Technik

Von App bis Zoom

Cebit: Auf der IT-Messe in Hannover stellen 120 Unternehmen, Institute und Hochschulen aus der Region Berlin ihre Ideen vor. Ein Überblick

Die weltgrößte Computermesse Cebit ist in diesem Jahr einem wahren Shitstorm ausgesetzt, wie auf Internet-Deutsch eine Lawine aus Häme und Schmähungen in den sozialen Netzwerken des World Wide Web genannt wird. „Die einen fahren zum Internetfestival SXSW nach Texas, die anderen nach Hannover“, lästern Twitter-Nutzer. Andere nehmen die sinkende Zahl der Google-Suchanfragen als Beleg für die These, dass die Messe ihre besten Jahre hinter sich hat, und zeigen auf Facebook entsprechende Diagramme. Was ist dran an dieser Kritik? Wir sind nach Hannover gefahren und haben uns dort angesehen, was die mehr als 120 Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Hochschulen aus dem Großraum Berlin zu zeigen haben. Eine größtenteils Berliner Perspektive auf die Cebit – von A bis Z.

A wie AVM. Das Berliner Unternehmen AVM, bekannt als Hersteller der Fritzboxen, will das Heimnetz schneller machen. Die 1986 gegründete Firma aus Moabit will Lösungen für das geänderte Internetverhalten der Verbraucher finden. „Die Anwender nutzen gleichzeitig viele mobile Geräte und erwarten reibungslose Anwendungen. Hier ist ultraschnelles, stabiles Wlan gefragt, das die verschiedenen Geräte gleichzeitig mit Daten versorgt“, heißt es am Stand. Die neuen Boxen wie die 5430 für Internettelefonie oder die 6820 LTE für zu Hause und unterwegs sollen das gleichzeitige Surfen auf Notebook und PC, das Streaming von 4K-Filmen, Online-Spiele auf Konsolen, Tablets, Smartphones und TV sowie drahtlose Multi-Room-Systeme für Musik ermöglichen – und die Geräte schnell mit Daten versorgen.

B wie Box at Work. Das Start-up bietet sich als Umzugshelfer und Lagerverwalter an. Es verleiht grüne Kunststoffboxen von der Größe eines Umzugskartons für 1,99 Euro die Woche und lagert diese für 3,99 Euro pro Monat ein. Das allein wäre relativ teuer, deshalb ist ein App-gesteuerter Lieferservice an das Produkt angedockt. Die mit einem Barcode versehenen Boxen können bei Bedarf zurückgeordert und binnen eines Tages angeliefert werden. Dazu besucht der Kunde seine Lagerliste am Computer und wählt die gewünschte Box aus. So kann man bei Platznot etwa die Sommerkleidung über den Winter ins Lager schicken und zurück ordern, wenn es wieder wärmer wird. Das seit Januar 2015 aktive Start-up hat auch gewerbliche Kunden im Visier.

C wie Cringle. Der Bezahldienstleister Cringle, eine Ausgründung der Technischen Hochschule Berlin, hat inzwischen 5000 Kunden, wie Mitgründer Malte Klussmann stolz am Messestand erzählt. Seit das Start-up die Direktbank DKB als Partner gewonnen hat, geht es aufwärts. Cringle ist eine Plattform für Bargeld-Direktüberweisungen unter Freunden. Ein Nutzer kann Geld an jeden Adressbucheintrag seines Smartphones senden. Dazu wird das eigene Konto belastet und das Geld auf dem Konto eines anderen Cringle-Nutzers gutgeschrieben. Neu ist eine Bezahlfunktion für Nichtnutzer der App: Sie werden per SMS über eine eingegangene Zahlung informiert und können einmalig ihre Bankverbindung angeben, um ihrem Konto den Betrag gutschreiben zu lassen. Pro Zahlung fallen zehn Cent Provision für Cringle an.

D wie dreidimensional drucken. Ein Webstuhlhersteller zählt zu den Kunden des Start-ups Trinckle. Für die Wartung seiner Maschinen aus DDR-Zeiten benötigt der Mechaniker Zahnräder, die nicht mehr lieferbar sind. Trinckle aus Hennigsdorf druckt diese Zahnräder in 3D – aus Kunststoff oder Metall, ganz wie der Kunde es braucht. Trinckle stellt auf der Cebit eine neue selbst entwickelte Software vor, mit der Kunden ohne eigene Kenntnisse mit Grafik- und Designprogrammen Objekte entwerfen oder modifizieren können, die dann im Onlineshop des Unternehmens gekauft und von dem brandenburgischen Unternehmen ausgedruckt werden. „Kunden können beispielsweise Material und Farbe ändern oder die Geometrie des Objektes“, sagt Marketingchef Ole Bröker. Trinckle ist ein Ableger der Freien Universität Berlin.

