Gedenken

„Das Leid gemeinsam tragen“

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft kündigt eine zentrale Trauerfeier an. Der Termin steht noch nicht fest

Unter den 150 Opfern des tragischen Flugzeugabsturzes sind mehr Menschen aus Nordrhein-Westfalen als zunächst angenommen. Von den 75 Insassen aus Deutschland, die bei dem Flugzeugabsturz starben, stammten 64 Menschen aus NRW, wie Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) mitteilte. Zuletzt war von rund 50 Opfern aus dem Bundesland die Rede gewesen. Ministerpräsidentin Kraft kündigte am Donnerstag eine zentrale Trauerfeier an, die in Absprache mit der Bundesregierung geplant werde. Wo und wann diese stattfinden wird, war am Donnerstag noch nicht klar. „Es wäre im Sinne der Hinterbliebenen, dass eine zentrale Trauerfeier stattfindet“, meinte die Ministerpräsidentin. „Es kann vielleicht ein Stückchen helfen, das Leid gemeinsam zu tragen.“

Kraft war am Mittwoch zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach Frankreich gereist, um sich ein Bild von der Absturzstelle zu machen. Zurück im Landtag dankte sie den vielen Helfern und Seelsorgern in Deutschland und auch vor Ort in Frankreich. „Es ist herzergreifend, wie die Menschen vor Ort mit der Situation umgehen“, sagte Kraft. Sie erklärte, weiter mit der Stadt Haltern am See in Kontakt zu stehen. 16 Schüler und zwei Lehrerinnen des dortigen Joseph-König-Gymnasiums waren an Bord des abgestürzten Flugzeugs.

Sie sei bewegt vom großen Mitgefühl und der Anteilnahme im ganzen Land, sagte die Politikerin. Sie habe am Morgen am Düsseldorfer Flughafen mit den Angehörigen gesprochen, bevor diese zum Unglücksort abflogen und habe „versucht, ihnen Trost zu geben“.

Noch immer sichtlich bewegt von dem Flugzeugunglück schrieb Hannelore Kraft ins Kondolenzbuch, das seit Dienstag im Düsseldorfer Landtag ausliegt: „Nordrhein-Westfalen trauert und ist fassungslos. Unsere Gedanken, unsere Herzen sind bei den Familien und Freunden der Angehörigen. Unser Dank gilt allen, die helfen, vor Ort, auch in der Seelsorge bei und mit den Familien. Wir sind auch in Gedanken bei den Einsatzkräften in Frankreich, die Beeindruckendes leisten. Merci!“ Zur Gedenkminute um 10.53 Uhr versammelten sich Hunderte Menschen im zentralen Eingangsbereich des Düsseldorfer Landtags, Abgeordnete und Mitarbeiter. CDU-Fraktionschef Armin Laschet sagte anschließend, der Schock über das Unglück sitze tief. „In diesem Flugzeug von Barcelona nach Düsseldorf hätte jeder von uns sitzen können“, so Laschet. „Das greift ein in den eigenen Alltag und macht mich sehr betroffen.“ Das unfassbare Leid, dass der Flugzeugabsturz in Frankreich über viele Familien in Haltern am See, der nordrhein-westfälischen Kleinstadt mit gut 37.000 Einwohnern gebracht hat, ist das einzige Thema – auf dem Marktplatz, beim Einkaufen oder in den Cafés. Mit Entsetzen haben Bürgermeister und Schulleiter in Haltern am See auf die Nachrichten zur Unglücksursache reagiert. „Um 13.30 Uhr hat mich Ministerpräsidentin Hannelore Kraft angerufen, um mich zu informieren“, sagt Schulleiter Ulrich Wessel vom Joseph-König-Gymnasiums: „Es ist noch viel, viel schlimmer, als wir gedacht haben. Es macht uns wütend, ratlos und fassungslos.“

In den Köpfen der Menschen ist der Moment des Absturzes wie eingefroren. Nicht jeder hat Freunde, Nachbarn oder Verwandte, die das Schicksal getroffen hat. Aber jeder macht sich seine Gedanken. „Da jeder von uns schon einmal geflogen ist, kann sich jeder ja so gut in die Situation der Angehörigen hineinversetzen. Jeder kann mitfühlen, wie das sein muss“, erzählt eine Frau in einem kleinen Café in der Innenstadt. Ihr gegenüber sitzt eine Frau, deren Nachbarin ein Kind verloren hat. „Ich bin froh, dass ich ihr noch nicht begegnet bin. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll“, sagt sie verzweifelt. Fast gleichzeitig beginnen die Frauen zu weinen.

Die vielen Medienvertreter aus der ganzen Welt wirken verstörend in der Kleinstadt. Seit Donnerstagmorgen hängt ein großes Banner vor dem Schulhof des Joseph-König-Gymnasium: „Hört auf ... Haltern vom Trauern abzuhalten“. Die Halterner wollen trauern, noch aber ist keine Ruhe eingekehrt. Die ersten Erkenntnisse über die letzten Minuten im Cockpit sorgen für neue Unruhe. „Jetzt sollen die Schüler auch noch Panik gehabt haben“, heißt es bei Passanten. Für die Menschen auf der Straße wird aus dem Unfassbaren zusätzlich noch ein Albtraum. Wer seine Einkäufe erledigt, macht das immer wieder mit Tränen in den Augen.

Orte der Stille

Orte der Stille sind die Pfarrkirche St. Sixtus am Markt und das alte historische Rathaus direkt gegenüber. In der Kirche sitzen betende Menschen in den ersten Reihen. Sie schauen auf brennende Kerzen und niedergelegte Blumen am Boden. Im alten Rathaus aus dem Jahr 1577 liegt ein Kondolenzbuch aus. In der 1. Etage bietet ein kleiner Raum mit Tisch und Kerze Zeit für ein paar Zeilen. Das Buch ist schlicht, ein breites schwarzes Band dient als Lesezeichen. Halterner schreiben in kurzen Sätzen, wie entsetzt sie sind. Gäste der Stadt notieren, „wir beten für die Kinder“. Nach der Schweigeminute um 10.53 Uhr trägt sich Bürgermeister Bodo Klimpel stellvertretend für alle Bürger in das Buch ein. „Das Unfassbare ist geschehen, es tut so unsagbar weh“, steht oben auf der Seite. An den Fuß der Seite setzt Klimpel seine Unterschrift. Dazwischen stehen die Vornamen der 16 Schüler, die nicht mehr nach Haltern zurückkehren.