Flugzeugabsturz

In Frankreich wollen alle den Angehörigen helfen

Zur Mittagszeit rasen Autos mit verdunkelten Scheiben über die Landstraße Richtung Vernet.

In dem kleinen Dorf am Fuße der Berge versammeln sich die Angehörigen der spanischen und deutschen Opfer, um der Toten zu gedenken. Hier, an dem Ort, der der Absturzstelle am nächsten liegt, sollen die Menschen Abschied nehmen. Nur ein Berg trennt sie hier von der Felswand, an der das Flugzeug zerschellte.

Zwischenzeitlich war überlegt worden, die Familien mit Helikoptern über die Absturzstelle zu fliegen, offenbar wurde von diesem Vorhaben Abstand genommen. Ob aus Sicherheitsgründen oder angesichts des schrecklichen Anblicks der Absturzstelle war vorerst unklar. Die ersten Angehörigen waren am Vormittag aus Deutschland und Spanien nach Südfrankreich gereist. Die Familien der Piloten und der Crew sowie die der Passagiere waren getrennt nach Vernet gebracht worden. Nach Bekanntwerden der Absturzursache sollen die Verwandten des Copiloten von den übrigen Trauernden abgeschirmt werden.

In Seyne-les-Alpes, dem Nachbarort, in dem das Einsatzzentrum liegt, bereiteten sich die 1100 Einwohner akribisch auf die Ankunft der Familien vor. Bürgermeister Francis Hermitte sagte am Vormittag, insgesamt 350 Betten seien von den hier lebenden Menschen für die Angehörigen der Toten angeboten worden. „Das Telefon klingelt im Minutentakt, alle wollen helfen“, hieß es aus seinem Büro. Ständig melden sich in dem Ort in den französischen Alpen Anwohner, die bereit sind, Menschen aus Deutschland, Spanien oder anderen Ländern aufzunehmen. Angehörige von Absturzopfern. Es ist ein Zeichen der Solidarität mit denen, die bei dem Absturz der Gemanwings-Maschine ihre Nächsten verloren haben. 150 Tote – niemand hat überlebt. Seyne-les-Alpes liegt 15 Kilometer von der Absturzstelle in dem schroffen Gebirgszug entfernt, an dem der Airbus zerschellte.

Kapelle im Sportzentrum

Hubschrauber kreisten über dem Ort. Im Sportzentrum am Ortsrand ist eine provisorische Kapelle eingerichtet, ein Raum der Stille und des Trauerns. Gendarmen standen an der Straße und kontrollierten den Zugang. „Die Straße ist gesperrt“, hieß es nur knapp. Niemand soll die Angehörigen der Opfer stören. An die 200 Medienvertreter aus vielen Ländern sind angereist. Die Menschen im Ort sind betroffen, die Anteilnahme kommt von Herzen. „Auch wenn ich niemanden gekannt habe – es ist einfach furchtbar“, sagte Marie-Therese Jean.

Am frühen Nachmittag brachten Schulkinder aus dem Ort Blumen zu der Kapelle im Sportzentrum. In dem schlichten Saal liegt ein Kondolenzbuch aus, in das sich auch Susanne Wasum-Rainer, die deutschte Botschafterin in Frankreich, eintrug. Vor dem Gebäude wurden in der Nacht zum Donnerstag zwei große Zelte errichtet. Dort sollen den Angehörigen später DNA-Proben entnommen werden, die zur Identifizierung der Opfer notwendig sind. Psychologen sollen ihnen zugleich beistehen. An die Absturzstelle selbst können die Hinterbliebenen aber nicht. „Das ist nicht möglich, das ist viel zu gefährlich“, sagte der Unterpräfekt von Aix-en-Provence, Serge Gouteyron. Zusammen mit der Polizei und Helfern vor Ort bereitete er die Ankunft von Angehörigen in Le Vernet vor.

