Extremismus

Ein Riss geht durch Tröglitz

Sachsen-Anhalt: Nach dem Brandanschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft zeigt sich, wie stark die Ablehnung vieler Anwohner ist

Tröglitz im südlichen Sachsen-Anhalt erlebt in diesem Jahr kein friedliches Osterfest. In der Nacht zum Sonnabend hatten Brandstifter einen Anschlag auf die künftige Asylbewerberunterkunft in der 2700-Einwohner-Kommune, rund 50 Kilometer südlich von Leipzig, verübt. Ein großer Teil des Dachstuhls des zuvor sanierten Gebäudes, in dem von Mai an 40 Flüchtlinge leben sollten, brannte komplett aus. Das Haus ist nun unbewohnbar, die Asylbewerber können nicht nach Tröglitz kommen, sondern werden in anderen Kommunen des Burgenlandkreises, zu dem der Ort gehört, untergebracht.

Dennoch sollen so bald wie möglich zehn bis zwölf andere Asylbewerber nach Tröglitz kommen, in Privatwohnungen, wie Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) am Ostermontag ankündigt. Schon am Sonnabend sagt Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zu, dass das durch das Feuer beschädigte Haus wieder saniert werden soll, wenn der Eigentümer dort weiterhin Wohnungen für Flüchtlinge vermieten will. Die Tat, hinter der Rechtsextremisten vermutet werden, offenbart, wie tief die Einwohner von Tröglitz in zwei Lager gespalten sind. Durch den Ort zieht sich ein unsichtbarer Riss. Da ist einerseits die kleinere Gruppe von Bewohnern um den ehemaligen ehrenamtlichen Bürgermeister Markus Nierth (parteilos). Er hatte sich für die Aufnahme von Flüchtlingen in Tröglitz engagiert und war vor einem Monat von seinem Amt zurückgetreten: Er fühlte sich von der Politik im Burgenlandkreis nicht ausreichend unterstützt – und seine Familie und sich nicht genügend geschützt. Der Grund: Eine von der rechtsextremen NPD angemeldete Demonstration, die sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen richtete, sollte an seinem Wohnhaus mit einer Kundgebung enden. Dies war nicht die erste derartige Demonstration in dem Ort, zuvor waren Rechtsextreme schon neunmal durch Tröglitz marschiert.

Und dann gibt es andererseits die größere Gruppe im Ort, die sich von Asylbewerbern bedroht fühlt, mit Hass und Neid auf diese reagiert. Asylbewerber gelten dieser Gruppe als Menschen, die vermeintlich mit sozialen Wohltaten überschüttet würden und denen es im Vergleich mit den eigenen finanziellen Verhältnissen bedeutend besser gehe. Oder, wie es manche Tröglitzer formulieren, „denen alles in den Hintern gesteckt wird, während die Deutschen auf der Straße leben müssen“. Unterhält man sich eine Weile mit diesen Bürgern, bemerkt man deren – offene oder klammheimliche – Freude darüber, dass vorerst keine Asylbewerber in den Ort kommen werden.

Sie blenden dabei aus, dass durch den Brandanschlag zwei Menschen, in diesem Fall zwei Einheimische, ihr Leben hätten verlieren können. Als das Feuer in der Nacht zum Sonnabend gegen zwei Uhr ausgebrochen war, befand sich im Dachgeschoss des rechten Gebäudeteils – in der zu diesem Zeitpunkt einzigen vermieteten Wohnung – ein Paar, 50 und 55 Jahre alt. Die beiden wurden von Nachbarn vor den Flammen gewarnt und konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Ihr Mobiliar ist durch das Feuer und die Löscharbeiten, die zwei Stunden andauerten, zerstört worden. Polizeirat Ralf Karlstedt nennt als Schadenshöhe für das gesamte Haus eine „sechsstellige Summe“.

Die Polizei reagiert schnell. Noch am Sonnabend wird eine Ermittlungsgruppe gebildet, die vom Landeskriminalamt geleitet wird. Außerdem nimmt der Staatsschutz der Polizei, der für politisch motivierte Straftaten zuständig ist, Ermittlungen auf. Am Sonntag wird die Spurensicherung abgeschlossen. Am Ostermontag äußert sich ein Sprecher des Landeskriminalamts zuversichtlich, dass „über kurz oder lang die Täter überführt werden können“. Er ergänzt: „Wir fangen in Tröglitz mit unserer polizeilichen Arbeit nicht bei Null an.“

