Holocaust

„Wer sich aufgab, war schon tot“

Eva Schloss hat 40 Jahre lang nicht über Auschwitz gesprochen. Keiner wollte ihr zuhören, es zählte nur der Neuanfang. Erst als sie in den 80er-Jahren zu einer Ausstellungseröffnung in London eingeladen wird, bricht alles Unterdrückte hervor. Sie schreibt später zwei Bücher darüber. Die Ausstellung war damals ihrer Stiefschwester Anne Frank, deren Tagebuch inzwischen weltbekannt ist, gewidmet. Eva Schloss hat Auschwitz zusammen mit ihrer Mutter überlebt. Als die Rote Armee am 27. Januar 1945 das Konzentrationslager erreicht, sind sie am Ende ihrer Kräfte. Eva Schloss lebt in London, wir telefonieren.

Berliner Morgenpost:

Frau Schloss, sprechen Sie noch manchmal Deutsch?

Eva Schloss:

Wenn schon Wienerisch. Aber nein, meine Kinder haben sich immer geschämt, wenn ihre Eltern Deutsch gesprochen haben. Wir leben ja in London, das war ihnen peinlich.

Bis zu ihrer Flucht im Juni 1938 wuchsen sie unbeschwert in Wien auf. Ihr Vater hatte eine Schuhfabrik. Wie ging es weiter?

Erst reisten wir nach Brüssel, von da aus zogen wir im Februar 1940 nach Amsterdam. Wir hatten dort endlich wieder eine eigene Wohnung am Merwedeplein. Dort lebte auch die Familie von Anne Frank. Anne war nur einen Monat jünger als ich und wir sahen uns eigentlich jeden Tag nach der Schule. Ich war damals eher schüchtern, Anne war menschlich und intellektuell reifer. Sie redete gern und viel.

Wie die Familie Frank gingen auch Sie in den Untergrund.

Als im Mai 1940 die Nazis die Niederlande besetzten, wurde die Situation schwieriger. Als etwa 10.000 junge Menschen einen Deportationsbefehl erhielten, beschloss mein Vater im Juli 1942, dass auch wir uns verstecken sollten. Mein Vater und mein Bruder waren in einem anderen Versteck als meine Mutter und ich. Alle sechs Wochen haben wir uns aber heimlich getroffen. Bis zum 11. Mai 1944, meinem 15. Geburtstag. An diesem Tag verfolgte uns jemand. Wir wurden alle verhaftet. Danach brachte man uns nach Auschwitz.

Am Dienstag ist der 70. Jahrestag der Befreiung. Wie haben sie diesen Tag erlebt?

Ich hatte riesiges Glück, dass ich noch am Leben war, als die Nazis wegliefen und die Russen gekommen sind. Ich war am Ende meiner Kräfte. Es war ein wahnsinnig kalter Winter und wir waren nur noch Skelette. Mein Mutter war fast die ganze Zeit krank und ich hatte immer gefrorene, entzündete Füße, die nachher zu offenen Wunden wurden. Viel länger hätte ich es nicht geschafft. Es war gerade noch rechtzeitig. Dann hatte ich auch Glück, dass ich nicht auf einen der Totenmärsche mitgegangen bin. Nur 300 Frauen sind in Auschwitz geblieben. Die anderen sind mitgegangen, weil das Gerücht umging, wenn die Nazis das Camp verlassen, zünden sie alle Baracken an.

Warum sind Sie geblieben?

Den ganzen Tag und die ganze Nacht sollten wir losgehen. Es hieß immer wieder: „Alle raus, alle raus!“ Aber ich war so todmüde, dass ich eingeschlafen bin. Und meine Mutter auch. Am Morgen waren sie alle weg. Dass wir so kraftlos waren, hat uns das Leben gerettet.

Wie ging es weiter?

Wir waren zehn Tage allein, bis die Russen kamen. Das Tor war offen, wir hätten weggehen können. Aber wir waren schwach, hatten keine Kleider und wollten warten. Als die Russen endlich kamen, blieben sie eine Nacht, gaben uns Essen und sind wieder los, um die Nazis zu verfolgen. Wir gingen dann zum anderen Lager, meinen Vater und Bruder suchen. Die waren aber schon weg. Auf einem der Todesmärsche. Die Russen haben dann alle Überlebenden nach Osten transportiert. Und so haben wir vier Monate mit den Russen verbracht. In Odessa haben wir auf das Kriegsende gewartet. Als alles vorbei war, sind wir zurück nach Amsterdam.

Was passierte ihrem Vater und Bruder?

Wir erfuhren damals vom Roten Kreuz, dass sie tot sind. Die haben uns einen ziemlich kalten Brief geschrieben. Dass mein Vater und Bruder umgekommen waren, ein paar Tage bevor wir befreit wurden.

Im Lager haben Sie Ihren Vater ja noch einmal getroffen.

Ja, das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe, war in der Zeit als meine Mutter und ich drei Monate getrennt waren. Sie war einer Gruppe zugeteilt worden, die in die Gaskammer sollte. Mein Vater hatte es irgendwie zu unserem Lager geschafft. Er sah schrecklich aus in dem gestreiften Anzug und der Mütze. Er fragte nach meiner Mutter und ich musste ihm sagen, dass sie tot ist. Ich glaubte das ja. Das tut mir heute noch weh. Ich fürchte, mein Vater ist gestorben, weil er dachte, seine Frau sei tot. Und dass ich überlebt habe, konnte er nicht wissen. Am Ende hat ihn wahrscheinlich der Mut verlassen. Und so war es: Wenn man sich aufgab, dann war man auch schon tot.

