Terror

Die Renaissance von al-Qaida

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Ulrich Kraetzer

Terror: Nach den Anschlägen von Paris wird über die Arbeit der Geheimdienste diskutiert. Die Nachrichtenlage aus Syrien ist unübersichtlich

Die Anschläge auf die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris haben die Debatte über den islamistischen Terrorismus neu entfacht. Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg ist einer der renommiertesten Experten auf dem Gebiet. Bei der Stiftung Wissenschaft und Politik forscht er zu internationalen Terrorgruppen. Die deutsche Dschihadistenszene kennt er als Gutachter in Terrorprozessen. Er veröffentlichte das Buch „Al-Qaidas deutsche Kämpfer“. Anfang März erscheint die Abhandlung „Kalifat des Schreckens“ über die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Mit der Berliner Morgenpost sprach Steinberg über die unterschätzte Gefahr durch al-Qaida und Defizite deutscher Sicherheitsbehörden.

Berliner Morgenpost:

Haben die Anschläge auf „Charlie Hebdo“ Sie überrascht?

Guido Steinberg:

Es war seit Jahren klar, dass „Charlie Hebdo“ ein wichtiges Ziel ist, und es war bekannt, dass viele französische Dschihadisten einen Anschlag in Frankreich verüben wollen. Das Überraschende ist, dass der Anschlag der Kouachi-Brüder, nach allem was wir bisher wissen, auf das Konto von al-Qaida geht.

Ganz sicher ist das aber noch nicht, oder?

Die Anzeichen sprechen aber dafür, dass die jemenitische al-Qaida dabei eine sehr wichtige Rolle gespielt hat. Einer der Kouachi-Brüder ist 2011 mehrere Monate im Jemen trainiert worden. Der andere war zu gleicher Zeit in Oman, sodass man davon ausgehen muss, dass er es auch in den Jemen geschafft hat. Beide haben sich zweimal während des Anschlags zu al-Qaida im Jemen bekannt und die Organisation selbst hat danach die Verantwortung übernommen. Al-Qaida im Jemen hat zudem mehrfach deutlich gemacht, dass sie diesen Anschlag auf „Charlie Hebdo“ will, unter anderem durch die Veröffentlichung einer Art Steckbrief des Chefredakteurs von „Charlie Hebdo“. Ich glaube, dass die Attentäter einen gewissen Entscheidungsspielraum hatten, aber dass die Anweisung für den Anschlag aus jedem Fall aus dem Jemen kam.

Zuletzt war eher die Gefahr durch die Terrormiliz Islamischer Staat Thema.

Der IS konzentriert sich im Augenblick noch auf den Aufbau seines Quasistaates im Irak und in Syrien und hat klargemacht, dass er für Anschläge in Europa keine Ressourcen aufwenden will. Die Organisation hat nur diejenigen, die es nicht nach Syrien schaffen, zu Attentaten aufgerufen. Und zwar zu kleineren Anschlägen, ganz im Rahmen der Möglichkeiten des Einzeltäters oder einer kleinen Gruppe. Al-Qaida hat dagegen geduldig einen größeren und sehr aufsehenerregenden Anschlag geplant – das Ergebnis war in Paris zu sehen.

Wie stark ist die Al-Qaida-Filiale im Jemen?

Sie ist stark. Die Zahl der Kämpfer liegt im vierstelligen Bereich, die meisten von ihnen sind Jemeniten, gefolgt von Saudi-Arabern. Sie profitiert vor allem von der Schwäche des jemenitischen Staates, in dem es faktisch keine Regierung mehr gibt. Dadurch kann al-Qaida im Jemen zwar nicht völlig ungestört, aber doch recht erfolgreich agieren. Es kommt dazu, dass die Drohnenschläge der USA im Jemen nicht sehr erfolgreich sind.

Wer ist gefährlicher: IS oder al-Qaida im Jemen?

Al-Qaida im Jemen und al-Qaida in Pakistan sind zusammen genommen gefährlicher. Sie haben den Willen, das Know-how, die Rekruten und die strategische Geduld für Anschläge im Westen. Die größte Gefahr geht aber von einer AlQaida-Gruppe in Syrien aus, die die USA als Khorasan-Gruppe bezeichnet …

… das ist in der Sprache der Dschihadisten die Bezeichnung für Afghanistan.

Tatsächlich sind die Anhänger der Gruppe den Informationen zufolge aus Afghanistan, Pakistan und Iran nach Syrien gekommen. Teilweise sind es Al-Qaida-Funktionäre, die schon länger aktiv sind. In Syrien arbeiten sie mit der Nusra-Front zusammen, aber letzten Endes ist es al-Qaida. Das Gefährliche an dieser Gruppe ist erstens, dass sie von der alten Kern-Al-Qaida in Pakistan die Entschlossenheit übernommen hat, Anschläge im Westen zu verüben. Zweitens hat sie von der jemenitischen al-Qaida das Know-how für Sprengstoffanschläge. Drittens hat sie Europäer, die in ihre Heimatländer zurückreisen können. Es gab Hinweise, dass diese Europäer Sprengstoff an Bord von Transatlantikflügen bringen sollten.

Was bedeutet das für Deutschland?

