Berliner Spaziergang

Auf großer Seelenfahrt

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Rolando Villazón, der jetzt sein Regiedebüt an der Deutschen Oper gibt

Am Bühneneingang der Deutschen Oper warten wir auf Rolando Villazón. Es ist früher Nachmittag, und wenn man sich direkt an die Wand der Oper lehnt, wärmt einen die Sonne. Vielleicht zum ersten Mal in diesem Jahr. Steht man falsch, an einer schattigen Ecke, zieht der Wind kalt. Es ist so ein Tag, an dem man sich morgens fast immer die falsche Jacke angezogen hat. Entweder zu dick oder zu dünn. Um die Zeit, als er erscheinen soll, ruft seine Managerin an, Herr Villazón brauche noch ein bisschen. Das macht eigentlich nichts, wenn da nicht die Befürchtung wäre, dass sich unsere Spaziergangszeit dadurch verkürzt. Denn Rolando Villazón muss zu einer Hörprobe am Potsdamer Platz. Wir begleiten ihn auf seinem Weg dorthin und nehmen natürlich an, dass er dort auch einen zeitlichen Termin hat, den es einzuhalten gilt.

Gut eine halbe Stunde später kommt einer der wohl bekanntesten und beliebtesten Tenöre unserer Zeit eilig durch den schleusenartigen Ausgang. Er erkennt uns gleich, obwohl wir uns nicht kennen. Wartende Journalisten müssen für ihn so etwas wie täglich wiederkehrende Bekannte sein. Er entschuldigt sich höflich, die Probe habe etwas länger gedauert.

Villazón inszeniert gerade Puccinis „La Rondine“ an der Deutschen Oper – heute Abend ist die Premiere. Es ist sein Regiedebüt in Berlin. Dabei ist es bereits seine dritte Inszenierung nach „Werther“ in Lyon und dem „Liebestrank“ in Baden-Baden. Und es folgen in diesem Jahr noch Verdis „La Traviata“ in Baden-Baden und Donizettis „Liebestrank“ in Wien. Längst wird von der Karriere nach der Karriere gesprochen. Dabei singt er mindestens genauso viel. Zum Beispiel Ende April Verdis „Don Carlo“ an der Deutschen Oper oder noch im März den Hoffmann aus „Hoffmanns Erzählungen“ an der Bayerischen Staatsoper.

Er möchte mit der U-Bahn bis zum Potsdamer Platz fahren. Die U2 fährt direkt. Wird er oft in der Öffentlichkeit angesprochen? Er sagt, dass das eigentlich selten passiere. „Die Leute denken, das kann nicht sein, dass der U-Bahn fährt“, erklärt er und freut sich über die Verwirrung, die er stiftet. Am Eingang der Station Deutsche Oper will der Fotograf Reto Klar Fotos machen. Villazón willigt mit einer „Ihr könnt alles machen“-Haltung ein und positioniert sich auf der Treppe.

Es nähert sich eine ältere Frau. Sie sieht ihn und sagt: „Oh, Sie sind es.“ Sie geht weiter, sucht einen Stift für ein Autogramm und findet ihn nicht. Dann springt ein Bauarbeiter aufs Foto. Villazón lacht laut und tief, mindestens baritonmäßig.

Bei den Fotos ist Villazón Profi. Er variiert bei jedem zweiten Bild die Mimik. Der Fotograf sagt: „Super, super!“, und: „Ja“, und: „Ja, genau so.“ Wieder kommen Leute vorbei, schauen ihn an. Und lächeln.

Unvergessen, die Waldbühne 2006

Zu Villazóns legendärsten Auftritten zählt „Das Berlin Konzert“ in der Waldbühne im Jahr 2006. Damals trat er zusammen mit Plácido Domingo und Anna Netrebko auf. Die Sopranistin und der Tenor Villazón waren zu dieser Zeit das Klassik-Traumpaar schlechthin und erhoben ihre Stimmen von Erfolg zu Erfolg. Der Auftritt mit Plácido Domingo war eine Adelung. Dieser hatte bereits Anfang der 90er-Jahre gemeinsam mit den Tenören José Carreras und Luciano Pavarotti die Megamarke „Drei Tenöre“ erfunden und Oper damit zu einem Massen-Pop-Event gewandelt.

In dieser Sommernacht 2006 wurde vielleicht der Grundstein für Villazóns innige Beziehung zu Berlin gelegt. Villazóns Duett mit Netrebko „O soave fanciulla“ aus „La Bohème“ war zauberhaft, der Gesang nah an der Perfektion, ihre Blicke leidenschaftlich, und bei „Dein ist mein ganzes Herz“, gesungen im Trio mit Domingo, war Villazón so geschickt, sich einzureihen. Nicht gesanglich, aber in seiner Präsenz, hinter der Dame und seinem Vorbild Plácido Domingo. Der Applaus wollte an diesem Abend nicht enden.