Geben Sie sich immer noch die Schuld?

Ja. Er wäre zwar heute schon lange tot, aber damals war er erst 45. Ich denke oft: Was hätte er noch für ein Leben gehabt. Ein paar Wochen später habe ich meine Mutter wiedergefunden. Ich hätte ihm so gern gesagt, dass sie noch am Leben ist. Ich habe ihn aber nie mehr wieder gesehen. Und auch meinen Bruder nicht, der ein talentierter Musiker und Maler war.

Ihr Bruder Heinz hat in der Untergrund-Zeit zu Ihnen gesagt: Wenn ich jetzt sterbe, bleibt nichts von mir zurück.

Ja, das stimmt. Er hat in seinem Versteck gemalt, weil er keine Musik machen durfte. Die Bilder hat er unter den Dielen verborgen und wir haben nach dem Krieg 30Stück gefunden. Auch Anne Frank wollte nach dem Tod weiterleben. Und das hat sie auch erreicht. Die Bilder meines Bruders sind in einem Amsterdamer Museum. Ich habe also mein Versprechen, dass er nicht vergessen wird, eingehalten. Und das ist es ja, was jeder will, dass er nicht vergessen wird.

Wie kam es eigentlich dazu, dass sie für drei Monate von ihrer Mutter getrennt waren?

Der KZ-Arzt Josef Mengele hatte sie aussortiert, sie sollte vergast werden. Aber eine Cousine von uns arbeitete in der Krankenstation, sie bat Mengele, meine Mutter noch einmal anzuschauen. Und er befand, dass sie noch arbeiten könnte. Dann wurde sie zurück in die Toten-Baracke geschickt. Als die Nazis in der Nacht kamen, sagte sie: „Herr Obersturmführer, ich gehöre nicht hierher.“ Und tatsächlich war sie nicht mehr auf der Liste. Dann behielt unsere Cousine sie heimlich in der Krankenstation. Im Januar 1945 fand ich meine Mutter dort wieder. Es war ein echtes Wunder.

Nach dem Krieg heirateten Otto Frank, der Vater von Anne Frank, und ihre Mutter. Er hatte seine beiden Töchter und seine Frau verloren – ihre Mutter ihren Sohn und ihren Mann. Später gaben sie das Tagebuch von Anne Frank heraus. Wie kam es dazu?

Erst als klar war, dass Anne wirklich tot war, hat die ehemalige Sekretärin von Otto ihm das Buch gegeben. Sie hatte es für Anne bewahrt. Otto und meine Mutter haben von da an jeden Tag für das Buch gearbeitet. Sie haben Tausende Briefe beantwortet. Ich weiß noch, meine Mutter saß an der Schreibmaschine, der Otto hat diktiert und sie haben über jeden Satz diskutiert. Die beiden waren 27 Jahre verheiratet und überaus glücklich.

Sie haben erst in den 80er-Jahren angefangen, über Auschwitz zu sprechen. Warum?

Ich wollte darüber sprechen, aber niemand wollte es hören. Jeder hatte genug vom Krieg. Alle wollten ein neues Leben anfangen. Aber das ist leichter gesagt als getan. Wir haben es alle unterdrückt, in der Nacht ist es dann zum Leben erwacht. Erst 1986, als ich in London zu einer Anne-Frank-Ausstellung eingeladen war und sprechen sollte, kam alles raus. Der spätere Londoner Bürgermeister Ken Livingston lud mich aufs Podium ein. Ich dachte, ich setz mich dorthin und gut. Als ich dran war, stand ich auf und habe alles erzählt, was ich 40 Jahre lang für mich behalten hatte. Das war ein sehr wichtiger Augenblick für mich. Aber vor allem möchte ich an meinen Bruder und Vater und die zwölf Millionen Menschen in ganz Europa erinnern, die Opfer der Nazis geworden sind.

Hat Auschwitz Ihren Glauben beeinflusst?

Aus dem Lager kam ich als Atheist. Ich habe weder an Gott geglaubt, noch an die Menschen. Denn in Auschwitz da war kein Gott, sonst wären nicht so viele Kinder gestorben. Ich hatte kein Vertrauen mehr. Ich habe alles und jeden gehasst, nicht nur die Deutschen, sondern die ganze Welt. Denn niemand wollte 1938 und 1939 jüdische Emigranten haben. Hitler wollte uns loswerden, aber keiner wollte uns. Das ist auch eine Wahrheit. Mein Stiefvater Otto Frank half mir, wieder an die Zukunft und die Menschen zu glauben. Er sagte: „Schließlich sind nicht alle Deutschen schlecht. Man kann sie nicht für ewig verdammen. Das wäre ja dasselbe, was Hitler getan hat – ein ganzes Volk zu verdammen.“

Ist die Welt nach Auschwitz eine bessere geworden?

Momentan sieht es sehr schlimm aus. Technisch ist die Welt heute besser, aber moralisch nicht.