E wie Energie für unterwegs. Andreas Guba und Oliver Lang bauen in Moabit kleinste Photovoltaik-Elemente, die sie unter der Marke Sonnenrepublik verkaufen und in der Start-up-Halle 11 der Cebit zeigen. Vier mal vier Zentimeter misst das kleinste Modul, das einem Smartphone eine Stunde Betriebszeit oder einen halben Tag Stand-by-Betrieb beschert, mit dem der Akku einer elektrischen Zigarette aufgeladen werden oder das Fahrrad beleuchtet werden kann. Ein Modul von der Größe einer Visitenkartenbox hat eine Leistung von einem Watt, genug für den Betrieb eines Smartphones im Hellen. Die Berliner Erfinder benutzen besondere Solarmodule, die auch nach einem Bruch noch Energie liefern.

F wie Freunde helfen Freunden. Denn das ist das Prinzip des Dienstleistungsmarktplatzes Mila. Gegründet in der Schweiz kam das Start-up im September 2013 nach Berlin. Zunächst wurden Nachhilfe- und Gitarrenlehrer, Putzkräfte und Handwerker gegen eine Provision vermittelt. Doch Mila hat eine größere Vision: Unternehmen sollen für die Idee begeistert werden und Mila für den Kundensupport nutzen. Die Telekommunikationskonzerne Vodafone und Swisscom sind die ersten: Dort können sich unerfahrene Kunden technische Geräte erklären lassen. Insider helfen bei der Installation von Software.

G wie Gesture Power GmbH. Das Unternehmen macht Schaufenster interessanter. Es rüstet sie so um, dass sie Passanten erkennen und ansprechen können. Das Fenster ist zugleich ein großes Display mit Kamera, das Modefans die Anprobe der neuesten Kollektionen erlaubt, ohne das Geschäft zu betreten.

H wie High-End-Lautsprecher. Jens Burmeister aus Potsdam bringt mit seinen Lautsprechern den Naturschall, der sich kugelförmig ausbreitet, in die Wohnzimmer. Einige Hundert Lautsprecher stellt die brandenburgische Manufaktur jährlich her. 1750 Euro kostet die Basisversion.

I wie intelligente 3D-Karten. „Wir entwickeln intelligente Karten, die Daten sichtbar machen“, sagt Benjamin Hagedorn, Geschäftsführer des Spin-offs 3D-Content-Logistics, einer Ausgründung des Potsdamer Hasso-Plattner-Instituts. Sein Team hat eine interaktive Berlinkarte entwickelt, auf der Daten visualisiert werden können: der Altersdurchschnitt in den Bezirken, Mietpreise, freie Bauflächen und vieles mehr. „Solche Karten helfen den Planern der Zukunftsstadt“, sagt Hagedorn. Der neue Forschungszweig nennt sich Urban Analytics.

J wie Jetlag verhindern. Die schlaue Schlafbrille bringt Hightech bis ins Bett. Sie kann dank Sensoren im Stirnbereich den Schlaf überwachen und dessen Qualität auswerten. Die Brille kann laut Hersteller Intelclinic einen Jetlag verhindern oder mildern. Und waschen kann man sie auch.

K wie Kiwi. Das ist das sichere, bequeme, schlüssellose Zugangssystem für Hauseingangstüren. Vermieter und Wohnungsbaugesellschaften können Leistungen mit Kiwi effizienter erbringen, die Bewohner genießen den einfachen und sicheren Zutritt zu 5000 Häusern – mit dem Transponder „Ki“ in der Tasche oder der Kiwi-App, die das Türschloss automatisch öffnet. Kiwi hatte am Montag auf der Cebit eine Partnerschaft mit der Berliner Wohnungsbaugesellschaft Degewo bekannt gegeben, die Haustüren ihrer Mietshäuser mit der Kiwi-Technologie ausstatten will. Das Startup hat es in den Kreis der 50 Finalisten aus 17 Ländern in der Code_n-Halle 16 geschafft. Code_n ist eine globale Innovationsplattform für digitale Pioniere und führende Unternehmen, die 2011 initiiert wurde.

L wie Lesegerät für Ausweise. Die Bundesdruckerei zeigt in Hannover den Mitarbeiterausweis der Zukunft. Der Inhaber des Ausweises von der Größe einer Scheckkarte legt zur eindeutigen Verifizierung nur seinen Finger auf den Sensor des Ausweises. Die Prüfung des Fingerabdrucks erfolgt im Dokument selbst, was für einen hohen Datenschutz sorgt. Denn die sensiblen biometrischen Daten verlassen das Dokument nicht. Der Ausweis funktioniert ohne Batterie. Die erforderliche Energie wird drahtlos vom Lesegerät für den Ausweis übertragen.

