Familienpolitik

Die Wunschliste ist lang

Bericht zur Situation von Familien in Berlin an Bildungssenatorin Scheeres übergeben

Sandra Scheeres steht in der Zirkusmanege und schaut in fröhliche Gesichter. Es sind viele Kinder gekommen aus Familien, die mitgemacht haben beim Bericht „Eltern wissen Bescheid!“ des Berliner Familienbeirates. Es sind Kinder, die sich darauf freuen, dass sie hier im Jugendprojekt Circus Cabuwazi in Treptow gleich auf dem Drahtseil balancieren und am Trapez turnen dürfen. Bildungssenatorin Scheeres steht im Zirkuszelt, um den Bericht in Empfang zu nehmen. Als die SPD-Politikerin den Familien dann im Rampenlicht versichert, sie werde die Empfehlungen des Berichtes berücksichtigen, und sagt: „Ich bin auf Ihrer Seite“, da fehlt eigentlich nur noch, dass sie sich zu einem Tusch verbeugt.

Mit Konfrontation war auch kaum zu rechnen. Federführend beim Bericht ist der Familienbeirat, laut Definition ein unabhängiges Gremium, das allerdings im Jahr 2011 vom Senat eingesetzt wurde. Dennoch ist die harmonische Szene im Zirkuszelt kaum mehr als die Aufnahme eines Momentes. Denn die Liste der Forderungen und Beschwerden der Eltern für ein familienfreundlicheres Berlin ist lang. Die wichtigsten: zu wenig Kitaplätze vor allem in sozial benachteiligten Stadtteilen, dreckige Toiletten in Schulen, Diskriminierung von Migranten und gleichgeschlechtlichen Elternpaaren durch Angestellte des öffentlichen Dienstes, wenig Rücksichtname auf Alleinerziehende in der Arbeitswelt, Verdrängung von Familien aus ihren angestammten Kiezen aufgrund steigender Mieten. Und natürlich Themen wie unbeleuchtete Parks mit Drogendealern.

„Es gibt einiges zu tun“, sagt Scheeres. Und weil die Stimmung so locker ist, fügt sie hinzu: „Sonst hätte ich ja auch keinen Job.“ Über ein zentrales Ergebnis aber darf sich die Senatorin freuen: In der Mehrheit leben die Familien laut Bericht ziemlich gerne in Berlin. Wenn sie nicht gerade auf einen Kitaplatz warten, sind sie in der Regel auch zufrieden mit der Arbeit der Erzieherinnen dort. Angebote von Arbeitgebern wie Homeoffice und Gleitzeiten kommen ebenso gut an wie die staatlich geförderte Elternzeit. Familien nutzen zudem die vielen günstigen Freizeitangebote in Berlin, wünschen sich aber mehr Förderung für Stadtteilprojekte und weniger Hürden für die Bildungs- und Teilhabepakete in Jobcentern. „Es wurde nicht nur gemeckert“, sagte Thomas Härtel, Vorsitzender des Familienbeirates und früherer Staatssekretär (SPD) in der Senatsverwaltung für Bildung, bei der Vorstellung des Berichtes. Rund 500 Familien sind seit dem Jahr 2013 für diesen Bericht in Foren befragt worden. Sie haben miteinander diskutiert und grüne und rote Männchen auf Karten gestellt. Grün für positiv, rot für negativ. Die Studie bietet Vielfalt und auch Stimmen von Eltern, die sich nicht ständig in öffentliche Debatten einbringen.

Vielfalt der Meinungen

Es wurden sehr unterschiedliche Familien befragt. Familie Körber und Pfitzner zum Beispiel, die mit acht Erwachsenen und vier Kindern in einer Wohngemeinschaft in Kreuzberg leben. Sie finden wichtig, wie das „Persönliche politisch“ werde und das „Politische persönlich“. Oder Familie El-Said: Eine studierte Apothekerin und alleinerziehende Mutter, die mit ihren vier Kindern seit zehn Jahren in Wedding lebt und sagt, das Brunnenviertel habe sich „überwiegend positiv“ entwickelt. Oder Familie Kah aus Prenzlauer Berg, zwei verheiratete Frauen mit zwei Töchtern. Sie sagen, dass die Ämter dringend Fortbildungen brauchen, um Regenbogenfamilien kompetent in rechtlichen Fragen zu begegnen. Ohnehin ziehen sich die Forderungen nach Weiterbildungen im öffentlichen Dienst wie ein roter Faden durch den Bericht. Die Ansprüche sind verschieden. Einige wollen offenbar vor allem den Horizont einiger Lehrer für verschiedene Lebensstile erweitern. Andere fordern das Fach Deutsch als Fremdsprache oder gleich Unterricht auf Arabisch als Muttersprache.

Eine Bandbreite von Meinungen, die sich bei vielen anderen Themen zeigt. So kritisieren arbeitssuchende, alleinerziehende Eltern, dass ihnen das Jobcenter oft Stellen mit Schicht- und Wochenenddiensten anbieten würde. Wie soll das gehen? Andere Eltern beklagen sich indes, dass ihnen das Jobcenter nur Arbeitsstellen in einem Bezirk anbietet, in dem sie nicht wohnen. Oder: Einige Eltern fordern mehr Licht und Polizei in Parks, andere gleich eine Legalisierung von weichen Drogen, damit Dealer nicht mehr ihre Kinder ansprechen.

Senatorin Scheeres hat also nicht eben wenig damit versprochen, die Empfehlungen der Eltern zu berücksichtigen. Aber nun schaut sie sich erst mal die turnenden Kinder in der Manege an. Es ist ja wirklich nicht alles schlecht.