Kommentar

Stunde des Gemeinsinns

Michael Stürmer über den Absturz und die Folgen

Rettungskräfte? Sie werden nicht mehr gebraucht“, sagte ein Angehöriger der französischen Gendarmerie mit dem seinem Amt pflichtmäßig eigenen Realismus: „Alle sind tot.“ Alle, 150, Menschen, die an Bord des Airbus A320 der deutschen Germanwings waren, sind bei dem Absturz der Maschine über den französischen Alpen ums Leben gekommen. Ein solches Unglück, wie es jetzt die Menschen verstört, die Fachleute rätseln lässt und Ängste weckt, die durch keine Flugstatistik ruhigzustellen sind, reißt den Vorhang der Gewohnheit weg vor der Hinfälligkeit der menschlichen Existenz. Das Desaster offenbart aber auch Reserven an Mitmenschlichkeit und Trost, die unsere Gesellschaft mobilisieren kann, wenn es darauf ankommt.

Das jähe Sterben in den französischen Seealpen gibt viele Rätsel auf. Eigentlich, so schütteln die Fachleute den Kopf, kann derlei nicht passieren – eigentlich, bis es dann doch passiert. Es könne „keine Hypothese ausgeschlossen werden“, sagte, sehr vorsichtig, der französische Premier Manuel Valls. Was er wohlweislich unausgesprochen ließ, waren die verstörenden Möglichkeiten. Terror vielleicht, aber bisher ohne triumphale Wortmeldung und zynische Übernahme der Urheberschaft? Technisches Versagen, das aber doch Notrufe, verzweifelte Korrektur hätte hervorrufen müssen? Ein menschliches Drama, aber ohne Logik? Es ist wichtig, so schnell wie es Technik und Wissenschaft zulassen, Klarheit zu gewinnen. Ansonsten bleibt den Angehörigen der Opfer nur hilfloses Rätseln, ein Vakuum, Verzweiflung, schmerzerfüllte Erinnerung und Fragen, auf die es Antwort nicht gibt.

Krisenmanagement ist nicht genug. Es geht, unversehens und von einer Minute auf die andere, um Grundfragen des Menschseins. Warum trifft das Schicksal diese und nicht jene? Warum jetzt und nicht später? Warum kommt das Ende wie der Blitz aus heiterem Himmel? Plötzlich sind die alten Schicksalsfragen wieder da, wie immer ohne Antwort – aber nicht ohne Trost. Wenigstens sind die Trauernden nicht allein mit ihrem Schmerz. Es ist bewundernswert, wie nur Stunden nach den bösen Nachrichten aus dem Gebirge die Gendarmerie zur Stelle war, um das Leichen- und Trümmerfeld zu sichern. Bergleute boten ihre Hilfe an, ebenso Militär. Seelsorger und Psychiater waren zur Stelle, um Menschen Hilfe zu leisten, die gestern noch Eltern waren und heute Hinterbliebene sind.

Die Repräsentanten der Republik – Deutschland, Frankreich, Spanien – spüren, dass sie aus dem Alltag heraustreten müssen, um Trost zu spenden und zu beweisen, dass es Gemeinschaft gibt, verbunden in Trauer. So war es richtig, dass am Mittwoch Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident François Hollande und der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy in Seyne-les-Alpes nahe der Unglücksstelle gemeinsam der Opfer gedachten und den Angehörigen und Freunden der Opfer ihr Beileid aussprachen.Wo, wie in der Stadt Haltern in Nordrhein-Westfalen, von einem Tag auf den anderen die Kinder einer ganzen Schulklasse fehlen und nie wiederkommen werden, da wird das Desaster zum Moment der Wahrheit.

Schmerz macht einsam. Am Ende aber ist, wer trauert, nicht allein mit dem Leid.