Serie

Der Mann von Welt

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Peter Schäfer, Direktor des Jüdischen Museums

Der Hut. An ihm muss es liegen, dass ich ihn schon von Weitem erkenne. So kann doch nur einer aussehen, der in Princeton gelehrt hat. Amerikanisch lässig, aber gleichzeitig irgendwie professoral steif. Peter Schäfer hat den Mantelkragen hochgeschlagen. Er trägt Sonnenbrille und eben diesen braunen Hut. Darauf angesprochen, erzählt er, wie er vor Kurzem, bei der Berlinale, über den roten Teppich gegangen war. Festivalchef Dieter Kosslick war ihm entgegengelaufen und hatte ihn mit den Worten begrüßt: „Sie haben aber einen schönen Hut, Herr Schäfer.“ Man kann also sagen, nicht nur Peter Schäfer ist in Berlin angekommen, auch sein Stil.

Im September vergangenen Jahres trat er sein neues Amt als Direktor des Jüdischen Museums an. Der Ort, den er sich als Treffpunkt für unseren Spaziergang ausgesucht hat, hat allerdings mit seinem ersten Leben in Berlin in den Achtzigerjahren zu tun. Schäfer zeigt auf das Jagdschloss Glienicke. In der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre fand hier eine Konferenz der European Association of Jewish Studies statt. Zum ersten Mal in Berlin, in den Jahren zuvor war man immer in Oxford zusammengekommen. Es war nicht die Konferenz, die Schäfer heute zu seinen „eindrücklichsten Erinnerungen an Berlin“ zählt, sondern der Ort und die Umstände: „Die Mauer verlief genau hinter uns. Die Teilnehmer waren betroffen, als sie sie sahen. Viele bekamen die Teilung der Stadt erstmals richtig mit. Einige konnten nachts nicht schlafen, weil sie die Schäferhunde bellen hörten, die auf der anderen Seite an der Mauer entlangliefen.“

Schäfer war zu dieser Zeit noch relativ neu auf einem Lehrstuhl für Jüdische Studien an der FU Berlin. Und wie schon vor einigen Monaten wurde auch damals die Frage gestellt: Wie kann einer, der kein Jude ist, in solch eine Position rücken? Es gehört zu den Merkwürdigkeiten in Schäfers Leben, dass er mit dieser Frage in Israel oder Amerika kaum, aber in seiner Heimat bis heute konfrontiert wird. Vor 30 Jahren sprang ihm sein Vorgänger auf dem Lehrstuhl bei. Jacob Taubes begegnete der Frage nämlich lapidar mit dem Satz: „Ein Mathematiker muss kein Dreieck sein.“

Man kann diese Frage übrigens auch um zwei Wörter ergänzen: Wie kann es einer schaffen, der kein Jude ist, in solch eine Position zu rücken? Oder konkret: Wie schaffte es das katholisch geprägte Kind eines städtischen Angestellten aus Mülheim an der Ruhr, Mitte der Sechzigerjahre in Jerusalem zu studieren und einer der führenden Judaisten weltweit zu werden? Schäfers Biografie ist ungewöhnlich, gegen den Strich gebürstet. Sie kann einem Mut machen in unserer mit Scham behafteten Geschichte.

Krimis, die auch Obama liest

Aber fangen wir nicht mit dem Gelehrten, sondern mit dem Krimileser Peter Schäfer an. Noch stehen wir auf der Glienicker Brücke, und was ihm da einfällt, ist – ganz klar – „Spionenaustausch“. Aber dann erzählt er von Lee Child, einem englisch-amerikanischen Krimiautor. Auf ihn gekommen ist er durch Barack Obama. Als der Präsident wurde, hatte man ihn gefragt, was er denn so lese, und er nannte eben jenen Lee Child. Das machte Schäfer neugierig, und so hat er heute eine Leidenschaft mit dem amerikanischen Präsidenten gemeinsam. „Lee Child“, sagt sein 72-jähriger Fan, „fängt großartig den trostlosen amerikanischen Midwest ein. Es geht bei ihm nicht um Mord, sondern darum, bestimmte Dinge zu verhindern.“ Das letzte Buch habe er gestern Abend ausgelesen.

Und als wären die Zeiten des Kalten Krieges noch nicht vorbei, schaudert es uns nun doch etwas auf der Glienicker Brücke. Auch wenn die Sonne scheint, weht hier am Wasser der Wind und geht in die Glieder. Zeit, sich zu bewegen. Wir biegen links in den Spazierweg ein, und Peter Schäfer erzählt, wie er zu dem wurde, was er heute ist.

