Sommerspiele 2024

„Der Dialog hat gefruchtet, Berlin hat stark aufgeholt“

Innenminister de Maizière und DOSB-Präsident Hörmann über Chancen und Risiken eines neuen „Sommermärchens“

Welche deutsche Stadt bewirbt sich für Olympia? Wer hat die besseren Karten? Darüber sprachen DOSB-Präsident Alfons Hörmann und der Bundesinnen- und Sportminister Thomas de Maizière (CDU). Beide trafen sich zum exklusiven Doppelinterview unmittelbar nach der ersten Sitzung eines neuen Beratungsgremiums, das die offenbar dringend gebotenen Strukturveränderungen im deutschen Leistungssport auf den Weg bringen will.

Berliner Morgenpost:

64 zu 55 – im Basketball würde man von einem deutlichen Sieg sprechen. Aber in der Sportpolitik? Was bedeutet dieses Umfrageergebnis aus Ihrer Sicht, Herr de Maizière?

Thomas de Maizière:

Ich freue mich über die Zustimmung in beiden Städten. Vor allem über die Zustimmung, überhaupt Olympische Spiele ausrichten zu wollen. Ich werde die Entscheidung, welche Stadt es auch immer wird, voll unterstützen. Mir liegt daran, dass wir nach dieser Entscheidung zu einer inneren Haltung übergehen, die besagt: Hier bewirbt sich eine Stadt – für Deutschland.

Sie haben aus Ihrem Missfallen darüber, dass zwei Städte auf nationaler Ebene vorab konkurrieren, wenig Hehl gemacht.

De Maizière:

Was ich meinte, ist, dass es nicht so kommen darf wie bei der letzten deutschen Olympiabewerbung. Mit Leipzig gab es 2003 einen scheinbaren Sieger im nationalen Vorentscheid, alle anderen Städte wendeten sich danach aber ab. Das Präsidium des damaligen Nationalen Olympischen Komitees hatte keine klare Empfehlung abgegeben. Heute gibt es einen anderen Weg. Wir sollten die Empfehlung des DOSB-Präsidiums und die Entscheidung der Vollversammlung mit voller Kraft unterstützen. Und wir sollten nicht vergessen: Die Entscheidung zwischen Hamburg und Berlin ist der kleinste Teil auf der Bewerbungsstrecke zu Olympischen Spielen.

Wie wollen Sie, Herr Hörmann, verhindern, dass am Ende der Eindruck überwiegt, es gebe Verlierer und Geschlagene im Entscheidungsprozess?

Alfons Hörmann:

Sportdeutschland will und braucht die Olympischen und Paralympischen Spiele. Das ist unser großer gemeinsamer Nenner. Ob in Berlin oder Hamburg oder in Hamburg oder Berlin, spielt nicht die entscheidende Rolle. Naturgemäß gibt es in unseren Mitgliedsorganisationen Fraktionen für die eine und für die andere Stadt. Aber ich bin überzeugt, dass es wie bei der Bewerbung Münchens um die Winterspiele 2018 und 2022 schnell gelingen wird, den deutschen Sport zu einen.

Als Fallstrick könnte sich sowohl in Hamburg als auch – und mehr noch – in Berlin der Bürgerentscheid zu Olympia erweisen.

Hörmann:

Wenn wir uns die Zustimmung in den Umfrageergebnissen ansehen, können wir sagen: hocherfreulich. Über 80 Prozent der Befragten in beiden Städten meinen, Spiele in Deutschland machen Sinn. Das war von uns in dieser Dimension, ehrlich gesagt, nicht erwartet worden. Und in beiden Städten hat die Zustimmung im Vergleich zu unserer ersten Umfrage deutlich zu- und die Zahl der Gegner abgenommen. Man kann also sagen, dass der intensive Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern gefruchtet hat. In Hamburg früher als in Berlin, doch Berlin hat stark aufgeholt.

De Maizière:

Als Politiker weiß ich: Wir haben Umfragen grandios gewonnen und Wahlen verloren – und umgekehrt. Umfragen sind wichtig. Aber eine Bürgerbefragung ist eben noch wichtiger.

Herr de Maizière, erkennen Sie eine Grundskepsis in Deutschland Großprojekten gegenüber und bereitet sie Ihnen Sorge? Stichworte: Stuttgart 21, BER, Elbphilharmonie.

De Maizière:

Ich bemerke überhaupt eine Skepsis gegenüber großen Veränderungen. Ich finde, dass wir Deutschen glänzend darin sind, immer Gegenargumente und Bedenken zu finden. Mit der Bewerbung um Olympische Sommerspiele können wir beweisen, dass wir auch zum Gegenteil in der Lage sind. Wenn ein Projekt kosten- und zeitgerecht gut zu planen und hinzubekommen ist, dann sollten wir diese Chance nutzen – und nicht auf schlechte Beispiele in Hamburg, Berlin, Stuttgart oder sonst wo verweisen.

Die Regierung Blair ließ 2002 von Fachleuten ein Strategiepapier erstellen, in dem diese die Nachhaltigkeit Olympischer Spiele beurteilten. Conclusio: Olympia ist eine große Party, viel mehr aber nicht.

Hörmann:

Wenn dies das Ergebnis einer nüchternen Betrachtung wäre, dann ginge es weit, weit an dem Ziel vorbei, das wir für Sportdeutschland erreichen wollen. Zweimal zweieinhalb Wochen Olympia und Paralympics sind das eine. Der Mehrwert der Spiele muss sich an anderen Dingen festmachen. Das Bewusstsein für die Sportentwicklung im ganzen Land vom Kinder- über den Jugend- bis hin zum Breiten- und Leistungssport wird zum Beispiel geschärft. Es kommt zu Effekten, die weit über eine ökonomische Berechenbarkeit hinausgehen. Denken wir nur an das neue Wir-Gefühl in Deutschland beim „Sommermärchen“ 2006!