Sommerspiele 2024

Gespanntes Warten auf die Entscheidung

Die Sonne kam noch einmal um 17.15 Uhr heraus über Frankfurt am Main, als Sportsenator Frank Henkel mit den anderen Mitgliedern der Berliner Delegation den Saal „Gold“ im Lindner Hotel im Stadtwald verließ. In den 60 Minuten davor hatten sie Werbung für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 in der Hauptstadt gemacht. „Wir haben die entscheidenden Punkte klar herausgestellt“, sagte Henkel. Berlins Erfahrung und Kontakte bei internationalen Sportereignissen, die positive Entwicklung bei der Olympiastimmung in der Stadt, das nachhaltige Konzept und die Faszination Berlins im internationalen Ansehen. „Es wäre für uns eine große Ehre, für Deutschland die Spiele auszurichten“, sagte Henkel.

Hamburgs Sportsenator Michael Neumann (SPD) hielt sich nach der Präsentation der Hansestadt, die nach Losentscheid den Vortritt hatte, mit einem Fazit zurück. „Ich glaube, die Spitzenverbände werden eine kluge Entscheidung treffen“, sagte Neumann. Um 16.10 Uhr war Hamburg durch und übergab das Podium an Berlin. Es habe Applaus gegeben, so Neumann. Das werde auch bei den Kollegen aus Berlin so sein. „Das gebietet allein schon die Höflichkeit.“ Nach Informationen der Morgenpost fiel der Zuspruch für Berlin dann sogar etwas nachhaltiger aus.

Henkel (CDU) war bereits am Tag zuvor nach Frankfurt gereist, um sich auf die beiden entscheidenden Termine vorzubereiten. „Mein Berliner Team und ich sind heute hier, um gemeinsam mit dem deutschen Sport die Spiele nach Deutschland zu holen“, sagte Henkel, bevor er in den Konferenzsaal des Lindner Hotels entschwand. „Wir wollen zeigen, dass Berlin der perfekte Partner ist.“

Mit den Antworten gepunktet

Mit Henkel waren Sportstaatssekretär Andreas Statzkowski, der Präsident des Berliner Landessportbundes, Klaus Böger, der Staatssekretär für Stadtentwicklung, Engelbert Lütke Daldrup, sowie der Sportmanager Kaweh Niroomand nach Frankfurt gereist, um die Fragen der Sportverbände zu beantworten. Am Sonntag stießen die Hockey-Olympiasiegerin und deutsche Fahnenträgerin bei den Spielen 2012, Natascha Keller, und die Paralympics-Siegerin Daniela Schulte dazu. Jeder aus der Delegation stellte einen Aspekt aus der Bewerbung vor. Kein leichtes Unterfangen. Berlin und Hamburg hatten nur jeweils 15 Minuten Zeit, sich zu präsentieren. Danach folgte eine 45-minütige Fragerunde. Die Nachfragen hätten sich um die Themen Nachhaltigkeit, die Unterbringung von Athleten, aber auch den anstehenden Bürgerentscheid und den Flughafen BER gedreht, sagte der Präsident des Berliner Landessportbundes, Klaus Böger. Alles sei souverän beantwortet worden. „Wenn es nach der Umfrage 1:0 für Hamburg stand, steht es jetzt 1:1“, meinte ein Beteiligter.

Im Saal war Henkel von rund 80 Funktionären der deutschen Sportfachverbände und den Präsidenten der Landessportbünde empfangen worden. Damit ging das Verfahren des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) um eine mögliche deutsche Ausrichterstadt für die Olympischen und Paralympischen Spiele im Jahr 2024 oder 2028 auf die Ziellinie. Auch DOSB-Präsident Alfons Hörmann saß unter den Vertretern der Spitzenverbände. Deutschlands oberster Sportfunktionär, der mit dem DOSB-Präsidium heute eine Empfehlung für eine der Städte geben wird, hatte sich in den vergangenen Wochen immer wieder mit Kritik auseinandersetzen müssen.

