Tragödie

„Schlimmer als unsere schlimmsten Albträume“

Flugzeugabsturz: Der Copilot Andreas Lubitz soll den Airbus mit Vorsatz in die Katastrophe gesteuert haben. Die Solidarität ist groß. Die Angehörigen der Opfer werden bei Familien aufgenommen. Die Bergungsarbeiten in den Alpen sind sehr schwierig.

Andreas Lubitz war einer, der sich gern bespaßen ließ. „Lachen bis zur Gesichtslähmung“ hieß eine seiner Lieblingsseiten auf Facebook. Auf seinem Profil, das mittlerweile gelöscht ist, waren viele Witzsammlungen verlinkt, auch die Gag-Seite „Das ist schmutzig, falsch und höchst verwerflich“ mit skurrilen Videos und derben Sprüchen. Ungewöhnlich oder gar besorgniserregend ist das nicht für einen 27-jährigen Mann mit bewundertem Beruf, der durch die Welt jettete, über die Golden Gate Brücke joggte, wenn er in San Francisco war.

Aber hatte Andreas Lubitz noch eine andere, dunklere Seite? Tatsächlich verdichten sich Hinweise, dass Lubitz psychische Probleme gehabt haben könnte. Die Mutter einer früheren Klassenkameradin erzählte „FAZ online“, Lubitz habe sich vor einigen Jahren ihrer Tochter anvertraut mit dem Hinweis, er habe in seiner Ausbildung eine Auszeit genommen: „Offenbar hatte er ein Burn-out, eine Depression.“ Die Tochter habe ihn zuletzt vor Weihnachten gesehen, da habe er wieder ganz normal gewirkt. Auch die „Passauer Neue Presse“ schreibt, dass Lubitz psychisch labil gewesen sein soll. Ein Bekannter habe der Zeitung berichtet: „Er ist ein Freak, er wollte unbedingt Pilot werden, aber er ist psychisch labil, hatte deshalb auch seine Ausbildung für einige Monate unterbrochen.“

„Es war sein Wille“

Lufthansa-Chef Carsten Spohr gab zu, dass Lubitz 2009 einmal sechs Monate pausiert hatte. Über die Gründe wollte er nichts sagen. „Das verbietet die ärztliche Schweigepflicht.“ Auch er selbst wisse nicht Bescheid, so Spohr. Alles Weitere muss nun der Staatsanwalt aufklären. Lubitz hat auf jeden Fall die Ausbildung wieder aufgenommen, und er soll völlig normal gewirkt haben. „Er war 100 Prozent flugtauglich, ohne Einschränkungen und Auflagen“, sagt Spohr. Er muss das sagen. Der Airline drohen auch so schon gewaltige Schadenersatzklagen.

Noch ist wenig bekannt über den jungen Piloten aus Rheinland-Pfalz, der allein im Cockpit saß, als die Germanwings-Maschine 4U9525 in den Hochalpen zerschellte. Auf einen Todeswunsch lässt noch nichts schließen. Ein Freund schrieb laut „Rhein-Zeitung“ sogar kurz nach dem Absturz des Germanwings-Flugs: „Noch gestern haben wir uns unterhalten, was wir nach deiner Rückkehr alles machen können. Jeden Tag hast du mich zum Lächeln gebracht …“

Die Ermittler der französischen Staatsanwaltschaft halten den Absturz aber für absichtlich. Es war „sein Wille, dieses Flugzeug zu zerstören“, sagte der Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin. Und der fassungslose Lufthansa-Chef sagte vor den Journalisten, „in unseren schlimmsten Albträumen hätten wir uns nicht vorstellen können, dass so etwas passieren würde“. Lubitz habe die Maschine „willentlich in den Boden geflogen“, sagte Spohr. Den Begriff „Selbstmord“ wollte er nicht in den Mund nehmen. „Wenn ein Mensch 149 Menschen mit in den Tod reißt, ist das für mich ein anderes Wort als Selbstmord.“

Andreas Lubitz hat seinen Kollegen, den erfahrenen Flugkapitän Patrick S., regelrecht ausgesperrt, nicht mehr auf Rufe, Klopfen oder die frenetischer werdenden Signale vom Tower reagiert. Er hat immer nur geatmet, regelmäßig, ohnmächtig war er offenkundig nicht. Und doch hat der seit 2013 für Germanwings fliegende Copilot mit 630 Stunden Flugerfahrung kein Wort mehr von sich gegeben, bis die Maschine am Berg zerschellte, kein Geräusch. Nur dieses Atmen. Wie ist das nur möglich? Gerade mal 27 Jahre alt, fit, gut aussehend, Ausdauerläufer, beliebt bei seinen Fliegerkollegen.