Neue Drohungen per E-Mail

Das Attentat muss gut vorbereitet und geplant gewesen sein: Ministerpräsident Haseloff berichtet, dass die Polizei das Haus in den vergangenen Wochen und auch in der Tatnacht besonders gründlich bewacht hatte. Mindestens einmal pro Stunde sei ein Streifenwagen vorbeigefahren. Doch das konnte den Anschlag nicht verhindern. Und an Ostern muss der Polizeischutz weiter verstärkt werden. Das liegt an keinesfalls friedlichen Nachrichten in den E-Mail-Postfächern der Familie von Ex-Bürgermeister Nierth und von Landrat Götz Ulrich (CDU). Dort gehen jeweils massive Drohungen ein. Markus Nierth hatte schon in den vergangenen Wochen Morddrohungen erhalten und steht seitdem unter Polizeischutz. Am Ostermontag muss nun Innenminister Stahlknecht veranlassen, dass der Polizeischutz für Nierth und seine Familie erhöht wird. Susanna Nierth berichtet im Gespräch davon, dass neue Drohungen per E-Mail eingegangen sind. „Wir haben das geahnt, weil wir für Karsamstag die Demonstration nach dem Brandanschlag in Tröglitz organisiert hatten“, erzählt sie. An der Kundgebung am späten Nachmittag hatten sich auf dem Friedensplatz rund 300 Menschen beteiligt, unter anderem Ministerpräsident Haseloff, Innenminister Stahlknecht und Landrat Ulrich. Der Landrat erhält zu Ostern ebenfalls Drohungen und wird unter Polizeischutz gestellt. Das Ehepaar Nierth, das mit sieben Kindern in einem Haus lebt, wird rund um die Uhr bewacht. Der 46-jährige Ex-Bürgermeister und seine Frau stellen für jene Tröglitzer, die gegen die Aufnahme von Flüchtlingen sind, Hassfiguren dar: Sie geben dem Ehepaar die Schuld für die Eskalation durch den Anschlag, nicht den Tätern dahinter. Im Internet wird das Paar wüst beschimpft.

Neben dem Ehepaar Nierth sind es Ausländer, besonders Asylbewerber, die den Hass und Neid vieler Tröglitzer auf sich ziehen – auch wenn bislang im Ort noch gar keine leben. Unterhält man sich längere Zeit mit solchen Bewohnern, erlebt man bald Phänomene, wie man sie bei den Pegida-Demonstranten in Dresden beobachten kann. Da ist zum einen die sprachliche Verharmlosung von Demonstrationen und Aufmärschen, die auch in Tröglitz als „Spaziergänge“ bezeichnet werden. Wer soll schon etwas gegen Spaziergänger haben? „Unsere Demonstrationen waren nur friedliche Spaziergänge“, sagt etwa Andreas Poser aus Tröglitz. Dann stößt man auf pauschale Vorbehalte gegen „die Politiker“ und „die Medien“. Das Wort „Lügenpresse“, regelmäßig bei Pegida-Demonstrationen zu hören, wird auch in Tröglitz häufig ausgesprochen. Auch fällt auf, dass die Flüchtlingsgegner immer wieder betonen, „natürlich nichts gegen Ausländer zu haben“ – es folgt aber die Begründung, warum man keine Asylbewerber wolle und warum sie gefährlich seien.

Eberhard Stück etwa, 63 Jahre alt und Hartz-IV-Empfänger, formuliert es so: „Wir sind nicht gegen Asylbewerber, wir sind gegen Asylmissbrauch.“ Seine Angst vor Asylbewerbern begründet er damit, dass seine Enkel Anfeindungen zu befürchten hätten, wenn sie erst einmal im Ort seien. Auf die Gegenfrage, weshalb die Enkel sich dann nicht wehren könnten, sagt er: „Weil sie dann als Nazis gelten.“ Er ergänzt: „Die, die uns als Bodensatz und Nazis hinstellen, sind Heuchler.“ Warum? „Weil keiner hier Asylbewerber will, niemand.“

In den Gesprächen im Ort wird an vielen Stellen deutlich, dass ähnlich wie bei Pegida viele Menschen für sachliche Argumente nicht mehr zu erreichen sind. Wenn etwa Stück darauf angesprochen wird, dass die NPD bei den Demonstrationen in Tröglitz gegen Flüchtlinge nicht nur dabei war, sondern die Aufmärsche auch angemeldet hatte, sagt der ehemalige Handwerker: „Die NPD ist keine verbotene Partei. Wenn sie so schlimm wäre, wie immer gesagt wird, müsste die Regierung die NPD verbieten.“ Dass der Bundesrat einen Verbotsantrag beim Bundesverfassungsgericht gestellt hat, will Stück nicht gelten lassen.

Als Landrat Ulrich am Dienstagabend vor 500 Zuhörern die Asylpläne des Burgenlandkreises erläuterte und dabei mit genauen Zahlen argumentierte – er setzte die Kosten für Asylbewerber ins Verhältnis zu den weitaus größeren Ausgaben für Sozialleistungen wie Hartz IV –, drang er bei vielen Leuten damit nicht durch. „Es gibt Menschen, die man nicht mehr erreicht mit Sachargumenten“, glaubt Ulrich, der seit der Kommunalwahl 2014 im Amt ist. „Es gehört auch eine gewisse Grundbildung dazu.“ Markus Nierth formuliert es wesentlich drastischer: „Diese Leute sind therapieresistent. Sie wollen bloß motzen und schimpfen und treten auf die noch Schwächeren ein.“