Sondersitzung

Schicksalstag in Salzburg

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VW-Führungskrise: Machtkampf spitzt sich weiter zu. Die Aufseher beraten über die Zukunft von Vorstandschef Martin Winterkorn

Im beschaulichen Salzburg könnte VW-Geschichte geschrieben werden. Der Machtpoker bei Volkswagen steuerte am Donnerstag auf einen neuen Höhepunkt zu. Fernab des VW-Stammwerks in Wolfsburg beriet der engste Kreis des Aufsichtsrats, wie es weitergeht in der Führungskrise. Ergebnisse wurden nach dem Treffen nicht genannt.

Seit fast einer Woche schwelt der Machtkampf bei VW – seitdem Piëch in unnachahmlicher Manier von seinem Ziehsohn, VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, abgerückt war, mit einem einzigen Satz im Nachrichtenmagazin „Spiegel“: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“ Der Betriebsrat und das Land Niedersachsen als wichtige Machtpfeiler bei VW aber stellten sich hinter Winterkorn, selbst Wolfgang Porsche als Sprecher des Porsche-Clans distanzierte sich von seinem Cousin. Die Familien Porsche und Piëch halten die Mehrheit an VW.

Am Donnerstag nun reisten die Kontrahenten nach Österreich und trafen dort aufeinander, es schlug die Stunde des Aufsichtsrats-Präsidiums – in dem bei VW für gewöhnlich wichtige strategische Weichenstellungen getroffen werden. Darin sitzen neben Piëch und Wolfgang Porsche noch der frühere IG Metall-Chef Berthold Huber, VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sowie der Osterloh-Vize Stephan Wolf.

VW blieb aber am Donnerstag geheimnisvoll: wo genau und bis wann getagt wurde, blieb unklar. Sowohl Piëch als auch sein Cousin Porsche haben ein Privathaus in Salzburg – ebenso wie Wolfgang Porsches Bruder Hans-Peter. Außerdem hat Europas größter Autohändler, die Porsche Holding Salzburg, in der Stadt ihren Sitz. Dort aber war es am Donnerstag ruhig – zumindest nach außen hin. Immerhin: am Salzburger Flughafen wurden am Nachmittag Flieger gesichtet, die VW zugeordnet wurden.

Auch der Mann, um dessen berufliche Zukunft es gehen könnte, war nach Salzburg gereist: VW-Chef Winterkorn. Noch am Vormittag schien es so, als betreibe er sein ganz gewöhnliches Tagesgeschäft. Zwei Werksbesuche in der VW-Heimat Niedersachsen standen auf dem Programm, abends sollte der Top-Manager eigentlich in Göttingen vor Spitzenpolitikern sprechen. Doch dann sagte Winterkorn den Termin in Göttingen kurzfristig ab und es ging für ihn nach Salzburg.

Druck liegt beim Aufsichtsratschef

Wie aber geht es für ihn weiter? Winterkorn war bis zu den Piëch-Aussagen als Nachfolger des VW-Patriarchen an der Spitze des Aufsichtsrates gehandelt worden. Und: Neben der Distanz-Ansage zitierte das Nachrichtenmagazin Piëch auch mit den Worten: „Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen.“ Damit stand sogar Winterkorns Verbleib im Vorstand infrage – obwohl er in Salzburg laut „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) um eine Verlängerung seines Ende 2016 auslaufenden Vertrages kämpfen wollte.

Im Aufsichtsrat läuft das Amt Piëchs als Vorsitzender noch zwei Jahre – was dann kommt, ist völlig offen. Nur soviel: Ein Techniker soll es laut dem Patriarchen ebenso sein wie an der Vorstandsspitze. Und kein Familienmitglied, womit Piëchs Frau Ursula ebenso außen vor ist wie sein Bruder Hans Michel.

Also liegt der Druck nun auch beim Patriarchen Piëch. Er hat die allseits erwartete Nachfolge-Regelung mit der Hauptfigur Winterkorn über den Haufen geworfen – dafür muss er gute Gründe gehabt haben. Womöglich sieht er für Volkswagen nach den Jahren der Expansion eine neue Ära anbrechen, die ein neues Gesicht an der Spitze nötig macht. Seit Winterkorn Vorstandschef ist, hat sich der Konzernumsatz in acht Jahren verdoppelt, der Gewinn mehr als verfünffacht, neue Marken kamen unter das VW-Dach. Nun könnte eine Phase der Konsolidierung anstehen.

Am 5. Mai steigt in Hannover die VW-Hauptversammlung. Dass sich dabei Piëch und Winterkorn vor den Aktionären gemeinsam aufs Podium setzen, scheint in der jetzigen Lage undenkbar. Auch Winterkorns geplanter Auftritt am Sonntag bei der Automesse in Shanghai wäre delikat.

Winterkorn wurde am 24. Mai 1947 in Leonberg bei Stuttgart geboren. Nach dem Studium der Metallphysik und seiner Promotion begann seine Laufbahn 1977 zunächst bei Bosch. Eine entscheidende Weichenstellung war vier Jahre später der Wechsel in die Audi-Zentrale nach Ingolstadt. Früh arbeitete er im Dunstkreis von Piëch, der ihn 1988 – als frischgebackener Audi-Chef – zum Bereichsleiter für die „Zentrale Qualitätssicherung“ machte. Zwei Jahre später wurde Winterkorn Leiter der Qualitätssicherung bei Audi. Als Piëch 1993 VW-Konzernchef wurde, übertrug er seinem Vertrauten die Verantwortung für die Konzern-Qualitätssicherung, 2002 berief er ihn an die Spitze der Ingolstädter Tochter. Und 2007 schließlich schaffte es Winterkorn an die VW-Spitze. Mit der „Strategie 2018“ sorgte Winterkorn für klare Zielvorgaben bei Qualität und Quantität. Spätestens 2018 soll Volkswagen demnach der nach Absatz weltgrößte Autokonzern sein, noch liegt Toyota vorn.

Doch je größer das VW-Imperium wurde, desto schwieriger wurden die Abstimmung und die Führung. Die Baustellen häuften sich in der letzten Zeit. Auf dem eigentlich wachsenden US-Markt kommt Volkswagen nicht voran. Die Kernmarke VW mit Bestsellern wie dem Golf dümpelt mit einer auch im Branchenvergleich schwachen Rendite vor sich hin. Winterkorn steuerte gegen – mit einem milliardenschweren Sparprogramm.

Dazu kommen die großen Herausforderungen für die Branche insgesamt: die digitale Vernetzung mit möglichen neuen Größen auf dem Markt wie Google und Apple sowie die alternativen Antriebe. „In den vergangenen sieben Jahren hat sich unsere Branche stärker und schneller verändert als in allen Jahrzehnten zuvor“, sagte Winterkorn kurz vor Weihnachten bei einem internen Treff mit Führungskräften in Dresden. Vieles im streng hierarchisch geführten VW-Konzern war auf ihn zugeschnitten – zu vieles?