M wie M2MGO. Auch das Berliner Start-up M2MGO hat es in die Runde der Finalisten geschafft, die sich über einen eigenen Stand in der Code_n-Halle der Cebit freuen dürfen. M2MGO ist eine Plattform für eine vernetzte Welt, die es Nutzern ermöglicht, Apps für ihr Geschäftsmodell zu erstellen – schnell, fast ohne Vorabkosten und ganz ohne Programmierkenntnisse. „M2MGO bezeichnet sich als die erste Cloud-Lösung, die alle Anforderungen an eine Internet-of-Things-Anwendung abdeckt“, begründet die Jury die Wahl des Start-up.

N wie Navigationsgürtel. Das Gerät, entwickelt an der Universität Osnabrück, verfügt über kleine Vibrationseinheiten. Wird eine Route eingegeben, weist der Gürtel den Träger mit Vibrationen an der entsprechenden Stelle auf die Richtung hin, in die er laufen soll. Wer sich lieber noch ein bisschen selbst orientieren will, kann sich mit der Kompass-Funktion immer Norden zeigen lassen.

O wie oberschlauer Dinosaurier. Ermatteten Eltern dürfte der sprechende Dinosaurier von Elemental Path gefallen. Das kleine Tier beantwortet Fragen – bisher nur auf Englisch – und stellt sich im Gespräch auf das Kind und dessen Vorlieben ein. Der Dino hat Wlan-Anschluss und kann den Wissensschatz von IBM-Supercomputer Watson anzapfen. So sollte er auf die allermeisten Kinderfragen eine Antwort wissen.

P wie Pics2Comics – der Publikumskracher in der Tech-Halle der Cebit. Studenten des Potsdamer Hasso-Plattner-Instituts haben die App entwickelt. Ein Algorithmus wandelt Kamerabilder in Echtzeit in Comics um und zeigt diese auf einem großen Fernsehschirm. Die Verfremdungseffekte können am Touchscreen gesteuert werden. Der Spaß hat einen ernsten Hintergrund: „Wir erforschen Abstraktionseffekte“, sagt Hannes Würfel, Mitarbeiter an dem Projekt. Das sei etwa für die Visualisierung von Geodaten wichtig. „Der Algorithmus lässt unwichtige Informationen weg“, sagt Würfel. „Da steckt viel Mathe drin.“

Q wie Quark im Video-Kühlschrank. Eine transparente Tür erlaubt nicht nur einen Blick darauf, ob noch genügend Quark da ist, sondern spielt dank eingebautem LED-Bildschirm auf Kommando Videos ab. Der „heiße Entertainer“ halte zugleich mit „zeitgemäßer Kühltechnik“ seinen Inhalt frisch, versichert der Hersteller Halogenkauf Lightech.

R wie Rohde&Schwarz. Von Adlershof in die Krisengebiete der Welt: Das Berliner Sicherheitsunternehmen Rohde&Schwarz rüstet Regierungsstellen und Nato-Truppen mit Verschlüsselungstechnologie für Kommunikations- und Datensysteme aus. Das Besondere: Die Geräte bewältigen bis zu vier mal zehn Gigabit pro Sekunde, sind besonders energieeffizient und ausfallsicher, weil Verschleißteile doppelt eingebaut werden. Rohde&Schwarz verschlüsselt alle Kommunikationskanäle von Mobiltelefonen bis zu Unternehmens- und Behördennetzwerken. 130 Experten sind in der Sicherheitssparte des insgesamt 9000 Mitarbeiter zählenden Unternehmens beschäftigt, das seit 1991 auf dem Markt ist.

S wie Stellplätze mit dem Handy finden. Das Start-up ParkTag verwandelt das Smartphone in einen Parkplatzsensor, denn ParkTag zeigt an, wo bald Parkplätze frei werden oder bereits freigeworden sind. So kann Stau im Stadtverkehr um 30 Prozent vermindert werden, sagen die Gründer. ParkTag arbeitet mit einer einzigartigen vorausschauenden Technologie, die das Parkplatzaufkommen praktisch ohne anfallende Kosten analysiert. Das Start-up hat es in den Kreis der 50 Finalisten aus 17 Ländern in der Code_n-Halle 16 geschafft.