In dem Dörfchen, das direkt unterhalb der Absturzstelle liegt, harren Dutzende Journalisten und TV-Teams auf einem Feld aus. Rund 300 Angehörige und Freunde der Absturzopfer sollen bis zum Abend eintreffen. Sie wissen seit Donnerstagmittag: Den Absturz der Maschine und den Tod ihrer Lieben hat der Copilot der Maschine offenbar absichtlich herbeigeführt. Die Angehörigen wurden am Vormittag mit drei Sonderflügen der Lufthansa und ihrer Tochtergesellschaft Germanwings von Düsseldorf und Barcelona nach Marseille geflogen. Von dort brachen sie mit Bussen ins Unglücksgebiet auf. Am Nachmittag trafen sie ein.

Bereits Stunden zuvor riegelten Polizisten das Gebiet weiträumig ab. Sie evakuierten die gesamte Anlage „Domaine du Vernet“, in der es ein Restaurant, Gästezimmer, eine Bibliothek und eine Dorfschulklasse gibt. In diesem Komplex steht auch die Trauerkapelle, in der am Mittwoch Angela Merkel, François Hollande und der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy der Toten gedachten. Auch die Hinterbliebenen der Opfer sollen sich in dem Raum versammeln können, dessen Eingang mit einer deutschen, einer französischen und einer spanischen Flagge geschmückt ist.

Medienvertreter dürfen sich der Anlage „Domaine du Vernet“ nicht nähern, auf ihrem Parkplatz sind Dutzende von Mannschaftswagen der Gendarmerie und einige Einsatzwagen der Rettungsdienste stationiert. Polizisten verwiesen die Journalisten auf ein abgeriegeltes Feld hinter dem Parkplatz. Die trauernden Angehörigen sollten vor Kameras und Fragen geschützt werden, sagte ein Gendarm. „Darum haben sie ausdrücklich gebeten, das muss jeder verstehen.“

Hohe Belastung für Bergungskräfte

An der Unglücksstelle sind die Einsatzkräfte unterdessen dabei, die Spuren zu sichern und die sterblichen Überreste zu bergen. Sie fotografieren, stecken Fähnchen in den Boden. Am Morgen starteten in Seyne-les-Alpes Hubschrauber und brachten sie hinauf in das unwegsame Gelände. Etwa 70 Ermittler und Spezialkräfte der Bergrettung sind es am Donnerstagvormittag. Die Bedingungen sind schwierig. „Es ist steil und rutschig“, sagte der Chef der Bergrettungskräfte, Olivier Cousin. „Es ist gefährlich, man kann abstürzen.“ Seine Leute nehmen deshalb die Ermittler ans Seil, sichern sie bei ihrem gefährlichen Job.

Die meisten Experten, die Spuren für die Ermittlung der Unfallursache sichern und den zweiten Flugschreiber suchen, haben keine Bergerfahrung. Ebenso wenig die Rechtsmediziner und Fachleute, die Leichen orten und für die Bergung vorbereiten. Die Arbeit ist für sie eine immense Belastung – physisch und psychisch. Wenn jemand nicht mehr könne, werde er abgelöst – und notfalls psychologisch betreut, sagte Cousin. Obwohl es oben kein Eis gibt, sind Helfer mit Steigeisen und Eispickel unterwegs. Das gibt Halt und schützt vor dem Abrutschen.

Eine Gefahr sind auch die Helikopter. Ihre Rotoren könnten Steine und Metallteile aufwirbeln – und Einsatzkräfte verletzen. Sie landen deshalb nicht – oder nur ein gutes Stück entfernt von der Unfallstelle. „Wir haben heute einen Testtag“, sagte Olivier Cousin. „Wir müssen ausprobieren, wie viele Mannschaften wir in die Zone bringen können.“ Die sterblichen Überreste sollen offenbar nicht nach Seyne-les-Alpes, sondern in einen anderen Ort gebracht und weiter untersucht werden. Wann alle Toten geborgen sein könnten, ist Cousin zufolge offen: „Wir haben keine Ahnung, wie lange es dauert, sie aufzunehmen und ins Tal zu bringen.“