Griechenland

Kleider der Macht – eine Stilkritik

Das Unterhaltsame an einer populistischen Regierung ist, dass sie die Symbolpolitik über die Realpolitik stellt und dabei Pointen wichtiger nimmt als politischen Erfolg.

Würde das Bruttosozialprodukt der Ökonomie der Aufmerksamkeit folgen, wären die Griechen aus dem Gröbsten raus. Premier Alexis Tsipras und Finanzminister Janis Varoufakis spielen auf der europäischen Bühne (westlich von Kiew) ihre Hauptrollen macht- und stilbewusst. Wie kaum eine Regierung zuvor nutzen sie Kleidercodes, um Haltung und Befindlichkeit zu artikulieren. Ein paar Altlinke fühlen sich an die Grünen erinnert, doch die waren, langhaarig und vollbärtig, eine kleine Oppositionspartei und eben nicht an die Schaltstellen der labilsten Republik Europas gewählt worden. Die beiden griechischen Leitfiguren einer links-rechtsradikalen Regierung in Athen brechen mit den Uniformen der Macht und unterlaufen Konformitätsbedürfnisse etablierter Regierungschefs.

Tsipras lehnt lediglich ab, die Krawatte zu tragen, solange das Land krisengeschüttelt sei. Der Finanzminister ist da aus anderem Holz geschnitzt. Er bedient mit Lederjacke, rasiertem Schädel und heraushängendem Hemd, zum Beispiel vor Downing Street Number 10, die auch in Vorabendserien bekannten Klischees vom Furcht einflößenden Rebellen. Die Unreife dieser Pointe passt zur Hilfsbedürftigkeit der beiden, die mit einem Überschuss an Virilität überspielt werden soll. Niemand sieht weniger wie ein Bittsteller aus als Varoufakis, umso entspannter darf er das wohl sein. Für seine Wähler wahrt er das heroische Gesicht. So bleibt er ein Maverick, der nicht Teil jenes Europas wird, durch den sich die Griechen bedroht oder verarmt sehen. Robin Hood hatte schließlich auch keinen Dreiteiler oder Zweireiher.

Die Amateure der Macht nutzen die naheliegenden Oberflächen der Repräsentation, um ihre Anliegen zu kommunizieren. Mit der Abschaffung der Dienstwagen und Flüge in der Economy Class setzen sie ein mutiges Bekenntnis zur Austerität. Es muss weiter gespart werden, auch bei den ersten Repräsentanten des Staates. Der britische „Guardian“, bestes linksliberales Organ der Welt, spottet, Varoufakis laufe herum wie ein Drogendealer in Manchester Anfang der 90er-Jahre. Doch auch die Autorin kann sich der Faszination nicht entziehen. Kluge konservative Frauen schwärmen heimlich von dem „incredible Hulk oeconomicus“, einer Mischung aus Intellektuellem und Marvel-Helden. Der Finanzminister, mit einer Künstlerin verheiratet, hat Humor: Auf Twitter postet er einen Vergleich seines Porträts mit dem von Lord Voldemort, dem düstersten und schrecklichsten Magier, den „Harry Potter“ zu bieten hat.

In der Sache sind Tsipras und sein machistischer Sidekick keinen Schritt weitergekommen. Ihre Europa-Tour brachte ihnen jenen Realitycheck, der ihren Kostümen der Macht noch bevor steht. Es ist Zeit, erwachsen zu werden.