Berliner Spaziergang

Die Kunst des Zuhörens

| Lesedauer: 13 Minuten
Alexander Kohnen

Später wird er sagen, dass es auch wehtut. Da hineinzulaufen und zu merken: Das ist kein Krankenhaus mehr.

Doch das sieht man ihm am Anfang gar nicht an. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, steht in der Birkenstraße vor dem ehemaligen Krankenhaus Moabit und sagt, man dürfe sich ruhig die Hände schütteln, trotz Grippewelle: „Nur danach bloß nicht sofort ins Gesicht fassen.“ Er habe seine jährliche Erkältung übrigens schon hinter sich. Es ist kalt an diesem Freitagmorgen Mitte Februar, die Sonne wird erst später scheinen. Jonitz ist ein bisschen unvorsichtig, er trägt zwar einen Hut, aber keinen Schal. Den würde er immer verlieren, sagt er. Dann also lieber ein bisschen frieren.

Jonitz zeigt auf die Galerie gegenüber. „Früher war da eine richtige Eckkneipe drin“, sagt er. Manchmal habe er da nach der Nachtschicht für alle noch Bier geholt. Sonst habe sich nicht viel geändert, sagt er. „Der Wedding boomt wie blöd, aber Moabit ist im Tiefschlaf.“ Er sei damals durch Zufall in diesen Kiez gekommen. 1979 kam er nach zwei Jahren an der Universität Bochum nach Berlin. 1981 fand er mit seiner damaligen Freundin eine Wohnung in Moabit – und bewarb sich im Krankenhaus. Das Proletarische hat ihm gefallen. Alle sprachen Klartext, das kannte er noch nicht. „Ich habe mich hier sehr wohlgefühlt“, sagt Jonitz, geboren 1958 in München, aufgewachsen in der schwäbischen Provinz. Oft traf er auf den Straßen Patienten. Die haben ihn dann freudig begrüßt: „Hey Doktorchen, was machst du denn hier?“

Die vertriebenen Ärzte

Im ersten Gebäude des ehemaligen Krankenhauses ist heute ein Hospiz untergebracht. „Das ist der Ort meiner chirurgischen Ausbildung“, sagt er. Das Krankenhaus Moabit sei immer ein Ort für Querdenker und Individualisten gewesen. An der Wand hängt noch immer eine Gedenktafel für die jüdischen Ärzte, die hier arbeiteten und von den Nationalsozialisten vertrieben wurden. Viele von ihnen seien führend auf ihrem Gebiet gewesen, etwa der Neurologe Kurt Goldstein oder der Internist Georg Klemperer. Die Männer sind für Jonitz Vorbilder gewesen. Das erklärt er so: „Der arische Arzt herrscht über die Krankheit – der jüdische Arzt dient dem kranken Menschen.“

Und zu dieser Ehre des Dienens gehöre auch das Zuhören, das Kümmern. Die „seelische Durchdringung“, wie Jonitz sagt. Am Krankenhaus Moabit habe es zum Beispiel eine der ersten Alkoholikerberatungen des Kaiserreichs gegeben.

Jonitz geht aus dem Backsteingebäude hinaus – vorbei an der früheren Bettenburg –, in dem heute das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) untergebracht ist. 1999 wurde das Krankenhaus Moabit geschlossen. „Nach 15 Jahren Kampf“, wie Jonitz sagt. Er kann es immer noch nicht verstehen. „Hier wurde höchste Medizin zu niedrigsten Preisen geliefert.“ Es habe für die Schließung keine medizinischen Gründe gegeben. Nur ideologische, sagt er. „Es tut weh, hier durchzugehen.“

„Politik hat den Beruf schwer gemacht.“ Solche Erlebnisse hätten ihn darin bestärkt, sich in der Ärztekammer zu engagieren. Immerhin tue sich jetzt etwas an diesem Ort, sagt Jonitz. Nach der Schließung hätten mehrere Jahre zwei Drittel der Gebäude leer gestanden. Das sei Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) zu verdanken. „Jetzt blüht das Gelände wieder auf.“

Czaja sei „mit Abstand der beste Gesundheitssenator, den ich erlebt habe“, sagt Jonitz. Der Grund: Czaja höre zu. „Er will, dass das System funktioniert.“ Er treffe Entscheidungen im Sinne der Patienten – und nicht ideologisch. Und er sei Mensch geblieben, kein abgehobener Typ.

