Flugzeugabsturz

Ein lange geplanter Absturz

Früher wäre Andreas Lubitz vielleicht in die öffentliche Bibliothek gegangen, hätte Bücher auf- und wieder zugeschlagen – und damit keine Spuren hinterlassen. Im Zeitalter des Internets ist das anders. Die Düsseldorfer Ermittler konnten jetzt die letzten Recherchen des Copiloten der Germanwings-Maschine auf dessen Tablet nachvollziehen, weil Lubitz den Browserverlauf nicht gelöscht hatte, sagte der Sprecher der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, Ralf Herrenbrück. Anhand der eingegebenen Suchbegriffe konnte man zum Teil rekonstruieren, worum sich seine Gedanken in den letzten Tagen vor der Katastrophe gedreht haben.

Die Staatsanwaltschaft hat demnach herausgefunden, dass sich der Copilot in der dritten Märzwoche über medizinische Behandlungsmethoden und Möglichkeiten eines Suizids informiert hat. Außerdem interessierte er sich für den Sicherheitsmechanismus der Cockpittüren. In der Zeit zwischen dem 16. und 23. März habe er dabei auch „mindestens an einem Tag“ einige Minuten lang nach Begriffen gesucht, die mit der Cockpittür und ihren Sicherheitsvorkehrungen zu tun hatten, hieß es. Das könnte bedeuten: Er wollte sich noch einmal vergewissern, dass sich die Türen wirklich nicht von außen öffnen lassen, wenn sie von innen verriegelt werden.

Mehrfach Autopiloten korrigiert

Die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf warnte am Freitag weiter vor voreiligen Schlüssen: „Aufgrund des Umfanges der Dokumente und der Vielzahl der Dateien sind weitere Ermittlungsergebnisse in den nächsten Tagen nicht zu erwarten.“ Zumindest ein Rückschluss liegt aber nahe: Ganz spontan handelte der Copilot nicht. Der 27-Jährige hatte möglicherweise längere Zeit darüber nachgedacht, ein voll besetztes Passagierflugzeug als Suizidmittel zu wählen.

Am Karfreitagmorgen kam dann eine Nachricht, die den Verdacht des absichtlich herbeigeführten Absturzes weiter zur Gewissheit werden lässt: Die erste Auswertung des zweiten Flugschreibers durch die französischen Behörden bestätigte, dass der Copilot die Maschine bewusst in den Sinkflug gebracht hatte. Der Datenrekorder war am Donnerstag an der Unglücksstelle gefunden worden. Er war von Geröll verschüttet. Diese Blackbox zeichnet Kurs, Geschwindigkeit, Flughöhe oder Neigungswinkel auf. Den Sprachrekorder des Flugs 4U9525 hatten die Bergungskräfte bereits am Unglückstag gefunden.

Das Gerät sei total geschwärzt, als ob es verbrannt sei, es sei aber möglicherweise noch brauchbar, hatte Staatsanwalt Brice Robin von der Marseiller Staatsanwaltschaft am Donnerstag gesagt. Der Flugschreiber wurde dann zur Auswertung zu Spezialisten nach Paris gebracht. Eine erste Auswertung durch die französische Luftfahrtermittlungsbehörde BEA hat dann am Freitag tatsächlich Hinweise auf Lubitz’ Verhalten gegeben. Der Flugzeugführer habe im Autopiloten zunächst einen Sinkflug auf eine Höhe von 100 Fuß (rund 30 Meter) eingestellt, so die BEA. Dann habe der 27-Jährige den Autopiloten „wiederholt“ so verändert, dass die Geschwindigkeit der sinkenden Maschine beschleunigt wurde.

Am Absturzort suchten die französischen Ermittler in den Trümmern weiter nach Mobiltelefonen von Passagieren mit möglichen Video- oder Tonaufnahmen der letzen Augenblicke. Es seien bereits mindestens 40 Geräte in einem „sehr, sehr beschädigten“ Zustand sichergestellt worden. Bisher wurden keine damit aufgezeichneten Videos oder Audioaufnahmen veröffentlicht. Ein französischer Reporter, der eigenen Angaben zufolge eines der Videos sah, berichtete diese Woche von entsetzlichen „Schreien, und nochmals Schreien“, während die Maschine auf die Berge zusteuerte. Die Staatsanwaltschaft zog zwar in Zweifel, dass das Video existiert, doch der Journalist bestand im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP darauf, dass es die Aufnahmen gibt. Es sei von den hinteren Sitzen aufgenommen worden, berichtete er.

Viele Fragen sind noch unbeantwortet. So weiß man noch nicht – und wird es vielleicht nie wissen: Hatte der Pilot die Möglichkeit vorher nur erwogen oder hatte er bereits den festen Entschluss gefasst? Wartete er vielleicht seit Längerem auf die passende Gelegenheit, hätte es demnach auch einen ganz anderen Flug treffen können? Oder entschloss er sich erst im letzten Moment dazu, umzusetzen, was ihm bis dahin nur hin und wieder im Kopf herumgespukt war?

Wirklich Depression als Ursache?

Unwillkürlich stellt man sich auch die Frage: Hat er denn überhaupt nicht an die anderen gedacht? Darauf gibt es zurzeit keine Antwort. Es ist allerdings so, dass Menschen, die an einer schweren Depression leiden, durch eine Hölle gehen. Einige sind dabei am Ende nur noch von dem Gedanken beherrscht, diese Qual möglichst schnell zu beenden. Ob dies bei dem Copiloten der Fall war, ist nicht bekannt.

Man weiß nur, dass Lubitz zumindest früher an einer Depression litt. Er hatte darüber die Lufthansa während seiner Ausbildung informiert, deren Tochter Germanwings war nach eigenen Angaben nichts davon bekannt. Zudem war er mehrere Jahre vor dem Absturz als suizidgefährdet eingestuft gewesen und hatte eine psychotherapeutische Behandlung mitgemacht. Experten warnen allerdings davor, dies überzubewerten: In Deutschland leiden je nach Schätzung zwei bis vier Millionen Menschen an einer Depression. Es gibt sie in sehr unterschiedlicher Ausprägung.

Und überhaupt: Waren die Depressionen wirklich ursächlich für seine Tat? Renommierte Psychiater wie Isabella Heuser bezweifeln das. Die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité warnt davor, Depression und Suizid miteinander in Verbindung zu bringen. „Zwar kommt es vor, dass Depressive einen sogenannten erweiterten Suizid begehen – aber dies ist sehr, sehr selten, und es werden einzelne Menschen mit in den Tod genommen, zu denen der Täter eine enge Beziehung hat“, sagte sie vor einigen Tagen der Berliner Morgenpost. „Hintergrund der Tat könnte eine Schizophrenie gewesen sein, Drogenkonsum oder eine Persönlichkeitsstörung. Für Letzteres spricht, dass der Mann wohl ansonsten eher unauffällig war.“ Das sei aber bislang reine Spekulation.

Die Tat war offenbar geplant. „Daraus könnte man schließen, dass der Copilot ein unübersehbares Zeichen setzen wollte. Die Frage ist, was er damit genau sagen wollte, was ansonsten vorlag, ob es möglicherweise eine Kränkung gab – seitens des Arbeitgebers oder von anderer Seite“, ergänzte die Berliner Psychiaterin.

Unterdessen identifizierten Ermittler Leichenteile aller 150 Insassen der Maschine. Es seien 2854 Leichenteile gefunden und untersucht worden, sagte Staatsanwalt Robin. Es werde aber noch lange dauern, um die Körperteile den DNA-Proben der Angehörigen zuzuordnen, sagte er.