Geburtstag

Ein politischer Präsident

Jubiläum: Kein Empfang, keine offiziellen Reden: Joachim Gauck begeht seinen 75. Geburtstag in Berlin „mit Freunden und Weggefährten“

Ein solcher 75. Geburtstag des Bundespräsidenten bewegt in der Regel die Republik. Die Post gibt eine Briefmarkenserie mit Präsidentenporträts heraus, beim offiziellen Empfang gehen die Gäste sechs Stunden lang feierlich am Staatsoberhaupt vorbei. Sogar der französische Präsident reiste einst an, um dem damaligen Amtsinhaber Theodor Heuss zu gratulieren, damals am 31. Januar 1959.

Am heutigen Sonnabend wird Joachim Gauck der erste Bundespräsident nach Theodor Heuss sein, der den 75. Geburtstag im Amt erlebt, doch dieses Mal ist alles anders: Es soll ein rein privater Tag werden für den Präsidenten. Gauck feiert in Berlin fern der Öffentlichkeit nur „mit Freunden und Weggefährten“, wie es aus Schloss Bellevue heißt. Kein Empfang, keine offiziellen Reden, geplant ist allein ein Symposium zu Demokratie und Freiheit am kommenden Donnerstag, das die politischen Stiftungen von CDU, CSU, SPD, Grünen und FDP „aus Anlass“ des Geburtstags ausrichten.

Nicht dass Gauck öffentliche Würdigungen verschmähen würde oder es an Respekt für den Präsidenten fehlte. Aber er hat das alles ja schon vor fünf Jahren erlebt. Es war im Nachhinein ein großes Missverständnis: Zu seinem 70. Geburtstag hatte man ihm zu Ehren eine Feier ausgerichtet, bei der die Kanzlerin vor 100 Gästen eine ungewöhnlich herzliche Rede hielt. Angela Merkel nannte den Jubilar einen „richtigen Demokratielehrer“ und lobte seine Verdienste als „Versöhner, Freiheitsdenker und Aufklärer“. Alles war Abschied und Rückblick, in seinen zu diesem Anlass festlich präsentierten Memoiren blickte Gauck auf ein bewegtes Leben zurück und staunte selbst, dass er „angekommen“ sei. Irrtum. Es sollte doch erst richtig losgehen mit 70 Jahren, das ahnte nur niemand. Wenige Monate später trat Horst Köhler als Präsident zurück. Gauck kandidierte zunächst vergeblich gegen Christian Wulff. Um dann im März 2012, nach Wulffs Scheitern, im zweiten Anlauf doch noch ins Schloss Bellevue zu gelangen.

Die Deutschen sind zufrieden

Gauck ist jetzt einer der politischsten Präsidenten der bundesdeutschen Geschichte und wohl auch einer der wichtigsten: Er hat dem Amt die Würde zurückgegeben, die mit den unglücklichen Rücktritten von Horst Köhler und Christian Wulff verloren gegangen war. Souverän repräsentiert er das Land auf dem internationalen Parkett mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt. Er ist unbequem und provokant. Die Deutschen sind zufrieden mit ihm, im ZDF-Politbarometer kam er im Dezember auf 2,4 Punkte, nur knapp hinter Merkel. Er selbst sagt, er fühle sich sicher im Amt, ohne sich selbst fremd geworden zu sein. Es ist sein Verdienst, dass niemand mehr fragt, wozu das Land einen Präsidenten braucht.

Die Frage lautet vielmehr: Wird Gauck noch länger als Präsident gebraucht, wird er 2017 mit dann 77 Jahren für eine zweite Amtszeit antreten? Wenn der erste Mann des Staates will, dann wird ihn eine breite schwarz-rot-grün-gelbe Mehrheit stützen. Die Spitzen von Grünen und FDP haben ihn schon zur neuen Kandidatur ermuntert. Will er? Wie immer man das Thema beim ihm anspricht, Gauck lächelt milde, sagt „netter Versuch“ – und schweigt. Anfangs hatte er zum Entsetzen seiner Mitarbeiter einmal locker erklärt, es werde bei einer Amtszeit bleiben. Da hatte er sich mit Terminen überlastet, nach Sieben-Tage-Wochen war bald von Ermüdungserscheinungen des Schlossherrn die Rede. Doch das hat sich eingespielt, inzwischen mehren sich Hinweise, dass der Präsident gern verlängern würde, wenn es die Gesundheit zulässt. Er blickt zum 75. nach vorn, nicht zurück.