Es ist unvorstellbar, was die Angehörigen der Opfer durchmachen müssen, seit der Sprachrekorder des Cockpits diese neue Erkenntnis brachte. Und auch die Gefühlslage der Eltern von Andreas Lubitz, in deren Einfamilienhaus im rheinland-pfälzischen Montabaur der junge Mann wohnte, ist schwer vorstellbar. Das freistehende Haus steht am Stadtrand, ruhig gelegen und doch gut angebunden. Mit dem ICE ist es nur eine halbe Stunde bis zum Frankfurter Flughafen. Außerdem hatte Lubitz noch eine kleine Wohnung in Düsseldorf.

Am Donnerstagnachmittag begannen Ermittler mit der Durchsuchung dieser Wohnung. Sehr schnell hat die Polizei auch das Wohnviertel in Montabaur abgeriegelt. Doch die Reporter, die jetzt in der rheinland-pfälzischen Stadt eintreffen, werden die Familie ohnehin nicht zu Gesicht bekommen. Die Eltern sind mit Lufthansa-Chef Spohr in den Süden geflogen, um an die Absturzstelle zu gelangen. Sie wurden auch durch Germanwings über die schreckliche neue Nachricht informiert.

Die Gegend, wo Lubitz aufwuchs, ist gutbürgerlich, die Mutter spielte in der evangelischen Kirche im Ort Orgel. Der Segelflugplatz von Montabaur liegt nicht weit vom Elternhaus entfernt. Schon als Jugendlicher trat Lubitz dem Luftsportclub Westerwald bei. „Er wollte seinen Traum, das Fliegen, verwirklicht sehen. Er begann als Segelflugschüler und schaffte es bis zum Piloten auf einem Airbus A320“, heißt es in der Traueranzeige seines Clubs, in dem die Mitglieder am Tag des Absturzes ihr Entsetzen zum Ausdruck bringen und versprechen, ihn nie zu vergessen.

Vereinsflieger Peter Rücker nannte Lubitz einen netten, jungen Mann, „lustig und vielleicht manchmal ein bisschen ruhig“. Er sei beliebt und gut integriert gewesen. Fliegen größerer Maschinen hat er an der Verkehrsfliegerschule Bremen gelernt, seit drei Jahren hatte er eine US-Lizenz für Leicht- und Segelflugzeuge. Zwischen 2010 und 2013 lief Lubitz in jedem Frühjahr den Lufthansa-Halbmarathon in Frankfurt, zuletzt in 1:37 Stunden.

Ohne Auffälligkeiten

Montabaur ist von der Entwicklung völlig überwältigt. „Das kam für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Das kann man sich gar nicht vorstellen“, sagte eine Nachbarin. Die Medien fragten bei der Pressekonferenz des französischen Staatsanwalts Robin Price derweil als erstes nach der Herkunft und Ethnie von Andreas Lubitz – der Verdacht des Terroranschlags, womöglich mit islamistischem Hintergrund, stand umgehend im Raum. Doch Sicherheitskreise haben keine Hinweise auf terroristische, kriminelle oder Sabotageabsichten, betonte wenig später auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Lubitz hatte die üblichen Sicherheitsüberprüfungen ohne Auffälligkeiten durchlaufen.

Also das Privatleben, der Charakter, ein Schicksalsschlag oder die Gesundheit. Nach bisherigem Stand erschien Lubitz als ganz normaler junger Mann mit Interessen, die seinem Alter und Umfeld angemessen waren. So manches ist umso schwerer zu ertragen – etwa der Facebook-Link von Andreas Lubitz auf die Seite „Dinge, die ein Pilot nicht sagt“. Dort sind Sprüche gesammelt, die man als Berufsflieger nach Möglichkeit nicht von sich geben sollte. Beispiel: „,Engine failure’! Genau das, wonach ich mich gesehnt habe!“ 37 Leute, wohl Insider der Flugbranche, gaben der Eintragung ein „Daumen hoch“, einer kommentiert: „Konnte ich gar nicht mehr sagen, so schnell war ich unten.“