Buchenwald

„Mich trifft, wenn ich als Reaktionär dargestellt werde“

Nico Hofmann, 55, wie immer gebräunt, zwei Hemdknöpfe offen, ist gerade aus Dubai gelandet, wo er sich eine Pause gegönnt hat. Der Filmproduzent ist viel geschwommen, hat viel geschlafen, in der Sonne gelegen, fast nichts gegessen außer Obst, um „meine hochtourige Maschine mal wieder runterzufahren“. Er, der auf allen Kanälen sendet, ist bekannt für seinen missionarischen Eifer. Jetzt, in seinem Berliner Büro, legt er erst mal seine Armbanduhr ab. Er glaubt, vieles richtigstellen zu müssen. Zeit spielt keine Rolle.

Berliner Morgenpost:

Herr Hofmann, wir würden gern mit dem Rebellen reden, der Sie mal waren.

Nico Hofmann:

Wie kommen Sie jetzt darauf?

Als Schülersprecher hatten Sie sich auf Ihrem Gymnasium in Mannheim immer wieder mit den Lehrern angelegt – beispielsweise als Sie über den Selbstmord der RAF-Terroristen in Stammheim diskutieren wollten. Das ist schon ein bisschen rebellisch, oder?

Es stimmt, als Schulsprecher war ich renitent. Ich war sicher nicht angenehm für meine Lehrer. Um das zu verstehen, muss man sich aber die damalige Zeit vergegenwärtigen. Baden-Württemberg war in den 70ern extrem konservativ. Es war die Zeit des Radikalenerlasses, die Debatte um die NS-Vergangenheit des damaligen Ministerpräsidenten Hans Filbinger. Die Selbstmorde der RAF-Terroristen in Stammheim hatten mich und meine Mitschüler politisch sehr aufgewühlt. Und, ja, ich war am Moll-Gymnasium Sprecher einer sehr, sehr rebellischen Gegenmannschaft.

Ihr Direktor soll Ihnen bei der Abitur-Verleihung vorgeworfen haben, Sie hätten viel „verbrannte Erde“ hinterlassen. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Der Direktor war ja nicht das Problem: Er war zwar wertkonservativ, aber ich habe ihn eigentlich geschätzt. Ich hatte eben seinen Schulalltag gestört – durch die Vehemenz und sicher auch die Aggression, mit der wir politische Themen auf die Tagesordnung gesetzt haben. Das Problem war, dass an unserer Schule damals auch noch Nationalsozialisten unterrichteten. Unser Biologie-Lehrer versuchte uns im Unterricht noch Teile der Rassenlehre des Dritten Reiches zu vermitteln. Er hatte mit einem Spiritusdrucker die Originalbildchen aus den Reichsrassengesetzbüchern für uns kopiert. Den haben wir dann per Schülerrevolte aus dem Unterricht gedrängt. Die Selbstmorde von Stammheim waren für uns vor diesem Hintergrund besonders brisant. Da kam dann alles zusammen: der Protest gegen die Vatergeneration, der Protest gegen die alten Nazis. Uns trieb die Frage um: Was trieb diese Terroristen zu dieser Form der Gewalt?

Haben Sie die Terroristen damals in Abgrenzung zu den noch amtierenden NS-Lehrern romantisiert? Waren Baader und die anderen für Sie Ikonen?

Ikonen waren die RAF-Terroristen ganz sicher nicht für mich. Ich habe sie nicht bewundert, wenn Sie das meinen. Ich erinnere mich noch gut an das Klima der Angst aufgrund der terroristischen Anschläge. Meine Mutter war Wirtschaftsjournalistin bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und hat unter anderem für eine Reportage die Vorstände der BASF begleitet. Einmal im Jahr trafen sie sich auf einem Weingut. Ich war auch einmal dabei, ein Jahr vor den Selbstmorden in Stammheim. Der ganze Ort war umstellt mit Panzern von der Bundespolizei. Auf etwa 300 Gäste kamen 100 hochbewaffnete Polizisten. Es waren Kirmes-Stände aufgebaut mit kleinen Schießbuden. Ich werde nie vergessen, wie einige dieser Personenschützer dann diese rosaroten Teddybären geschossen haben und sich am Abend der Kofferraum einer Riesen-Mercedes-S-Klasse schloss – voll mit diesen rosa Plüschtieren.

