Rassismus

„Das ist das nächste Ding, das brennt“

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Fremdenfeindlichkeit: Die aufgeheizte Stimmung in Tröglitz ist kein Einzelfall. Auch das brandenburgische Kittlitz könnte ein Problem bekommen

Der Zaun wächst schnell. Die Hälfte des Grundstücks ist bereits hinter stabilem, blickdichtem Blech verborgen. Der NPD-Aufkleber am Briefkasten ist aber noch bestens zu erkennen. „Ich wollte den Zaun eh erneuern“, sagt der Mann, der hier wohnt, und lehnt seine Schaufel an das ihn überragende Bauwerk. „Aber jetzt mache ich ihn noch höher wegen der Flüchtlinge.“

„Tröglitz ist überall“, hatte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) am Montag gesagt und sich damit auf den Brandanschlag auf ein geplantes Asylheim bezogen. Zuvor war der Tröglitzer Bürgermeister Markus Nierth (parteilos) nach Drohungen zurückgetreten. Im brandenburgischen Kittlitz im Spreewald sieht es so aus, als hätte Haseloff mit seiner Einschätzung recht. Denn es gibt beunruhigende Parallelen zu der Ortschaft in Sachsen-Anhalt.

Vor drei Wochen haben die Einwohner von Kittlitz davon erfahren, dass die Förderschule in ihrem Ortsteil zu einem Flüchtlingsheim umgebaut werden soll. 100 Einwohner hat Kittlitz, 130 Asylbewerber sollen hier ab Ende des Jahres untergebracht werden. Der parteilose Bürgermeister von Lübbenau, Helmut Wenzel, hat inzwischen einen anonymen Drohbrief erhalten. Der Ortsbeirat wurde am Rande des Osterfeuers ebenfalls bedroht. Sogar das Szenario eines brennenden Flüchtlingsheims kursiert in Kittlitz.

Zäune und Wachhunde

Zäune sind ein prägendes Element im Ortsbild von Kittlitz, hinter vielen ein laut bellender Hund. Auch auf Hagen Wassermanns Grundstück. Der Kittlitzer hegt eine „totale Anti-Sympathie“ gegen das Asylbewerberheim. „Wir rüsten auf“, kündigt er an. „Ich werde alle meine Grundstücke dichtmachen und mir einen weiteren Wachhund zulegen.“ Er lehnt sich auf seinen stabilen Gartenzaun. Seine Meinung zu den Flüchtlingen ist klar: „Die kommen hierher, machen nichts und kriegen das Geld in den Hals geschmissen.“ Er würde die Flüchtlinge „sobald sie ankommen, gleich ins nächste Schiff verfrachten – und retour.“

Mit seiner Meinung steht er nicht alleine da. Er erzählt von einer Firma in der Nähe, dort hätten die Arbeiter gesagt: „Das ist das nächste Ding, das brennt!“ Der Chef habe darauf geantwortet: „Geht lieber nach Potsdam. Da sitzen die Urheber.“ Wassermann selbst ist dagegen, Feuer im Flüchtlingsheim zu legen: „Das Gebäude kann ja nichts dafür.“ Er zieht die Augenbrauen zusammen. „Aber so einfach kampflos? Garantiert nicht! Es wird brenzlig hier in nächster Zeit.“

Eine Straße weiter angelt ein junger Mann an einem Weiher. Auch er hat Angst vor der „Übermacht“ der Flüchtlinge. „Was der deutsche Staat verspricht, wird nicht eingehalten“, schimpft er. Statt der angekündigten Frauen und Kinder fürchtet er, dass jetzt jede Menge junger Männer kommen. Und „Ausländer, die nicht die Erziehung von Deutschen haben“. Bei denen sei die Frau ja nur „der Fußabtreter“. Außerdem will er aus sicherer Quelle erfahren haben, dass 200 statt 130 Flüchtlinge kommen und die Stadt für zehn Jahre mit dem Flüchtlingsheim plant. Offiziell ist von drei Jahren die Rede.