Er geht die Treppe herunter, vorbei am Fahrkartenautomaten. Ob er denn kein Ticket benötige? „Nein, ich habe eine Monatsfahrkarte.“ Wie, um es zu beweisen, holt er sein Portemonnaie heraus, um das Ticket zu zeigen. Doch was ist das? Seine Geldbörse oder das, was es sein soll, sieht aus wie ein zerschlissenes, gefaltetes Schulheft. „Das ist ein Mighty Wallet, aus Papier und wasserfest“, sagt er selbstbewusst. Was habe ich erwartet? Ein dunkles, sicherlich aus Leder, mit Goldknopf. Vielleicht sogar bedruckt oder mit feinem, japanischem Lack verziert. Jedenfalls nicht dieses Ding, das eher zu einem Biologiestudenten passt als zu einem Opernstar.

In Berlin wohne er in einem Apartment oder in einem Hotel – so wie im Moment, 20 Minuten Fußweg von der Oper entfernt. „Wenn ich Regie mache, dann ist es für mich bequemer. Weil ich von morgens acht bis nachts um ein Uhr arbeite. Da brauche ich den Roomservice.“ Festzuhalten ist: Villazón ist Pragmatiker. Bei seiner Entscheidung für das Hotel ging es ihm offensichtlich nicht um Luxus. Er lacht wieder dieses Gute-Laune-Lachen, das zeigen soll, dass seine Welt in Ordnung ist. Er redet weiter, weil er eigentlich immer redet, wenn man ihn nicht unterbricht: „Ich liebe Berlin, hier fühle ich mich zu Hause, wie ich mich nur in Paris fühle.“ Paris ist seine Wahlheimat, und seit 2007 hat der in Mexiko Geborene auch den französischen Pass. Über die Einladung aus Berlin sei er „sehr glücklich“ gewesen.

Wir stehen unten am Gleis der U2 in Richtung Pankow. In dem Stück „La Rondine“ geht es um Magda, sie steht zwischen zwei Männern. Einem Reichen, den sie nicht liebt, und einem Armen, den sie liebt, aber der ein langweiliges Leben auf dem Land führt. Beide reichen ihr nicht. Sie entscheidet sich am Ende für keinen der beiden. Warum, fragen wir den Regisseur Villazón. „Meine Magda soll sich am Ende für die Freiheit entscheiden, nicht für die Liebe – und sie soll sich auch nicht in ein Leben pressen lassen.“

Wir haben die erste U-Bahn verpasst. Villazón nimmt es gelassen und redet stattdessen weiter: „Auch Puccini wollte eine Frau inszenieren, die frei ist. Auch wenn sie in ihren Augen durch ihre Vergangenheit verunreinigt ist.“

Der Fotograf möchte jetzt noch Fotos auf der Bank am Gleis machen. Die nächste Bahn kommt. Und Villazón sagt: „Es ist okay, wenn wir die nächste nehmen.“ Und weiter im Text: „Magda ist einerseits ein Opfer, aber andererseits auch stark. In dieser Inszenierung steht Magda für den Kampf der Frauen. Sie will Liebe und Romantik, aber auch unabhängig sein.“ Zeitlich spielt die Inszenierung in den 20er-Jahren, denn damals, so Villazón, hätten die Frauen einen ähnlichen Kampf geführt. Einer, der bis heute ausgefochten werde.

Wir verpassen wieder die Bahn. Der Fotograf konnte nicht so schnell seine Ausrüstung zusammenpacken. Villazón ermahnt ihn, dass er aufpassen solle, nicht aufs Gleis zu fallen. Dann widmet er sich wieder der Gleichberechtigung. „Wir leben in einer Männerwelt. Wie viele Dirigentinnen gibt es denn? Sehr wenige.“ Es liege an den Regeln, die von Männern gemacht würden. Aus diesen müsse man ausbrechen. Und eben das müsse das Theater und die Oper schaffen, eine Nähe zu unserem aktuellen Leben herzustellen. Geschichten aus dem Jahr 2015 zu erzählen. Fragen aufzuwerfen beim Publikum.

Diesen Vortrag unterbreche ich. Was schwerer sei, als Sänger oder als Regisseur zu arbeiten? „Als Regisseur macht man die Arbeit vorher. Bei der Premiere ist man nur ein Teil vom Publikum und hofft, dass alles gut geht. Als Sänger hoffst du nicht, da bist du dafür verantwortlich, dass alles gut geht. Egal, was passiert, du musst es ausgleichen. Als Regisseur hat man damit nichts zu tun. Es ist viel leichter.“ Inzwischen haben wir eine Bahn bekommen. Und es ist, als ob alle Leute im Zug ihm zuhören. Ihn anschauen, wie ein seltenes Tier mit dunklen Locken.

In den Studios am Potsdamer Platz will er sich eine Aufnahme von „Die Entführung aus dem Serail“ anhören. Es ist die dritte Mozart-Oper aus einer Reihe von sieben großen Einspielungen, die er aufnehmen wird. Diesen Sommer soll die CD herauskommen.