Kurioses Aperçu.

Ich empfand diese Zeit als permanente Bedrohung. Auf der einen Seite gab es schwierige Politikerpersönlichkeiten wie Filbinger, auf der anderen Seite Terroristen, die mit dem faschistischen Deutschland, mit der Vätergeneration abrechnen wollten. Mich hat brennend interessiert, was dieses Deutschland mit uns zu tun hatte – mit dem 17-Jährigen, der ich damals war. Wir Schüler wollten emotionaler über die Geschichte des Dritten Reiches sprechen. Wir zwangen unsere Lehrer, die Selbstmorde von Stammheim ad hoc im Unterricht zu diskutieren. Den Begriff „verbrannte Erde“ benutzte der Direktor dann, als er mir alle meine Auszeichnungen, die ich als Schulsprecher bekommen sollte, offiziell aberkannte.

In Ihren Filmen haben Sie sich in den vergangen Jahren systematisch an Holocaust, dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen abgearbeitet. Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald haben Sie jetzt den in der DDR erschienenen Roman „Nackt unter Wölfen“ neu verfilmen lassen.

Wir hatten die Filmrechte an dem Roman von Bruno Apitz schon früh gekauft. Der Aufbau-Verlag hatte die letzte Neuauflage noch mal um neue historische Erkenntnisse ergänzt. Auf das Buch bin ich überhaupt nur aufmerksam geworden, weil ich die Defa-Verfilmung von 1963 mit Armin Mueller-Stahl in der Hauptrolle kannte.

Das DDR-Regime hatte den Mythos gefördert, die kommunistischen Häftlinge von Buchenwald hätten die SS aus eigener Kraft erfolgreich in die Flucht geschlagen. Historiker zeigten, dass der Widerstand nicht so dramatisch verlief und die SS vor allem deshalb floh, weil die US-Truppen im Anmarsch waren – was Sie auch im Film schildern. Dann wollten Sie diesmal Geschichte korrigieren?

Mich hat vor allem interessiert, wie unterschiedlich man im Osten und im Westen des ehemals geteilten Deutschlands mit Buchenwald umgegangen ist. Als wir unseren Drehbuchautor Stefan Kolditz, der aus der DDR stammt, fragten, ob er das Drehbuch zu „Nackt unter Wölfen“ schreiben wolle, sagte er uns zunächst ab. Er war ja mit dem Roman von Apitz und den Legenden, die die DDR-Führung darum gestrickt hatte, aufgewachsen. Er wollte keine nochmalige Geschichtsklitterung betreiben.

Kann – 25 Jahre nach Mauerfall – ein Film eine Debatte über eine gemeinsame Erinnerungskultur von Ost- und West anstoßen?

Das weiß ich noch immer nicht sicher. Ich finde es zurzeit spannend, zu sehen, wie die Medien in den Vorabgesprächen und -vorführungen zum Film im ehemaligen Osten und im Westen reagieren. Die „Super-Illu“ und andere Zeitungen im Osten waren beeindruckt. Im ehemaligen Westen ist der Roman ja kaum bekannt. Wie sind wir im Osten mit der NS-Vergangenheit umgegangen und wie im Westen? Es wäre mein Wunsch, dass es durch diesen Film gelänge, einen gemeinsamen Blick auf diesen Teil deutscher Geschichte zu ermöglichen. Davon abgesehen: Buchenwald ist nicht Auschwitz und Auschwitz nicht Dachau. Ich habe das Gefühl, es wird alles subsumiert unter dem Begriff des Konzentrationslagers. Buchenwald war aber eben sehr speziell – die Organisationsstruktur und alle Abgründe, die man sich vorstellen kann. Ich würde mir wünschen, dass der Film jetzt lebendige Debatten anregt.