Als der Zweite Weltkrieg in Mülheim an der Ruhr zu Ende war, war er noch nicht einmal zwei Jahre alt. Trotzdem muss etwas hängen geblieben sein. Ende der Vierzigerjahre wachte er in einer Silvesternacht auf, draußen wurde schon geknallt, und schrie: „Krieg! Krieg! Krieg!“

Sein Vater. Ein Selfmademan. Das Abitur hatte er nicht machen können. Trotzdem gelang es ihm, obwohl parteipolitisch nicht gebunden, sich in der Mülheimer Stadtverwaltung hochzuarbeiten. Als er in Pension ging, bekleidete er die Position des Leiters des Amtes für Statistik und Wahlen. Hat der Sohn die Eltern später gefragt, wie sie dem Nazisystem gegenüberstanden? Auch das ist eine sehr deutsche Frage, meint Schäfer. Selbst in Israel habe man sie ihm nie gestellt. Aber ja, er habe den Vater gefragt. „Ich glaube, er war kein Nazi. Er war in der katholischen Jugendbewegung sehr aktiv.“ Als die Nazis an die Macht kamen, verboten sie die Organisation des Vaters. Einmal kam die Gestapo zu ihm nach Hause, weil sie nach einer Liste der Mitglieder suchten. Der Vater hatte so ein Papier, aber es gelang ihm, es noch rechtzeitig unter dem Hintern seiner Mutter zu verstecken. Sie war korpulent und nicht mehr sehr beweglich. Die ganze Zeit soll sie gleichmütig auf der Liste gesessen haben, ohne dass die Gestapo-Leute etwas bemerkten. Diese Geschichte hat ihm der Vater später erzählt.

Peter Schäfer war der erste in der Familie, der das Abitur machte. Aber er hat die Schule gehasst. „Sie hat mir eigentlich die ganze Zeit immer wieder eingebläut, dass ich zu doof bin.“ Kein einziger Lehrer, der ihn förderte. „Im Gegenteil, in Griechisch hatten wir einen alten Nazi, in Turnen auch. Und in Deutsch hat sich der Lehrer vor der Klasse über meinen Lesegeschmack lustig gemacht.“

Verletzt und weitgehend mutlos entschloss er sich trotzdem, katholische Theologie zu studieren. Was nun begann, sieht er heute als Offenbarung. Die Universität und Schäfer, das passte einfach. Bereits in seinem ersten Seminar war der Professor von seiner schriftlichen Arbeit derart begeistert, dass er sie seinen Doktoranden vorlas. „Und ich habe begriffen, dass ich doch nicht so ganz blöd bin.“

Nach vier Semestern bekam Schäfer 1964 über den Deutschen Akademischen Austauschdienst ein Stipendium für Jerusalem. Er wollte Hebräisch lernen, und zwar „richtig in einem Land, wo die Leute Hebräisch sprechen“. Im Studentenwohnheim wollte allerdings kein Israeli mit dem Deutschen zusammen ein Zimmer beziehen. „Die Zeit war noch nicht reif. Heute ist das kein Thema.“

Schließlich steckte man ihn mit einem Drusen zusammen – ein Angehöriger einer aus dem Islam entstandenen Religionsgemeinschaft, die es auch in Israel gibt. „Er konnte perfekt Hebräisch und war ein sehr angenehmer Zimmergenosse. Bis auf die Tatsache, dass er nachts immer seine Freunde zu Besuch hatte und ich schlafen wollte.“

Vor einigen Monaten, als Schäfer gerade Direktor des Jüdischen Museums Berlin geworden war, interviewte ihn die israelische Zeitung „Haaretz“. Dabei erzählte er von diesem Zimmergenossen. Er nannte seinen Namen, was in Israel für Aufregung sorgte. Denn der ehemalige Kommilitone Rafik Halabi wurde später zu einem der bekanntesten Fernsehmoderatoren des Landes. Im selben Alter wie Schäfer ist er heute Bürgermeister seines Heimatdorfes in Galiläa. Nun rückten Reporter auch bei ihm an und stellten Fragen über Schäfer, an den er sich noch gut erinnern konnte.