Ein junges Mädchen, so um die 16, erhebt sich von ihrem Sitz. Wir sind gerade an der Station Bülowstraße. Sie bittet ihn um ein gemeinsames Foto. Er gewährt es ihr, lächelt ins Handy und sie sagt leise: „You made my day.“

2009 erlebte der Startenor Villazón, wie eine Zyste an den Stimmbändern seine Karriere stoppte. „Ich musste lernen, mich zu akzeptieren als das, was ich bin, und für das, was ich kann. Viele Ärzte haben gesagt, dass ich nie mehr werde singen können. Es war also keine leichte Zeit. Aber jetzt habe ich meine Karriere zurück, und ich bin glücklich, da wo ich bin. Mit den besten Leuten an den besten Häusern zu arbeiten, das empfinde ich als ein Geschenk. Und ich gebe immer noch alles.“ Doch alles zu geben, sage ich, kann doch auch bedeuten, alles zu verlieren. Ob er davor keine Angst habe? Villazón schüttelt den Kopf: „Aber das Leben ist gefährlich, man stirbt irgendwann. Und man kann ja nicht stoppen, wer man ist.“ Man müsse rausgehen, sich als Geschenk verstehen. Und immer alles geben. Immer.

Freiheit statt Status

Macht er seit 2009 etwas anders? „Nein, definitiv nicht. Ich hatte ein gesundheitliches Problem. Es hatte nichts damit zu tun, wie ich singe oder wie ich arbeite. Die Zyste war ja genetisch bedingt.“

Wir sind am Potsdamer Platz, er holt sein Telefon heraus, um nach der Adresse zu sehen. Es ist ein altes Blackberry, so wie es aussieht, zerkratzt und abgenutzt, ist es 15 Jahre alt. Er bemerkt meinen schockierten Blick. „Jemand wollte das wegschmeißen, aber ich habe gesagt: Überlass es bitte mir. Ich hatte nur ein altes Nokia, mit dem ich nicht in den USA telefonieren konnte.“ Womit bewiesen wäre, dass Rolando Villazón keinen Wert auf Statusobjekte legt. U-Bahn, Papierportemonnaie, 15 Jahre alter Blackberry. Rolando Villazón ist so frei, nicht den Erwartungen zu entsprechen. Auch wenn ihm die ganze Welt nach der Zyste eine Krise attestierte, lehnt er ab, sich so zu verhalten.

„Schon als Kind war ich immer auf der Straße und wollte Freiheit. Ich habe mir Geschichten ausgedacht, Welten gebaut und Universen erfunden.“ Ich frage noch einmal, ob er nicht ab und zu kürzer treten müsse, sicherer leben? „Wenn man die Regeln befolgt, führt man vielleicht ein sicheres Leben. Aber als Künstler kann man nicht wie ein guter Pfadfinder sein. Ein Künstler muss ein Künstler sein.“

Angekommen, findet er den Weg zum Studio nicht gleich. Er ist ja kein Pfadfinder. Er sagt: „Sie haben jetzt noch mehr Zeit mit mir, weil ich mich immer selbst verliere.“ Er meint eigentlich, weil ich mich immer verlaufe, aber vielleicht ist verlieren auch nicht ganz falsch. Ich biete an, mein Telefon mit einer Navigations-App herauszuholen. Er sucht die Köthener Straße, dann aber möchte er lieber zum Sony Center, weil er von dort aus den Weg kennt. Wir gehen also zum Sony Center.

Sein Ziel sei es, der glücklichste Mensch zu sein. Und das sei er, wenn er zur Deutschen Oper gehe und einen guten Tag mit den Kollegen habe. Oder wenn er als junger Sänger eine gute Probe mit Barenboim und Domingo hatte. Das Schönste sei für ihn, in einem tollen Ensemble zu singen. „Ich fühle dann meinen Körper nicht mehr. Es gibt nur noch Energie. Wenn man so will: nur Seelen, die zusammenkommen – und eine ganz große Seele ergeben.“

Wenn er Hoffmann spiele, einen Dichter, der an seiner Kunst kaputtging, wenn er alle Farben dieser Rolle herausbringe, dann fühle er sich wie in einer Welle. „Ich bin dann in einer anderen Welt. Und das Gefühl dort ist zeitlos. Und das erleben auch die Zuschauer. Das ist der Zauber der Musik. Die Zeitlosigkeit.“

Er schaut sich um und meint, dass ich ihm nicht den richtigen Weg gezeigt habe. Dabei sind wir in der Köthener Straße. Im Erdgeschoss des Studios befindet sich eine „Osteria Caruso“. Passend. Wer ist seiner Meinung nach der größte Tenor? „Ganz klar, für mich Plácido Domingo! Für mich hat er die Welt der Oper verändert, und wir alle folgen heute seinem Weg.“

Unser Weg ist hier jedenfalls zu Ende. Die Zeit ging schnell um. Aber Villazón betont beim Blick auf sein altes Handy: „17 Minuten länger als geplant.“ Er ist schon wieder zu spät.