Jonitz geht zwischen den alten Backstein-Pavillons hindurch, steht jetzt zwischen Birken. Das Krankenhaus Moabit legte Wert auf Grünanlagen, auch auf bildende Kunst. Wie beim Zuhören geht es für Jonitz hier um die Menschlichkeit in Krankenhäusern. „Nichts ist schlimmer als das Gefühl: Ich bin in einer Fabrik untergebracht“, sagt er. Jonitz begreift den Prozess der Genesung auch so: Wenn es dem Geist gut geht, kann sich auch der Körper wieder erholen.

Doch Jonitz, und das macht ein Gespräch mit ihm anregend, interessiert sich nicht nur für sein Fachgebiet. Man kann sich mit ihm auch über Literatur unterhalten. Arthur Schnitzler, den schreibenden Arzt aus Wien, kennt er nicht so gut. Doch er hört gern, was sein Gegenüber über Schnitzler zu sagen hat. Jonitz mag vor allem Michail Bulgakows „Arztgeschichten“. Die handeln davon, wie ein junger Arzt in die russische Provinz geschickt wird und dort alle Krankheiten behandeln muss. Und da fällt ihm ein, wie er einmal bei so einem Wetter wie heute eine Gruppe Ärzte aus Nowosibirsk über das Krankenhausgelände geführt hat. Den Russen war kalt. In Sibirien waren sie zwar minus 30 Grad gewöhnt. Aber dort ist die Kälte trocken. Und die Sonne scheint.

Jonitz zeigt auf ein Gebäude, früher die Notaufnahme. Dort übergab er seiner Frau Britta, die auch Ärztin ist und die er hier kennenlernte, an den Wochenenden den gemeinsamen Sohn. Der hat also hautnah mitbekommen, wie es ist, Arzt zu sein. Und möchte nun auch Medizin studieren, trotz der Nachtschichten. Der Vater hat ihm weder dazu geraten, noch vom Gegenteil überzeugen wollen. Er habe ihm nur gesagt: „Es ist völlig wurscht, was du machst, Hauptsache, du wirst glücklich.“ Wenn man einen Beruf habe, wo man morgens aufstehe und stöhne, mache man was falsch, sagt er.

Jonitz selber hat seine Berufswahl nie bereut. „Sich kümmern um Menschen im Krankenhaus ist eines der schönsten Dinge, die man machen kann“, sagt er. Diese Arbeit vermisst er jeden Tag. Warum ist er dann überhaupt weggegangen? Die Antwort kommt sofort: „Da halte ich es mit Rudolf Virchow: Politik ist Medizin im Großen.“ Er wollte dazu beitragen, dass seine Kollegen in Ruhe ihre Arbeit machen könnten. Das sei sein Antrieb. Doch Politik sei enorm zäh, sagt er. „Es ist, als würde man den ganzen Tag gegen eine Gummiwand rennen.“

Langsam kommt die Sonne raus. Jonitz hat das Gelände des ehemaligen Krankenhauses verlassen, geht jetzt auf der Turmstraße, biegt ab in die Jonasstraße. In der Arminiusstraße steht die alte Markthalle. Hier ist es schön warm. Jonitz geht nur selten zum ehemaligen Krankenhaus, aber immer wieder gern in die Markthalle. Die Currywurst bei den „Drei Damen vom Grill“ mochte auch Bundespräsident Roman Herzog. „Ich komme hierher, wenn ich von der Politik mal so richtig die Nase voll habe“, sagt Jonitz. Isst dann Currywurst mit Pommes, beobachtet die einfachen Leute, für die er ja etwas erreichen möchte. „Durchgehen, auftanken, orientieren“, das mache er hier. Und nebenbei noch ein paar Einkäufe erledigen.

In der Bremer Straße kommt Jonitz am Friseursalon Marianne Graff vorbei. Das Haus ist rosa angestrichen. „Von diesem Friseursalon hatte ich in einem Hochglanzmagazin für Frauen gelesen“, erinnert er sich. Er sei in den Achtzigern dann ein paar Jahre hier Stammkunde gewesen. „Toll, dass es den Laden noch gibt.“ Jonitz ist ein durchaus eitler Mann, das sagt schon die randlose Brille. Aber mit individuellem Stil, das sagt schon das hellrote Cordsakko.

