nach Potsdam, wurde genommen und stellte begeistert fest, „dass Potsdam ja ganz in der Nähe von Berlin ist“. Sie erzählt das ganz locker, kann heute selber lachen über ihre damaligen Unkenntnisse in Geografie.

In Berlin kennt sich sich heute vermutlich besser aus als viele Ureinwohner. In den ersten fünf Jahren zog Tabatabai zehn Mal um, „von einer WG in die nächste und erkundete das Nachtleben“. Sie hat in Treptow gewohnt, in Wilmersdorf, Schöneberg und in Prenzlauer Berg Auch in Kreuzberg hat sie später noch mehrfach die Wohnung gewechselt, zog an einschlägige 1.- Mai-Orte wie Oranienstraße, Heinrichplatz und Mariannenplatz. „Das hat manchmal schon genervt. Drei Tage vorher musste man schon die Hunde einsperren und die Autos umparken, weil die Hobby-Steine-Werfer aus der Provinz nach Kreuzberg kamen, um hier Randale zu machen“, sagt sie. Inzwischen ist sie ein ultimativer Berlin-Fan: „Es ist nicht die schönste Stadt, und sie ist teilweise ziemlich verbaut, aber der Reiz ist für mich das Neu und Alt. Ich freue mich immer wieder, dass ich hier gelandet bin.“ Was die sportinteressierte Schauspielerin aber nicht davon abhalten kann, einem Fußballverein aus einer ganz anderen Region die Daumen zu drücken: dem FC Bayern München. Meine Frage, ob es in ihrem Herzen auch noch Platz für Hertha BSC gibt, beantwortet sie mit einem ratlos wirkenden Blick.

Erster Platz bei Umfrage

Anfang des Jahres wurde Jasmin Tabatabai bei einer Umfrage der „Bild am Sonntag“ und dem Meinungsforschungsinstitut YouGov zur beliebtesten deutschen Schauspielerin gewählt. Auf den nächsten Plätzen folgten Iris Berben, Heike Makatsch und Senta Berger. Gab ein bestimmter Film den Ausschlag? Tabatabai selbst hält „Bandits“ für ihren bislang größten Erfolg. Einen Film aus dem Jahr 1997, in dem sie Katja Riemann und Nicolette Krebitz Gefängnisinsassinnen spielen und eine Band gründen. Den Soundtrack zum Film schrieb zum größten Teil Jasmin Tabatabai. „Er ist der meist verkaufte Soundtrack eines deutschen Films überhaupt“, sagt sie. „Auch heute noch kommen Leute auf mich zu, vor allem jüngere Frauen, und sagen: Dieser Film hat mich sehr beeindruckt oder sogar beeinflusst.“ Und spätestens durch diesen Film wurde deutlich, dass Jasmin Tabatabai auch eine sehr gute Sängerin ist. Auch das also eine Art Doppelrolle. Sie liebt beides: „Diese Kombination aus Gesang und Spiel. Ich glaube, das ist genau das, was mich ausmacht.“

Für den ersten Platz bei der Meinungsumfrage hat jedoch vermutlich Tabatabais Rolle als Kriminalhauptkommissarin Mina Amiri in der seit 2012 laufenden ZDF-Serie „Letzte Spur Berlin“ den Ausschlag gegeben. Eine Spezialabteilung des Berliner Landeskriminalamtes klärt dort die Schicksale Vermisster auf. Jasmin Tabatabai hatte sofort zugesagt, als sie das Angebot bekam. „Ich hatte totalen Bock, Fernsehen zu machen“, sagt sie. „Ich wollte in die Wohnzimmer der Leute kommen, zeigen, dass ich auch für Mainstream geeignet bin, mit einer interessanten Frauenfigur. Etwas, wo ich dann auch mal meiner Nachbarin sagen kann: Morgen kannst du mich sehen, 21.15 im ZDF.“

Es gab noch einen anderen Grund: „Ich war es müde, Filme zu machen, die in Hinterhof-Kinos in den Nachmittagsvorstellungen laufen.“ Als Beispiel nennt Tabatabai den Film „Altiplano“, in dem sie eine Kriegsfotografin spielt. „Wir haben sechs Wochen in Peru mit einem wahnsinnigen Aufwand gedreht. Es ist ein toller Film geworden. Und dann kommen da nur drei Kopien raus, und gezeigt werden sie auch noch während der Fußball-WM.“

Ganz anders „Letzte Spur Berlin“, das bis zu fünf Millionen Zuschauern hat. Am 10. April begann die vierte Staffel. Und ab Juni wird die Fünfte gedreht. Zwischendurch gibt Tabatabai Konzerte als Jazzsängerin. Ansonsten ist Pause angesagt. „Ich mache auf Familie, kümmere mich um Haus, Hof, Kinder und Mann – und genieße das sehr.“ Auch ihre Mutter wohnt jetzt mit in der Villa. „Das ist toll für die Kinder, dass sie zuhause eine Oma haben“, sagt Tabatabai. „Sie lernen, was persischer Familiensinn ist, dass man sich oft zum Essen trifft und wie man zum Beispiel das persische Neujahrsfest feiert.“ Aber gesprochen werde mit den Kindern deutsch. Keine Doppelrolle: „Es sind kleine Berliner.“