Unglück

In Trauer vereint

Flugzeugabsturz: Trotz schwieriger Bedingungen versuchen die Einsatzkräfte alles, um die 150 Toten zu bergen

Es hat geregnet in der Nacht, weiter oben am Berg ist leichter Schnee gefallen. In der Morgendämmerung dringt durch die dicke Wolkendecke kaum Licht. Trotzdem laufen die ersten Helikopter warm, spätestens um 8 Uhr wollen die Suchmannschaften wieder in Richtung Absturzstelle starten. Am Vortag hatten die Helfer bis lange in den Abend hinein gearbeitet und schließlich auch den Stimmenrekorder mit den letzten Gesprächsminuten aus dem Cockpit geborgen. Doch bald danach hatte der Krisenstab im Ort Seyne-les-Alpes die Suche abgebrochen.

Am Tag danach trifft die große Politik im kleinen Nachbardorf Le Vernet ein. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Begleitung der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), der französische Staatspräsident François Hollande und der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy. Von Hubschraubern aus nehmen sie das Absturzgebiet in Augenschein.

500 Spezialkräfte in den Bergen

Dort unten arbeiten seit dem Morgen wieder die Bergungsmannschaften. Der Niederschlag in der Nacht mache den ohnehin schwierigen Bergungseinsatz noch mühsamer, sagt Paul-Henry Brandet, der Sprecher des französischen Innenministeriums. Die Felsen an der Absturzstelle seien glitschig. Auch erfahrene Bergführer haben nun noch größere Mühe, in das steile Tal auf 1500 Metern Höhe vorzudringen. 50 Spezialkräfte sind zu Fuß unterwegs zum Unfallort. Sie waren noch in die Dunkelheit aufgebrochen und hatten in der Nacht unterwegs biwakiert, sagt Brandet.

Über den Luftweg wagen sich immer nur kleine Gruppen vor, die mit dem zerklüfteten Terrain Erfahrung haben. Zwei, drei Dutzend Männer auf einmal sind im Einsatz: kommen Mediziner, Bergwacht, Polizisten und Forensiker, die in der Lage sind, Leichenteile zu erkennen. Sie sollen Fundorte festhalten und kartografieren für die Ermittlungen. Die rund 500 Einsatzkräfte wollen die sterblichen Überreste der 150 Todesopfer so schnell wie möglich in Sicherheit bringen. „Das Problem sind die Wölfe“, sagt ein Gendarm. Angeblich zieht durch dieses Gebirge ein großes Rudel. Erste sterbliche Überreste seien am späten Mittwochnachmittag von der Unglücksstelle weggebracht worden, sagte ein Polizeisprecher in Digne.

Max Tranchard ist einer der ersten am Absturzort gewesen. Er organisiert Trekkingtouren rund um den Col de Mariaud, jenes einschüchternden Bergmassivs, an dessen Wand die Maschine prallte. Er führte die Helfer nach oben, und als er schildert, welcher Anblick sich ihnen bot, zittert seine Stimme: „Das Flugzeug ist förmlich pulverisiert. Das einzige Teil, das man noch erkennen kann, ist der Stumpf des Hecks. Nicht einmal zwei Meter lang.“ Bäume ringsherum seien verbrannt. Körper? „Das ist unmöglich, da etwas auszumachen.“ An eine normale Identifizierung der Leichen ist wegen deren Zustand nicht zu denken, sie muss mit DNA-Vergleichen bewältigt werden. Der kleine Ort Seyne bereitet sich auf anreisende Angehörige vor, aber auch auf Experten aus allen beteiligten Ländern. Auch das Bundeskriminalamt schickt ein Team.

Hinterbliebene reisen an

Stephan Delpais, ein Schäfer aus dem Bergdorf Blegier, war Augenzeuge des Unglücks. „Das Flugzeug flog sehr tief. Aber nicht im Sturzflug. Es schien zu gleiten“, berichtet er – und schaut zum Himmel. Werden die Angehörigen der Opfer den Wunsch haben, über jene Szenerie zu fliegen, die Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) als „Bild des Grauens“ beschrieben hat? Um Abschied nehmen zu können? Vorsorglich hat das französische Innenministerium beim Deutschen Roten Kreuz und anderen Organisationen Psychologen angefordert. Damit die Hinterbliebenen in ihrer Sprache betreut werden können. Lufthansa wird die Trauernden nach Marseille fliegen. Von dort aus bringen sie Busse in die Hochalpen. Für die wilde Landschaft, die Wanderern und Skitouristen das Herz höher schlagen lässt, wird niemand einen Blick haben.