Flugzeugabsturz

Viele Mitarbeiter von Germanwings melden sich krank

Der Schock sitzt tief. Piloten, Flugbegleiter und weitere Mitarbeiter von Lufthansa und Germanwings sowie Flughafenpersonal legten vor der Germanwings-Zentrale in Köln Blumen, Kerzen und Stofftiere nieder. Zahlreiche Besatzungsmitglieder meldeten sich nach Angaben der Fluggesellschaft wegen der tiefen Betroffenheit spontan flugunfähig. Dass sie womöglich aus Sorge um die Sicherheit nicht zum Dienst gekommen wären, wies eine Lufthansa-Sprecherin zurück. Auch der Pilotenvereinigung Cockpit war dazu nichts bekannt.

Germanwings hatte am Mittwoch wegen der Personalausfälle Mühe, den Flugplan einzuhalten. Dutzende Flüge wurden ersatzlos gestrichen – neben Düsseldorf auch in Stuttgart, Köln, Berlin-Tegel und Leipzig/Halle. Elf Flugzeuge anderer Gesellschaften mussten für 40 Flüge eingesetzt werden, weil sich die eigenen Crews als „unfit to fly“, also nicht flugtauglich, erklärt hatten. Piloten und Besatzungsmitglieder anderer Airlines meldeten sich, um sich als Ersatz anzubieten. Germanwings-Geschäftsführer Thomas Winkelmann übt am Verhalten seiner Mitarbeiter keine Kritik: „Die Crews sagen uns, dass sie aus emotionalen Gründen nicht fliegen wollen. Wir haben dafür volles Verständnis“, so Winkelmann in Köln. „Wir sind eine kleine Familie, und der Schock unter uns ist sehr groß.“

Keine Sanktionen des Arbeitgebers

Katastrophen-Experten wissen, dass solche Ereignisse traumatische Auswirkungen haben können, was die Einsatzfähigkeit vorübergehend beeinträchtigt, vor allem in einem so sensiblen Bereich wie der Luftfahrt. Überdies herrscht in der Fliegergemeinde traditionell ein großer Zusammenhalt, was die Betroffenheit steigert. „Man muss sich klar machen, dass sich die Crews gut kannten, sie haben Kollegen verloren, das kann erschüttern“, sagt Oliver Gengenbach, Vorsitzender der Bundesvereinigung für Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SbE) in Witten. Die SbE gilt mit rund 1000 Mitarbeitern als bundesweit größte Nachsorge-Organsiation für Einsatzkräfte. „Zunächst herrscht nach solchen Vorfällen eine große emotionale Aufgewühltheit. Manche können nicht mehr schlafen, sich nicht konzentrieren. Dann muss man ihnen helfen, wieder eine Struktur zu finden“, sagt Gengenbach. Gespräche könnten helfen, das Erlebte zu ordnen.

„Es ist völlig normal, dass die Kollegen tief betroffen sind und nicht fliegen möchten“, sagte auch der Diplompsychologe Gerhard Fahnenbruck von der Stiftung Mayday der Berliner Morgenpost. Mayday hat ein Betreuungsnetz von Psychologen und Helfern geknüpft, das Flugbesatzungen nach belastenden Vorfällen zur Seite steht. „So ärgerlich es sein mag: Es ist besser, ein Flugzeug bleibt am Boden, als mit einer nicht hundertprozentig einsatzbereiten Crew abzuheben.“

Fahnenbruck betont ausdrücklich, dass die Crews keinesfalls aus Sorge um die Flugsicherheit am Boden bleiben wollten. Es sei Teil der Sicherheitskultur aller Airlines, dass nicht fliegen soll, wer sich nicht fit fühlt. „Im Zweifelsfall soll kein Pilot ins Cockpit steigen müssen.“ Mit Strafen oder Sanktionen müssten sie nicht rechnen. „Sie haben die offizielle Freigabe, dass sie sich problemlos bei der Crew-Planung abmelden können.“