„Hier herrscht große Angst“, sagt er. „Ob Sie den alten Opi oder die jungen Leute fragen. Viele sind auf dem Standpunkt: Abbrennen, das Ding!“ Ein Fisch hat angebissen. Er zieht ihn langsam vom Haken. Sein Weltbild ist eindeutig: „Es geht darum, dass sie klauen wie die Raben, weil sie ja nicht eingeschlossen sind.“ Ein Umstand, den er am liebsten ändern würde. „Die Bürger fordern ja, dass sie 24 Stunden eingeschlossen sind, abgeriegelt, mit hohem Zaun, damit sie nicht rauskommen. Weil wir nicht wollen, dass die hier frei rumlaufen.“

Vergleichbare Fälle wie in Tröglitz gab es zuletzt auch im Westen Deutschlands. Mitte Dezember wurden im fränkischen Vorra drei Häuser, in die Flüchtlinge einziehen sollten, in Brand gesteckt. Die Ermittler entdeckten danach ein Hakenkreuz an der Hauswand. Die Amadeu Antonio Stiftung dokumentiert zudem eine Brandstiftung am 9. Februar im schleswig-holsteinischen Escheburg.

Während das Bundeskriminalamt keine nach Ländern differenzierte Statistik bereithält, drängt die Linksfraktion im Bundestag das Bundesinnenministerium regelmäßig in parlamentarischen Anfragen zu genauer Auskunft. Einmal pro Quartal erhält die Öffentlichkeit so Auskunft über Ausmaß und regionale Verteilung der asylfeindlichen Taten. Diese Dokumente weisen für das Jahr 2014 insgesamt 170 Angriffe gegen Asylunterkünfte aus, 150 davon galten als rechts motiviert. Inzwischen sind weitere Fälle beim Bundeskriminalamt nachgemeldet worden, sodass unterm Strich die 162 Fälle stehen. Von den 170 Angriffen insgesamt fanden 60 in den ostdeutschen, 75 in den westdeutschen Bundesländern statt. 35 wurden in Berlin registriert. Gemessen an der deutlich niedrigeren Einwohnerzahl und damit auch geringeren Flüchtlingszahl im Osten passieren Straftaten gegen Asylunterkünfte dort also besonders oft.

Landrat bleibt bei Plänen

Die Lage sieht je nach Region verschieden aus: Während das Bundesinnenministerium für Sachsen im Jahr 2014 insgesamt 28 Angriffe auf Asylunterkünfte ausweist, gab es in Brandenburg 16, in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern je sechs. Sachsen-Anhalt, wo Tröglitz liegt, hatte mit vier registrierten Taten im ostdeutschen Vergleich die wenigsten Fälle.

Die Politik in Brandenburg ist alarmiert, bleibt aber bei ihren Plänen. Der Landkreis Oberspree-Lausitz muss 204 Unterbringungsplätze mehr schaffen, als bisher vorhanden sind. In Reaktion auf die Drohung an Helmut Wenzel stellte sich Landrat Siegurd Heinze (parteilos) ausdrücklich hinter den Bürgermeister von Lübbenau und verurteilte den Drohbrief. Außerdem bestätigte er, dass die Flüchtlinge wie geplant nach Kittlitz kommen werden. Wenzel selbst kündigte weitere Gespräche mit den Bürgern an. Ein Treffen zwischen dem Ortsbeirat und dem Landrat sei in Vorbereitung. Ziel sei „aktiv und offensiv zu informieren und offen mit dem Thema umzugehen“.

Der Kittlitzer Norbert Kobienia hat keine Angst vor den Asylbewerbern. „Unter 100 Leuten sind immer ein paar Langfinger“, meint er. „Hier im Dorf genauso wie bei den Asylanten.“ Doch auch er versteht nicht, warum das Flüchtlingsheim kommt: „Der Bus nach Lübbenau fährt nur ein paar Mal am Tag, und Einkaufsmöglichkeiten gibt es auch nicht.“ Die Ängste im Ort kann er nicht ernst nehmen. Er fürchtet etwas anderes: „Meine Sorge ist, dass sich das hier im Ort hochschaukelt zwischen Gegnern und Unterstützern, die gar nicht von hier kommen, aber das hier austragen.“