Sprungbrett ins Jenseits

Auf dem Weg durch den Ottopark und die Bochumer Straße entlang geht es dann aber wieder um Politik. „Wir haben ein autoritär gesteuertes System“, sagt Jonitz. Top down – von oben befiehlt die Politik, was unten die Ärzte machen sollen. „So wirst du sehr kreativ in Ausweichstrategien. Wir müssen hin zu einem lernenden System, das sich am kranken Menschen orientiert.“

Er könne es keinem Abgeordneten übel nehmen, wenn er um die Gesundheitspolitik einen großen Bogen mache. „Das Gesundheitsministerium ist immer ein Sprungbrett ins Jenseits“, sagt er. Nur Horst Seehofer (CSU) und Ulla Schmidt (SPD) hätten es überlebt. Er sei nun Ministerpräsident von Bayern, sie Bundestagsvizepräsidentin. Er würde sich freuen, wenn sich mehr Politiker mit Medizin beschäftigen würden: „Wenn man es richtig angeht, kann man was bewegen.“

Das größte Problem sieht Jonitz in der Fallpauschale. „Wer eine Leistung pauschal bezahlt, bekommt auch eine pauschale Leistung“, sagt er. So würde Menge belohnt, nicht Qualität. Das sei ein „perverses Vergütungssystem“. Überall würde doch Leistung bezahlt. Ein Auto für 50.000 Euro sei nun mal in der Regel besser als eines für 5.000 Euro.

Jonitz ist jetzt seit 1999 Präsident der Ärztekammer Berlin. Also seit 16 Jahren. Und er wurde vor Kurzem wiedergewählt, für weitere vier Jahre. Er sagt, dass es ihm immer noch Spaß mache. Und er will den Job so lange machen, wie er bei den Wählern akzeptiert ist – also bei den Ärzten in Berlin: „Solange die wollen, dass ich weitermache, mache ich weiter.“

Am Bundesratufer zeigt Jonitz auf das Haus mit der Nummer 12. „Hier habe ich fünf Jahre meines Lebens verbracht, sehr glückliche Jahre“, sagt er. Die Wohnung war im Hinterhaus, dritter Stock. Wenn er aus dem Haus trat, sah er direkt auf die Spree. Hier gefällt es ihm immer noch, so ruhig, so grün, morgens wurde er vom Geschrei der Möwen geweckt. Und der Weg zur Arbeit war kurz, nur fünf Minuten brauchte er mit dem Motorrad zum Krankenhaus. Heute wohnt er in Groß Glienicke, für den Weg zur Arbeit braucht er 45 Minuten. Die Zeit nutzt er morgens für eine Frühzigarre, wie er das nennt, er hört Radio, Nachrichten oder Musik, erledigt Telefonate.

Jonitz freut sich jetzt so, an der Spree zu stehen, dass er sogar davon spricht, dass er sich vorstellen könnte, wieder hier zu wohnen. Dann am liebsten im Vorderhaus, mit Blick auf die Spree. Diese Ecke hier gehört für ihn zu den schönsten Gegenden von Berlin. Er führt auch gern Freunde hier herum, die auf Besuch sind, in diesem Berlin, „das nicht im Reiseführer steht“. Er macht ein schnelles Foto mit dem Handy.

Und dann, als er am Innenministerium vorbeigeht, fällt ihm ein, wie er von hier aus im Dezember 1989 mit seinem Kletterhammer im Gepäck mit dem Fahrrad zur Mauer fuhr und sich ein paar Stücke rausgehauen hat. Und zwischendurch noch Menschen versorgte, die von der Mauer gesprungen waren und sich dabei das Fersenbein gebrochen hatten. Das kann sehr schmerzhaft sein, und die Heilung kann lange dauern.

Das Klettern hat er schon lange aufgegeben. Da er es in der Schwäbischen Alb gelernt hatte, war der Teufelsberg keine Herausforderung mehr für ihn. Sportlich reizen würde ihn allerdings der Marathon in Berlin.

Der Spaziergang endet in der Bartningallee, in der Konditorei Buchwald. Ein paar Häuser weiter hat Jonitz auch mal gewohnt, von hier hatte er es nicht mehr weit zum Tiergarten. Im Café bestellt er Käsekuchen und Kaffee und lacht und sagt, hier sehe es aus wie in Omas Wohnzimmer. Die beigefarbene Tapete, die altertümliche Einrichtung, der leckere Kuchen, der warme Kaffee, all das rundet seinen Spaziergang durch sein altes Viertel ab.

Ein Spaziergang durch die eigene Vergangenheit kann Menschen in eine seltsame Stimmung versetzen. Das war bei Günther Jonitz ein bisschen so, als er davon sprach, dass das Krankenhaus Moabit geschlossen wurde. Doch beim Spaziergang durch seinen alten Kiez und in der Konditorei liegt keine Melancholie in seinen Worten. Er trauert der Zeit nicht hinterher wie manche Menschen, die von früher erzählen. Bei ihm spürt man eher so etwas wie Dankbarkeit für das, was er erleben durfte.