Hasenfüßig sei der Sportverband, da er nicht selbstbewusst sagte, mit welcher Stadt die Spiele nach 43 Jahren wieder nach Deutschland geholt werden sollen, sondern Berlin und Hamburg gegeneinander hetze. Misstrauisch gegenüber dem eigenen Verfahren sei der DOSB, weil er im September und Februar die Stimmung zu Olympia in den beiden Bewerberstädten überprüfen ließ. Es sei unklar, wie das Präsidium die Kriterien gewichte. Und schließlich veranstalte er einen Eiertanz um die sogenannte Expertenrunde – eine Gruppe von Persönlichkeiten, die das Präsidium bei ihrer Entscheidungsfindung am heutigen Montag beraten sollen. Wer sich dahinter verbirgt, darüber schwieg sich der DOSB-Chef lange aus. Bekannt ist mittlerweile, dass DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, Sylvia Schenk von Transparency Deutschland, der UN-Sonderbeauftragte Willi Lemke und IOC-Ehrenmitglied Walther Tröger dazu gehören. Außerdem Vertreter der politischen Parteien, Gewerkschaften und Kirche.

In den vergangenen Wochen, verriet Hörmann am Sonntag, sei der Schlaf bei ihm ein wenig zu kurz gekommen. „Es vergeht keine halbe Stunde, in der nicht eine neue Nachricht auftaucht, es geht einem schon viel durch den Kopf“, sagte er, der als Befürworter Hamburgs gilt. „Aber Hektik wäre der falsche Ratgeber.“ Schließlich wartete der drahtige Allgäuer genauso gespannt auf das Votum der Sportverbände.

Drei Kreuze zur Auswahl

Deren Vertreter und die Öffentlichkeit lässt man nun eine weitere Nacht warten.

Am Ende der Sonntagssitzung gab es eine geheime Abstimmung, jeder Vertreter eines olympischen Verbandes konnte auf einem Stimmzettel sein Kreuz für Berlin, Hamburg oder beide (entspricht einer Enthaltung) machen. Der Sprecher der Spitzenverbände, Siegfried Kaidel, sammelte die Stimmzettel ein und nahm sie mit ins Hotel. Er werde erst am Montag kurz vor der Präsidiumssitzung die Auszählung vornehmen. „So viel Vertrauen hat das Präsidium in mich“, sagte Kaidel und verschwand in den Abend. Dass hierbei der Eindruck von Intransparenz entstehen kann, wie sie lange Jahre beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) kritisiert wurde, nahmen die Beteiligten überraschend wehrlos in Kauf.

Die Meinung der 63 olympischen Sportverbände hat besonderes Gewicht. Sollte sie eindeutig ausfallen, geriete die Präsidiumssitzung am Montag erheblich unter Druck. Hörmann hatte in der Woche noch angekündigt: „Es wird ein Miteinander geben, kein Gegeneinander.“ Das heißt: Das Präsidium wird sich nicht gegen den Willen der Sportverbände für Berlin oder Hamburg entscheiden. Berlin zieht daraus seine Zuversicht. Die großen Verbände wie Leichtathletik oder Schwimmen haben bereits deutlich gemacht, dass sie mit Berlin die größeren Chancen sehen, nach 1972 wieder Spiele nach Deutschland zu holen. In keiner anderen Stadt haben in den vergangenen Jahren so viele Welt- und Europameisterschaften stattgefunden. Doch wie die Allianzen und Absprachen in den vergangenen Tagen im Hintergrund verlaufen sind, das liegt alles im Verborgenen.

Am Ende könnte es so gewesen sein: Das DOSB-Präsidium favorisiert Hamburg, weil es mit der Hansestadt weniger Konflikte erwartet. Zumal sich der inzwischen zurückgetretene Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit das eine oder andere Mal abfällig über die Sportfunktionäre geäußert hat. Doch nun heißt der Regierende Michael Müller, und die Stimmung in der Stadt ist pro Olympia gekippt. „Wir haben es dem DOSB schwer gemacht, sich gegen Berlin zu entscheiden“, sagte Michael Müller selbst.

Nachdem die Bewerbung für Winterspiele 2022 in München krachend gescheitert ist, möchte Hörmann nicht dafür verantwortlich sein, auch das nächste Projekt zu versenken. Deutschlands Aussichten auf Olympische Spiele wären damit auf Jahrzehnte verbaut. Umso mehr zaudert er. Ein Ende der deutschen Olympiapläne könnte auch das Ende des DOSB-Präsidenten bedeuten. „Wir werden eine gelassene und konstruktive Lösung finden“, sagte Hörmann. Und sein Lächeln sah wieder ein wenig gequält aus.