Terror

14 Stunden der Angst

Zwei Todesopfer, der Attentäter erschossen, und dennoch ist in Kopenhagen keine Panik ausgebrochen. Die Dänen lassen sich nicht terrorisieren, doch alarmiert sind sie schon. Die Neuigkeiten über den Terroranschlag auf eine Veranstaltung in einem Kulturhaus und auf einen Wachmann vor einer Synagoge verbreiten sich rasend schnell. Dennoch sind die Dänen nicht in heller Aufruhr.

Am Sonntag gingen die Ermittlungen weiter, bei einer Razzia in einem Internetcafé nahm die Polizei zwei Verdächtige fest. Ein Sprecher sagte, dies sei Teil der Ermittlungen. „Es gibt viele Fragen, die die Polizei noch beantworten muss“, sagte Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt bereits am Morgen nach den erschütternden Ereignissen und sprach von einem „unendlich traurigen Morgen“. Aber es gebe schon eine Antwort: „Und die lautet, dass wir unsere Demokratie verteidigen werden. Wir wissen nicht, was die Motive für die Attacken waren, aber wir wissen, dass es Kräfte gibt, die unsere Meinungsfreiheit und unseren Glauben an Freiheit zerstören wollen“, sagte die Regierungschefin.

Die jüdische Gemeinde sei ein wichtiger Teil Dänemarks. „Ihr steht nicht allein da“, betonte die Regierungschefin. Kurz nach Mitternacht war vor der Synagoge im Stadtzentrum ein 37-jähriger Jude getötet worden, der wegen einer Bat Mizwa vor dem Gotteshaus Wache hielt.

Die Dänen haben verinnerlicht, was in solchen Situationen immer wieder gefordert wird: Lebt weiter wie bisher! Panik und Angst, die Häuser zu verlassen, bedeuteten einen Sieg der Terroristen. Niemand will das. In einer Kneipe im Stadtteil Nørrebro werden die Anschläge sachlich diskutiert. „Irgendwie haben wir doch alle damit gerechnet, dass das irgendwann einmal passiert. Es ist schlimm, hätte aber viel schlimmer kommen können“, sagt ein Gast.

Noch in der Nacht wird der mutmaßliche Täter gestellt, der zunächst bei einer Veranstaltung über „Kunst, Gotteslästerung und freie Rede“ einen Gast erschossen hatte. Der Zeitung „Ekstra Bladet“ zufolge starb der 55-jährige Filmregisseur Finn Nørgaard. Drei Personenschützer wurden verletzt. Mehr als 40 Schüsse aus einer automatischen Waffe soll er auf das Kulturcafé „Krudttønden“ (Pulverfass) abgefeuert haben, in dem die Veranstaltung abgehalten wurde – mit dem schwedischen Künstler und Mohammed-Karikaturisten Lars Vilks, 68, sowie dem französischen Botschafter François Zimeray als Ehrengäste, die beide unverletzt blieben.

„Ich bin mit dem Fahrrad angekommen, also auf dänische Art, und bin in einem gepanzerten Fahrzeug wieder abgefahren“, berichtete Zimeray der Pariser Zeitung „Le Monde“. Die Schüsse fielen, kurz nachdem Zimeray als Ehrengast gesprochen und die ukrainische Femen-Aktivistin Inna Schewtschenko das Wort ergriffen hatte. Zimeray spielte den Journalisten eine Tonaufnahme vor: 40 bis 50 Schüsse aus einer automatischen Waffe sind zu hören. Sie dauern gut 20 Sekunden, eine gefühlte Ewigkeit. „Als sie sprach, haben wir plötzlich einen großen Lärm gehört“, berichtete Zimeray der Zeitung „Le Journal du Dimanche“. „Ich habe mir gesagt, dass ein Schrank umgekippt ist oder es sich um einen Knallkörper handelt. Aber nein. Das waren wirklich aufeinanderfolgende Schüsse. Das konnte doch nicht wieder losgehen wie in Paris! Doch in wenigen Sekunden war mir klar, dass wir dasselbe erleben wie bei ‚Charlie Hebdo‘.“ Die Polizei konnte den mutmaßlichen Attentäter inzwischen identifizieren. Er sei ein 22-Jähriger, der in Dänemark geboren und bereits wegen Gewaltdelikten, bandenmäßigen Aktivitäten und Waffenbesitzes aufgefallen sei, gab die Polizei am Sonntag bekannt. Sein Name: Omar Abdel Hamid al-Hussein. Der Geheimdienst PET habe ihn bereits beobachtet, der Anschlag gegen das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris könnte den Attentäter inspiriert haben, hlaubt PET. Nichts deute bislang aber darauf hin, dass der Mann einen Komplizen hatte oder er sich als Dschihadist in Syrien oder im Irak aufgehalten habe. Die Ermittler fanden eine Waffe, die die Tatwaffe sein könnte.

Der Täter war nach seinem Angriff auf das Kulturcafé zunächst in einem dunklen VW Polo geflüchtet, der später gefunden wurde. Er setzte seine Flucht in einem Taxi fort und ließ sich zu seiner Wohnung fahren. Der Taxifahrer gab den Ermittlern den entscheidenden Tipp. Als die Beamten den Verdächtigen am frühen Sonntagmorgen vor dem Haus ansprachen, habe der Mann das Feuer eröffnet, berichtete die Polizei. Daraufhin hätten die Beamten zurückgeschossen und den Angreifer getötet.

„Die ganze Zeit davor gewarnt“

Der Fahndungserfolg setzte schnell ein, kaum 14 Stunden nach der ersten Tat – aber nicht schnell genug für einen 37-jährigen Wachmann vor der Synagoge in der Krystalgade. Warum der Täter einen zweiten tödlichen Anschlag verüben konnte, obwohl es viel Material aus Überwachungskameras gab und die Adresse des Mannes bekannt war, gehört zu den offenen Fragen. Die Juden in Dänemark teilen die Gelassenheit ihrer Mitbürger nicht. „Ich bin schockiert. Alle sind schockiert“, sagte der Vorsitzende der Gemeinde, Dan Rosenberg Asmussen, dem dänischen Fernsehen. „Das ist das, was wir immer befürchtet haben. Und das, wovor wir die ganze Zeit gewarnt haben.“ Es sei dem Angreifer nicht gelungen, in das Gebäude vorzudringen, wo etwa 80 Menschen versammelt waren. Laut Asmussen hatte die jüdische Gemeinde die Sicherheitsvorkehrungen nach den Terroranschlägen in Paris Anfang Januar verstärkt. Unter den Verletzten sind auch mehrere Polizisten.

Der dänische Zeichner Kurt Westergaard, 79, ist ebenfalls schockiert. „Mein erstes Gefühl war: Ich wurde sehr wütend.“ Die Mohammed-Karikaturen, die er 2005 für die Zeitung „Jyllands-Posten“ zeichnete, lösten Proteste in der islamischen Welt aus. Mehrfach waren Westergaard und die Zeitung Ziel von Anschlägen. Er fühle sich seit dem Anschlag in Paris mehr bedroht, sagte er. Den schwedischen Karikaturisten Lars Vilks, dem die Schüsse in Kopenhagen galten, habe er mehrfach getroffen. „Er ist ein sehr scharfer Karikaturist, und man kann ihn auch nicht stoppen.“