Flugzeugabsturz

Er hätte gar nicht fliegen dürfen

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D. Banse, M. Behrendt, S. von Borstel, H. Crolly, K. James und T. Stoldt

Es gibt kein Bekennerschreiben, keinen Abschiedsbrief. Auch existieren keinerlei Hinweise auf politische oder gar religiöse Motive. Dafür fanden die Fahnder aber mehrere Krankmeldungen, darunter auch für den Absturztag: Klar ist mittlerweile, dass der 27 Jahre alte Copilot auf keinen Fall hätte fliegen dürfen an jenem Dienstag, als er nach gegenwärtiger Einschätzung den Germanwings-Flug 4U9525 abstürzen ließ. Doch Andreas Lubitz hat seinem Arbeitgeber verschwiegen, dass er fluguntauglich war, er zerriss sogar die Krankmeldung, die für mehrere Tage gegolten haben soll.

Das ist offenbar nicht zum ersten Mal passiert. Die Staatsanwälte haben in der Wohnung, die Lubitz in einer schicken Seitenstraße im Düsseldorfer Norden nahe am Flughafen gemietet hatte, Dutzende von medizinischen Dokumenten und darunter alte Krankschreibungen gefunden, die Lubitz verheimlichte. Ob Lubitz wegen psychischer Probleme in Behandlung war, ließ der Staatsanwalt offen. Aber aus Sicherheitskreisen hieß es, es habe sich um eine „langfristige“ Gesundheitsstörung gehandelt, die nicht von heute auf morgen hätte kuriert werden können. Das würde zu einer psychischen Krankheit passen, aber natürlich auch etwa zu Rückenproblemen. Wie die Berliner Morgenpost jedoch aus hochrangigen Polizeikreisen erfuhr, soll der Copilot tatsächlich in psychiatrischer Behandlung gewesen sein, und das sogar noch am Tag vor dem Unglück. Doch dann hat er offenbar entschieden, nach außen hin den Anschein der Normalität zu wahren.

Laut „Rheinischer Post“ soll der 27-Jährige mit einer Vielzahl verschiedener Mediziner zu tun gehabt haben. Am Freitagnachmittag wurden in Düsseldorf auch hochrangige Ermittler aus Frankreich erwartet. Das Düsseldorfer Universitätsklinikum hat allerdings Gerüchte dementiert, Lubitz sei in dem Krankenhaus wegen Depressionen behandelt worden. Er war aber sehr wohl Patient in der Klinik: Am 10. März habe es „diagnostische Abklärungen“ gegeben. Alles Weitere ließ eine Sprecherin der Klinik offen. Das unterliege der ärztlichen Schweigepflicht.

Für die Hinterbliebenen, seine eigenen Angehörigen, aber auch den Arbeitgeber Germanwings und dessen Mutterkonzern Lufthansa ist die Nachricht eine weitere Hiobsbotschaft in einem ohnehin schrecklichen Geschehen. Nicht einmal 24 Stunden zuvor hatte Lufthansa-Chef Carsten Spohr mit allem Nachdruck vor der Presse eine Aussage gemacht, die sich mittlerweile als falsch herausgestellt hat: „Der Pilot war 100-prozentig flugtauglich, ohne jegliche Einschränkung und ohne jegliche Auflage.“ Das war sogar offenbar in mehrfacher Hinsicht nicht richtig. Laut „Bild“-Zeitung soll Andreas Lubitz einen sogenannten SIC-Vermerk in seiner Akte des Luftfahrtbundesamtes (LBA) gehabt haben. Diese Abkürzung signalisiert, dass „besondere, regelhafte medizinische Untersuchungen“ ratsam sind. Lubitz hätte demnach regelmäßig und häufiger als die Kollegen bei einem Arzt zur Kontrolle vorsprechen müssen. Das wäre eine klare Auflage – die nach Angaben von Spohr nicht bestand. Auf Anfrage wollte das LBA allerdings nicht bestätigen, ob ein solcher Vermerk auch im medizinischen Tauglichkeitszeugnis des Copiloten gestanden hat.

Eilig hat die Lufthansa daher nun jede Verantwortung zurückgewiesen. Sprecher Michael Lamberty verwies im Gespräch mit der „Rheinischen Post“ auf die Behörden. „Die Beurteilung der flugmedizinischen Tauglichkeit von Piloten liegt nicht bei der jeweiligen Fluggesellschaft, sondern beim Luftfahrtbundesamt.“ Eine EU-Verordnung habe das neu geregelt. Bis April 2013, also wenige Monate vor der Einstellung von Andreas Lubitz bei Germanwings im September 2013, seien die Airlines für die flugmedizinischen Untersuchungszentren zuständig gewesen. Auch Lufthansa betreibe solch ein Zentrum. Doch Brüssel habe diese Aufgabe dann dem LBA übertragen, das Lizenzen der Piloten verwalte. Das in Braunschweig ansässige Bundesamt hat derweil bei diesem Aeromedical-Center der Lufthansa um Einsicht in die Akten des Copiloten gebeten und will die Unterlagen dann weitergeben an die französischen Ermittler.

Ein „normaler“ Arbeitnehmer darf in der Regel trotz Krankschreibung zur Arbeit kommen. „Das ist das persönliche Risiko des Arbeitnehmers“, sagt Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer. Selbst wenn der Arbeitgeber weiß, dass ein Mitarbeiter arbeitsunfähig ist, hat er in der Regel nicht die Pflicht, ihn heimzuschicken. Anders ist das aber bei gefährlichen oder besonders verantwortungsvollen Berufen – auch bei Piloten. Sind sie krankgeschrieben, dürfen sie nicht arbeiten. Das bestätigt ein erfahrener Pilot der Berliner Morgenpost. Demnach kann sich das Cockpit-Personal sowohl bei der Lufthansa als auch bei Germanwings jederzeit, auch ohne Krankschreibung, als „unfit to fly“ erklären, wenn sich jemand dem Fliegen nicht gewachsen fühlt. Wenn ein Pilot von einem Arzt krankgeschrieben ist, hat er das dem Arbeitgeber aber unbedingt und zwingend zu melden und darf erst fliegen, wenn er wieder fit ist. Trotz dieser Auflagen erfährt der Arbeitgeber von der Krankschreibung allerdings nur, wenn der Pilot das kommuniziert. Darauf verweist auch Germanwings. „Das ist wie in allen anderen Betrieben auch“, so eine Sprecherin.

Wie erkennbar war die Gefahr?

Der Psychologe Fredi Lang mutmaßt, Andreas Lubitz könnte über längere Zeit überlastet gewesen sein und zudem wohl auch Angst vor einer kompletten Arbeits- und Berufsunfähigkeit gehabt haben. Damit lasse sich erklären, warum er die Krankmeldungen zerriss. Jetzt stellt sich für die Ermittler aber auch die Frage, ob man die Gefahr, die von Andreas Lubitz ausging, vorher hätte erkennen können. Seine Eltern wurden in Frankreich, wo sie mit anderen Angehörigen an der Absturzstelle waren, nach Marseille gebracht und werden dort von den Beamten der Staatsanwaltschaft vernommen. Die werden sicher fragen, ob und was sie von der labilen Gesundheit ihres Sohnes wussten, und ob es womöglich in jüngster Zeit Schicksalsschläge wie eine kriselnde Beziehung gab, die den jungen, durchtrainierten Piloten aus der Bahn geworfen hat.