Seine Frau lernte er in Israel kennen

Damals in Jerusalem merkte Schäfer schnell, dass er in Israel mehr machen konnte, als Hebräisch zu lernen. Er beschloss, Theologie abzubrechen und Judaistik zu studieren. Anfangs begegnete man den wenigen deutschen Studenten zurückhaltend, aber nach einiger Zeit wurden sie akzeptiert. „Mit ein Grund war, dass wir alle ganz konsequent nur Hebräisch gesprochen haben. Wir haben uns bemüht, uns dem Land anzupassen.“ Sein wichtigster Lehrer damals war, wie andere, in Deutschland geboren. Doch die Sprache wollte er nach den Nazigräueln nicht mehr sprechen. Trotzdem lud er Schäfer jeden zweiten Schabbat zum Abendessen ein.

Zwei Jahre blieb er in Israel, es war eine Zeit, die „mich sehr geprägt hat“. Seine Frau lernte er dort kennen. Sie – auch keine Jüdin – war aus Hamburg gekommen und studierte Islamwissenschaften. Er habe damals überlegt, zu bleiben, in Jerusalem zu promovieren. Dann beschloss er doch, nach Deutschland zurückzukehren, machte seinen Doktor in Freiburg und habilitierte sich in Frankfurt am Main. Als Judaist beschäftigt er sich mit der Antike und dem frühen Mittelalter. Zahlreiche Auszeichnungen wie zuletzt den Reuchlinpreis hat er bekommen, 2007 erteilte man ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Tel Aviv. Er lehrte 15 Jahre lang an der renommierten Universität Princeton. Sogar das Jewish Theological Seminary of America, das wichtigste Rabbinerseminar in Amerika, machte ihm einmal ein Angebot. „Für einen deutschen Nichtjuden war das ungewöhnlich. Da war ich sehr versucht. Aber aus familiären Gründen haben wir es nicht gemacht. Die Kinder waren noch zu klein.“

Und nun wieder Berlin. Wir sitzen mittlerweile bei Tee, heißer Schokolade und Kuchen im Café des Jagdschlosses und sprechen über seine Pläne mit dem Museum. Ein jüdisch-islamisches Forum befindet sich schon im Aufbau. „Wir wollen, dass vor allem junge Leute miteinander reden. Dass sich junge Muslime beispielsweise mit jungen Juden unterhalten. Wie sehen die Muslime die Schoah, und wie sehen die Juden, was die Muslime die Nakba nennen, die Vertreibung der Palästinenser aus Palästina?“

Auch die Dauerausstellung soll verändert werden. „Die alte ist nicht schlecht, aber sie ist in die Jahre gekommen. Die medialen Möglichkeiten sind jetzt anders. Man kann jetzt viel mehr visualisieren.“ Die Nachkriegszeit soll stärker betont werden. Was ist aus den Emigranten geworden? Was haben sie in den Ländern bewirkt? Wie standen sie zu Deutschland? Außerdem soll es ein großes neues Segment geben, das sich ganz besonders an Kinder richtet.

Doch der neue Job ist auch ein repräsentativer, „das war anfangs ungewohnt“. Schäfer wird mit Fragen konfrontiert, die sich mit der aktuellen Situation der Juden etwa in Berlin befassen. Gibt es wirklich No-go-Areas in der Hauptstadt? Sollen Juden an manchen Orten lieber auf die Kippa verzichten? „Berlin ist gefährlicher geworden. Was nach dem letzten Gazakrieg passiert ist, war vorher undenkbar. Die Slogans und Ausschreitungen, das war atemberaubend, haarsträubend. Dass so was in Deutschland wieder hochkommt, hätte ich nicht gedacht. Aber ob das ein Anlass sein soll, dass Juden Berlin verlassen sollen, ist eine andere Frage.“ Viele Israelis, die nach Berlin kommen, seien nicht religiös. „Die sehen Sie nicht in der jüdischen Gemeinde, die fühlen sich nicht gefährdet.“

Wie sieht er die Aufforderung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach dem Terroranschlag von Kopenhagen, die Juden in Europa sollen nach Israel auswandern? „Die Situation für Juden in Deutschland ist trotz allem, was in letzter Zeit passiert ist, nicht so dramatisch, dass ich persönlich deutschen Juden raten würde, ihr Land zu verlassen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden“, sagt Schäfer.

Wir stehen am Ausgang des Jagdschlosses und reden noch einmal über seinen Werdegang. Was ihm in der Schulzeit nicht vergönnt war, hat er in der Universität bekommen: Anerkennung. Die Schule verfolgt ihn allerdings noch bis in den Schlaf: „Ich träume, dass ich eine Klassenarbeit schreiben muss. In Latein oder Griechisch, etwas, das ich nicht kann. Ich träume sogar, dass ich Abitur machen muss. Dann fällt mir im Traum ein: Du bist doch promoviert, du brauchst kein Abitur mehr machen.“