Missbrauch

Sexuelle Gewalt und Prävention

Die Statistik listet die Zahl der Taten auf. Doch es gibt ein großes Dunkelfeld

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Personen wurden im Erzbistum Berlin bis zum 31. Dezember 2014 des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen und erwachsenen Schutzbefohlenen beschuldigt. Darunter sind Kleriker, vom Erzbischof beauftragte Ordensangehörige sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst. Insgesamt gehen die Vorwürfe bis auf das Jahr 1947 zurück, die Beschuldigten sind zum Teil verstorben. Im Jahr 2014 wurden drei neue Vorwürfe erhoben. Seit dem Jahr 2002 werden Verdachtsfälle des sexuellen Missbrauchs systematisch erfasst. In fünf Fällen läuft derzeit ein staatliches bzw. kirchliches Ermittlungsverfahren, im Vorjahr waren es sieben Fälle gewesen. Drei Verfahren wurden im Jahr 2014 abgeschlossen, ein neues aufgenommen.

5000

Euro beträgt die maximale Summe, die die katholische Kirche Opfern von sexueller Gewalt auszahlt. Betroffenenvertreter wie Matthias Katsch vom Eckigen Tisch fordern als Mindestsumme 15.000 bis 25.000 Euro. Der Eckige Tisch verweist auf das europäische Ausland. In Irland und in den Niederlanden seien durchschnittlich 60.000 Euro gezahlt worden, in Österreich zwischen 15.000 und 25.000 Euro. Zweiter Anhaltspunkt seien Summen, die an deutschen Gerichten als Schadensersatz in anderen Fällen festgelegt wurden. „Für psychische Erkrankungen wurden damals im Mittel 80.000 Euro veranschlagt.“

1500

Anträge auf Leistungen „in Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde“, sind inzwischen in ganz Deutschland gestellt worden, so die Deutsche Bischofskonferenz. 95 Prozent seien positiv beschieden worden. In Berlin wurden 17 solche Anträge gestellt, davon wurden 16 bereits bewilligt. Insgesamt wurden 77.000 Euro ausgezahlt. Die Erstattungssumme für psychotherapeutische Leistungen betrug 13.099 Euro.

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Jahr soll es noch dauern, bis die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch in Deutschland ihre Arbeit aufnehmen kann. Angesiedelt wird die Kommission im Familienministerium, wo auch der Beauftragte Johannes-Wilhelm Rörig arbeitet. Er hat bereits einen Entwurf für die Kommission vorgelegt. Am kommenden Freitag soll der Bundestag die Kommission beschließen, in der Vertreter von Betroffenen, Institution, Experten und Wissenschaft sitzen werden. Sie sollen zunächst die Opfer anhören und dann Ausmaß und Folgen des Missbrauchs untersuchen. Die Kommission erarbeitet Empfehlungen für den Bundestag. Weitergehende Befugnisse, etwa um selbst Personen vorladen oder bei Kirchen Forderungen stellen zu können, hat die Kommission nicht.

46.000

Menschen haben sich seit Mai 2010 an das Hilfetelefon des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung gewendet. Mit 27.000 von ihnen wurden Beratungsgespräche geführt. Weitere 5200 Menschen haben sich bisher schriftlich an den Beauftragten gewendet.

657

Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder gab es in Berlin im Jahr 2013. Es war die niedrigste Zahl der vergangenen zehn Jahre. Auffällig war dagegen die Zunahme beim Besitz von Kinderpornografie. Mit 163 registrierten Fällen stieg sie um mehr als ein Viertel gegenüber 2012. Bundesweit wurden 14.877 Opfer sexueller Gewalt gezählt, ein Minus von 1,8 Prozent im Vergleich zu 2012. Die Ermittler gehen jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl wesentlich höher liegt. Bei kaum einer Straftat gibt es ein so großes Dunkelfeld wie bei sexuellem Missbrauch.

800

Schüler hat das Canisius-Kolleg. Das grundständige Gymnasium an der Tiergartenstraße im gleichnamigen Viertel gilt trotz des Missbrauchsskandals als beliebte Schule. Die Zahl der Anmeldungen übertrifft nach wie vor bei Weitem die Zahl der Plätze. Auch Lehrer gäben unter anderem das Präventionskonzept als Motiv ihrer Stellenbewerbung an, wie der heutige Schulleiter, Pater Tobias Zimmermann, berichtet. Vor allem aber hat es seit 2010 keinen neuen Verdacht auf Missbrauch durch Pädagogen gegeben.

Für die meisten Schüler ist die Zeit weit weg, als der Skandal ans Licht gekommen ist. Für die Pädagogen des Gymnasiums ist das „Trauma“ durchaus präsent, auch wenn nur wenige in der Zeit der Missbrauchsfälle schon hier unterrichteten. Andererseits gibt es noch immer keinen Verhaltenskodex für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter. „Wird derzeit noch erarbeitet“, heißt es im ansonsten ausführlichen Präventionskonzept auf der Internetseite des Gymnasiums. Das Konzept führt unter anderem Schülerrechte und Schülerpflichten auf, schreibt besondere „Informationstage“ für die fünften und achten Klassen vor und benennt Missbrauch als Thema auch des Religions- und Biologieunterrichts. Zugleich hat das Konzept auch Drogen und Mobbing im Blick.

Bei Verdacht auf sexualisierte Gewalt sind die einzelnen „Verfahrensschritte“ zur Aufklärung akribisch festgeschrieben, schon um falsche Beschuldigungen frühzeitig zu erkennen. Eingebunden sind besonders Schulseelsorger und Vertrauenslehrer. Das Gymnasium arbeitet außerdem mit den Anlaufstellen Kind im Zentrum, Wildwasser und Tauwetter zusammen, die Informationstage anbieten und Präventionsarbeit leisten.