T wie Treuekarte. Die Berliner Beacon-Spezialisten von Sensorberg präsentieren ihren neuen Kooperationspartner Stampay, der Treuekarten digitalisiert. Beacons sind kleine Bluetooth-Sender, die sich mit Smartphones verbinden, dabei den Besitzer identifizieren und ihm Nachrichten aufs Smartphone senden. Dazu zeigt Stampay am Sensorberg-Stand sein neues Lesegerät, das bereits bei einigen McDonald’s-Filialen und Langnese-Eisverkäufen eingesetzt wird. Kunden halten einfach ihr Smartphone unter den Leser und bekommen ihre Treuepunkte gutgeschrieben. In einem zweiten Schritt soll das Lesegerät mit dem Kassensystem verbunden werden, sodass auch umsatzabhängige Punkte möglich werden.

U wie Ultra-Ultra-HD für Fernseher. Zwei Forscher der Technischen Universität Berlin entwickeln bereits die übernächste Technologiestufe für hochauflösendes Fernsehen. Chi Ching Chi und Mauricio Alvarez-Mesa arbeiten an der 8K-Technologie, die Bilder mit der doppelten Pixelzahl in der Breite und Höhe anbietet – also das Vierfache des aktuellen Standards UHD beziehungsweise 4K. Dazu haben sie einen Decoder entwickelt, der die Bildschirme ansteuert und durch eine spezielle Kompression dazu 50 Prozent weniger Datendurchsatz als der herkömmliche Standard hat. „Hersteller von Fernsehgeräten sind sehr interessiert“, verrät Chi Ching Chi, der Technikchef des Start-up Spin Digital.

V wie Verschlüsselung für E-Mails. Die Berliner Forscher Roman Priebe, Lukas Neumann und Marco Schreiber des Start-ups Mynigma wollen mit ihrer Erfindung jedem Internetnutzer Zugang zu sicheren E-Mails verschaffen. Dazu haben sie die App M für iPhone und iPad entwickelt, für die sie den mit 30.000 Euro dotierten zweiten Preis des Cebit Innovation Award gewonnen haben. Die App verschlüsselt die Nachrichten zwischen ihren Nutzern automatisch. Die bisher lästigen und nur für IT-Fachleute einfachen Arbeiten der Erzeugung, Verteilung und Verwaltung von Schlüsseln übernimmt M automatisch. Sie koordiniert auch die Verschlüsselungssysteme zwischen stationären und mobilen Endgeräten eines Nutzers. So wird das Überwachen und Mitlesen durch unbefugte Dritte unterbunden und die Hürde für Angriffe deutlich erhöht.

W wie WunderBar. Das Start-up Relayr kombiniert Hardware mit Software aus der Internet-Wolke: Das Vorzeigeprodukt WunderBar des Berliner Start-ups ist ein Sensorenkit mit acht Sensorleitungen, sechs Beacon-BlueTooth-4.0-Modulen und einem Wifi-Mastermodul. WunderBar ist somit ein Starterkit für App-Entwickler und ermöglicht die einfache Entwicklung von Apps für die physikalische Welt. Beispielsweise können Temperatur- oder Feuchtesensoren entwickelt werden, die Daten etwa vom Gewächshaus an die Smartphone-App senden.

X wie Xiaomi. Der Gründer und Chef des Smartphone-Aufsteigers Xiaomi, Lei Jun, wirbt in Hannover für vernetzte Haustechnik der chinesischen Firma – und stellt unter anderem die Xiaomi-App vor, mit der verschiedene Geräte wie Waschmaschinen, Kühlschränke oder Mikrowellen aus einer Oberfläche gesteuert werden könnten. Zudem vermarkte Xiaomi ein Zusatzmodul, das bestehende Haustechnik „smart“ machen solle. Es koste in der Produktion nur zwei Dollar.

Y wie Yogamatte. Sie ist mit Drucksensoren ausgestattet und erkennt, welche Körperteile sie berühren. Die Matte vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz kann bestimmte Übungen wie Liegestütze erkennen und die richtige Ausführung beobachten.

Z wie Zoom für den Fernseher. „Jeder Fernsehzuschauer soll sein eigener Regisseur werden“, sagt Christian Lehmann. Er arbeitet beim Berliner Heinrich-Hertz-Institut an dem Projekt Ultra HD Zoom mit. In ein bis zwei Jahren könnte die Technologie auf den Markt kommen. Eine erste Kooperation gibt es bereits. Das Medienunternehmen Sky stellt den Wissenschaftlern Inhalte zur Verfügung. Die Software bietet die Möglichkeit, mit einem Tablet Ausschnitte eines Fernsehbildes festzulegen und diese auf dem Tablet-Bildschirm aus der Nähe zu betrachten – etwa einen Spieler bei einem Fußballspiel. Ferner gibt es die Möglichkeit, einen Spieler während der Begegnung mit dem Tablet verfolgen zu lassen. Eine ähnliche Kooperation hatte das Heinrich-Hertz-Institut bereits mit den Berliner Philharmonikern. Hier konnten Zuschauer während Konzerten an einzelne Künstler heranzoomen.