Leitartikel

Verbrecher und Mitmacher

Torsten Krauel über Gaucks Rede und das Erbe des Holocaust

Joachim Gauck und Angela Merkel haben zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz umrissen, was das für das Leben und die Zukunft der Bundesrepublik bedeutet. Sie haben umrissen, dass unser Aufbauerfolg ebenso wie der allmähliche Mut, der Wahrheit über die breite Beteiligung an den NS-Verbrechen ins Auge zu sehen, nicht der Schlussstrich unter die Verbrechen ist. Gaucks zentraler Satz lautete: „Und mag der Holocaust auch nicht mehr für alle Bürger zu den Kernelementen deutscher Identität zählen, so gilt doch weiterhin: Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz.“ Dann fügte er die Frage hinzu: „Sind wir denn bereit und fähig zur Prävention, damit es gar nicht erst zu Massenmorden kommt?“ Merkel sagte, es gehe darum, „jegliche Stimmungsmache auf Kosten bestimmter Gruppen zu bekämpfen – ganz gleich, von welcher Seite sie kommt.“ Dahinter steht eine Auffassung, die noch keineswegs selbstverständlich ist.

Manche Weltanschauungen, manche politischen Gruppen tragen von Anfang an den Keim des Verbrechens in sich – auch dann, wenn sie scheinbar das Richtige wollen; auch dann, wenn sie das Resultat vorangegangenen Unrechts sind. Es gibt keine Entschuldigung für Hetze, es gibt keine Entschuldigung für den Satz, man habe sich in seiner Empörung oder Begeisterung eben nicht vorstellen können, wohin das alles führe. Mit Blick auf Auschwitz hat sich in der Justiz endlich die Auffassung durchgesetzt, dass jede KZ-Tätigkeit, nicht nur diejenige der Befehlsgeber, schuldbehaftet war. Genauso sollte sich nun die Auffassung durchsetzen, dass es eben nicht entschlossene Führer und verführte, unschuldige Mitläufer gibt, sondern dass jede Diktatur auf Mitmacher angewiesen ist, um überhaupt zu funktionieren – und dass das jeder weiß, der mitmacht.

„Mein Kampf“ war eine klare Absage an die Menschlichkeit. Die NSDAP war verbrecherisch von Anfang an. Wer nur die patriotischen Parolen hören wollte und nicht die antisemitischen, der war im Lichte heutiger Erfahrung Mittäter. Das gilt genauso für die SED mit ihrem Mix aus antifaschistischen und antihumanen Auffassungen, und es gilt für den Islamismus mit seinem Mix aus Sozialpolitik und Auslöschungswahn. Es kommt nicht auf das Richtige an, das solche Gruppierungen durchsetzen wollen. Diese Ausflucht der Mitmacher hat ihre Gültigkeit verloren. Es kommt darauf an, welchen Preis die Gruppierungen dafür verlangen und was sie außerdem noch durchsetzen wollen. Niemand soll hinnehmen, dass Rettung nur um den Preis von Verbrechen möglich sei. Es gibt immer einen anderen Weg als den, Menschen zu hassen, zu verfolgen und umzubringen.