Interview

Erinnerungen an den Flugzeugabsturz im Jahr 1986

In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern weckt der Absturz Erinnerungen: Am 12. Dezember 1986 stürzte eine Tupolew im Landeanflug auf den Flughafen Schönefeld in ein Waldstück. 72 Menschen starben, unter ihnen 20 Schüler aus Schwerin. „Ich habe mehrere Katastrophen erlebt. Aber das werde ich nie vergessen“, sagte der Potsdamer Rechtsmediziner Jörg Semmler, 63.

Welche Erinnerungen haben Sie?

Jörg Semmler:

Eigentlich hatte ich frei und habe Weihnachtseinkäufe erledigt. Ich erfuhr dann von meinem Kollegen, was geschehen ist. Weil es dunkel wurde und – so wie jetzt in den französischen Alpen auch – angefangen hatte zu schneien, begann die Bergung erst am nächsten Tag sehr früh. Über Nacht wurde die Unglücksstelle abgesichert.

Wie erfolgte die Bergung?

Wir haben uns in der Früh mit dem Berliner Team getroffen. Von dann ab lief das sehr professionell. Es gab kein Gerangel um Zuständigkeiten, obwohl die Berliner Rechtsmedizin viel größer war. Mein Potsdamer Kollege und ich haben jeweils ein Identitäts- und Bergungsteam geleitet, der Berliner Kollege ein drittes Team. Da waren Kriminalisten und Hilfskräfte dabei. Dieses Vorgehen bevorzuge ich bis heute.

Was ist aus Ihrer Sicht der Vorteil?

Man kann bei der Bergung der Leichen vor Ort schon vieles erkennen und zuordnen. Man bekommt eine Übersicht über Größe, Alter, Geschlecht, Haarfarbe. Vieles kann sofort zugeordnet werden. Das erleichtert die Identifizierung. Wenn die Dinge zunächst von Hilfskräften eingesammelt werden, geht vieles verloren.

Wie schnell erfolgte die Identifizierung?

Bereits einen Tag später war die Identifizierung der Opfer im Wesentlichen abgeschlossen – ohne DNA-Untersuchung, die es damals noch nicht gab. Das war jedoch ein Vorteil der kleinen DDR: Alle Menschen wohnten dort, wo sie gemeldet waren. Man kam schnell an Daten heran und erfuhr beispielsweise den Namen des Zahnarztes. Dessen Befunde sind für die Identifizierung wichtig.

Lernt man, mit solchen Bildern umzugehen?

Manches wird Routine, so etwas nicht. Mit menschlichem Leid hat man täglich zu tun. Mit menschlichem Leid, das so schlimm ist, dass man selber heulen möchte, jeden zweiten Tag. So ein Unglück ist dann die Steigerung. Da arbeitet man dann ganz effektiv. Später, wenn man zur Ruhe kommt, macht man sich Gedanken.