Der Streit um „Unsere Mütter, unsere Väter“ war besonders heftig. In Polen, Russland, den USA und auch in Deutschland wurde Ihnen ja vorgeworfen, die Gräuel der Wehrmachtssoldaten zu relativieren. Hat Sie das getroffen?

Dass eine Person wie ich ins rechte Lager gerückt wird, hat mich extrem verletzt. In vielen polnischen Medien hieß es: „Da versucht jetzt ein deutscher Produzent zu zeigen, dass die Polen im Krieg genauso schlimm wie die Deutschen gewesen sind.“ Nichts lag mir ferner. Mich trifft es, wenn ich als Reaktionär dargestellt werde, so als hätte ich ausschließlich zeigen wollen, wie sehr die armen Wehrmachtssoldaten im Krieg gelitten haben. Diese undifferenzierte Debatte hat mich überhaupt nicht interessiert.

Wir erleben im Fernsehen nur noch eine institutionalisierte Debattenkultur: Erst der Film, dazu die Doku, am Ende die Talkshow mit den üblichen Verdächtigen. Was würde der Schülersprecher Nico Hofmann zu dieser Form der Vermarktung sagen?

So funktioniert es ja nicht, einfach zu sagen: Ich will um jeden Preis eine Debatte haben. Entweder trifft ein Film einen Nerv – oder nicht.

Aber wenn „Nackt unter Wölfen“ am 1. April in der ARD gezeigt wird, ist doch genau dieses Medien-Paket schon gebucht, oder?

Es gibt natürlich eine Dokumentation dazu, um den Film einordnen zu können. Und, ja, bei „Maischberger“ wird über unseren Film auch gesprochen. Aber das ergibt ja noch keine Debatte. Ob es die geben wird, kann ich nicht voraussagen oder planen. Wissen Sie, mein größtes Glücksgefühl bei „Nackt unter Wölfen“ wäre, wenn der Film eine Empathie für die Opfer auslöste. Mich interessiert der Blick hinter die bereits hinlänglich bekannten historischen Dokumentationen. Im Fernsehen laufen immer die gleichen Bildschleifen, dieselben ikonisierten, didaktisch-spröden Dokumentarbilder. Auch im Schulunterricht. Wir haben aus Deutschland heraus seit Jahren überhaupt keinen Versuch mehr unternommen, empathisch hinter diese Bilder zu schauen.

Was machen Sie anders?

Ein Beispiel: Wenn Florian Stetter, der im Film einen KZ-Häftling in Buchenwald spielt, zum Schluss diesen einen zentralen Satz schreit: „Ihr seid die Schande der Menschheit “ – dann berührt mich das ungemein, und mir kommen die Tränen. Es ist der zentrale Satz. In ihm steckt mein ganzes Empfinden zu dieser nationalsozialistischen Vergangenheit. Es waren die Sätze, die ich auch meinen Eltern entgegengeschleudert habe. Damals, als die TV-Serie „Holocaust“ erstmals im deutschen Fernsehen gezeigt wurde.

Ihr Vater war Wehrmachtssoldat. Sie haben ihm und Ihrer Mutter ins Gesicht gesagt: „Ihr seid die Schande der Menschheit“?

Ja. Ich habe bei einem Mittagessen vor Wut das Tischtuch heruntergerissen, weil bei uns zu Hause nicht über die Vergangenheit gesprochen wurde. „Ich bin jetzt 17“, sagte ich. „Was erzählt ihr mir hier die ganze Zeit?!“ Jeder, der den Film „Holocaust“ gesehen hat als junger Mensch, hat sich natürlich mit Meryl Streep und der jüdischen Gemeinschaft identifiziert – gegen die eigenen Eltern. In der Art, wie das aus mir herausplatzte, war das natürlich auch überzogen spätpubertär.