Mir ist nicht bekannt, ob die Khorasan-Gruppe auch deutsche Dschihadisten rekrutieren konnte. Wenn es um den Luftverkehr geht, ist das aber auch nicht so wichtig. Ob Sprengstoff in einem Flugzeug explodiert, das von Paris nach Washington fliegt oder von Frankfurt aus, ist kaum relevant. Letztlich sind die Opfer international. Es wäre also ein Angriff auf ganz Westeuropa und die Amerikaner.

Wie wahrscheinlich ist dieses Szenario?

Als diese Pläne bekannt geworden sind, war die Gruppe im September und noch einmal im November Ziel amerikanischer Luftschläge. Wie viele Anhänger der Khorasan-Gruppe dabei getötet wurden, ist allerdings unklar.

Aus welchem Grund sollte diese Gruppe Anschläge verüben?

Sie gehört zu al-Qaida, und an deren Ausrichtung hat sich nichts geändert. Die Organisation verübt Anschläge auf die Amerikaner und den Westen, um deren Rückzug aus der gesamten arabischen und islamischen Welt zu erzwingen, weil sie danach dort wieder eine wichtige Rolle spielen, ja sogar die Macht übernehmen will. Hinzu kommt der interne Konkurrenzkampf mit dem IS. Al-Qaida will zeigen, dass sie relevant ist, obwohl sie keinen Kalifen an ihrer Spitze hat.

Für wie stark halten Sie die dschihadistische Szene in Berlin?

Berlin ist schon seit Jahren einer der Schwerpunkte dschihadistischer Aktivität in Deutschland. Das sieht man auch an der hohen Zahl von Ausreisen. Als ab 2009 Dschihadisten Richtung Pakistan zogen, waren viele Berliner darunter. Das ist bei Syrien genauso. Aus Berlin kommen auch sehr prominente Akteure, etwa Denis Cuspert, der sich früher als Gangster-Rapper versuchte und nach seiner Radikalisierung und seiner Ausreise nach Syrien eine wichtige Propagandafigur des IS geworden ist.

Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, sagte kürzlich, dass der Verfassungsschutz oft erst von ausländischen Diensten erfährt, wenn Dschihadisten aus Deutschland in Syrien sind. Haben unsere Dienste einen ausreichend guten Überblick?

Schon bei den Ausreisen von Dschihadisten nach Pakistan hat sich gezeigt, dass unsere Behörden, sobald die Deutschen in der arabischen oder islamischen Welt sind, massiv von den Staaten dort abhängig sind, vor allem aber von den Amerikanern. Ob in Tschetschenien, Pakistan, Somalia, in Mali oder in Syrien – die Amerikaner sind die Einzigen, die herausfinden können, wer dort was macht. Daran hat sich nichts geändert.

Und hier in Deutschland?

Die Polizei weist ja selbst immer wieder darauf hin, dass ihr Observationsteams und moderne Technik zur Überwachung fehlen. Unsere Nachrichtendienste betrifft das noch viel mehr. Nach meiner Einschätzung tragen sie nur wenig dazu bei, dass sich die Sicherheitslage beruhigt. Der Verfassungsschutz versucht vor allem, Strukturen zu erkennen. Er ist aber kaum dafür ausgestattet, zu erkennen, welches Individuum eine Gefahr darstellt. Gerade diese zielgerichtete Arbeit braucht man für die Terrorismusbekämpfung aber. Die Politik hat die ohnehin schwachen Nachrichtendienste nach 2001 zugunsten der Polizei vernachlässigt. Sie werden bewusst klein gehalten.

Müssen wir im Kampf gegen Terror unsere Freiheitsrechte opfern?

Unsere Sicherheitsbehörden sind weit davon entfernt, die Freiheit der Bürger zu beschneiden, gerade auch im Vergleich mit Frankreich. Dort darf der Inlandsnachrichtendienst sogar Hausdurchsuchungen durchführen. So weit müssen wir nicht gehen. Und natürlich bräuchten wir, wenn wir den Diensten gestatteten, etwas aggressiver vorzugehen, eine bessere Kontrolle. Die Pannenserie beim Nationalsozialistischen Untergrund hat ja gezeigt, dass weder die Ministerien ihre Behörden richtig kontrolliert haben noch die parlamentarischen Kontrollgremien.

Mehr Geld, mehr Personal, mehr Technik?

Ja, man braucht mehr Personal für Observationsteams und bessere Technik. Insgesamt ist Sicherheit teuer, das haben wir in den letzten Jahren oft übersehen. Dass diese Maßnahmen aber immer mehr Geld kosten müssen, glaube ich nicht. Der Verfassungsschutz macht doch vieles, was nicht notwendig ist. Er beobachtet Gruppen wie die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs oder die syrische oder ägyptische Muslimbruderschaft, die mit Gewalt aber nichts zu tun haben und von denen keine Gefahr ausgeht. Die Behörden müssen sich mehr auf Gruppen konzentrieren, die tatsächlich Gewalt ausüben wollen und ihre Ressourcen gezielter einsetzen. Mein Eindruck ist, dass viele in den Sicherheitsbehörden nicht einschätzen können, wer wirklich gefährlich ist und wer nicht.