Denn dazu hat Gauck viel zu viel Freude an den Möglichkeiten, die das höchste Staatsamt bietet, an der großen Rede ebenso wie an der Begegnung mit Menschen. „Seine große Stärke ist die Zuwendung, die er anderen Menschen entgegenbringt“, sagt sein Biograf Mario Frank. Es ist die Drogensüchtige im Berliner Obdachlosentreff, der er bei einem Besuch vor zwei Wochen zuruft: „Sie sind zu jung, um sich aufzugeben.“ Es sind ehrenamtliche Helfer, die er im Schloss Bellevue auszeichnet und die ihn „tief berühren und bewegen“. Und es sind die KZ-Überlebenden, die er in der nordgriechischen Stadt Ioannina trifft, wo die deutschen Besatzer im zweiten Weltkrieg 1850 jüdische Einwohner nach Auschwitz deportieren ließen. „Ich bitte um Vergebung“, sagt Gauck, er spricht von Scham und Trauer. Doch die 90-jährige Frau, die fast ihre gesamte Familie im KZ verlor, schüttelt den Kopf: „Verzeihen kann ich, aber nicht vergessen.“ Da nimmt Gauck sie in den Arm, hält die kleine Frau lange, lange fest, und bei beiden fließen Tränen. Als der Staatsgast aus Deutschland die Synagoge verlässt, erhebt sich die Gemeinde tief bewegt, der Gemeindevorsteher sagt: „Hier kam ein Mensch, kein Politiker.“

Gauck berührt Menschen. Er hält Emotionen für ein wichtiges Mittel der Politik, er ist auch selbst oft ergriffen – zu oft, sagen seine Kritiker. Dass er Zugang zu anderen findet, Distanz überwindet, liegt auch an seiner ungewöhnlich reichen Lebenserfahrung, die ihm Glaubwürdigkeit und Autorität verleiht. Als Kind wird er geprägt von bitteren Erlebnissen mit dem DDR-Regime. Sein Vater, ein Seemann und NSDAP-Mitglied, wird 1951 von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet und nach Sibirien deportiert. Das macht Gauck von Anfang an zum Gegner des DDR-Regimes und öffnet seinen Blick früh für die westliche Alternative, für Freiheit und Demokratie.

Später als Pfarrer testet er Grenzen aus, ein Bürgerrechtler aber ist er in der DDR nicht. Erst Mitte Oktober 1989 wagt sich der Theologe auf die Bühne des Protests, wird in Rostock Sprecher des Neuen Forums, rückt in die frei gewählte Volkskammer ein. Die politische Wende wird für den 50-Jährigen zum persönlichen Umbruch. Er verlässt seine Familie und zieht nach Berlin. Dass er sich nie hat scheiden lassen, aber heute seine Lebensgefährtin Daniela Schadt als First Lady präsentiert, wühlt noch immer manche Bürger auf. Gauck wird Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde und als entschlossener Aufklärer bundesweit bekannt.

Erfolglos als TV-Moderator

Als seine Amtszeit nach zehn Jahren endet, probiert er sich erfolglos als TV-Moderator, mischt als liberaler Freigeist in gesellschaftlichen Debatten mit und ist gefragter Vortragsredner zum Thema Vergangenheitsbewältigung. Frühere Vertraute sagen, er liebäugelt schon 2004 mit der Idee, Bundespräsident zu werden. Doch es braucht das krachende Finale der Wulff-Affäre, das den Selbstgewissen schließlich – gegen den anfänglichen Widerstand Merkels – ins erhoffte Amt bringt. Wie in der Wendezeit 1990 hat Gauck jetzt Glück: Ähnlich wie seine Vorgänger tut sich der Präsident am Anfang schwer, doch eine von den Krisen im Schloss Bellevue ermüdete Öffentlichkeit geht gnädig mit ihm um. Gauck will mutig sein und tritt unbekümmert in Fettnäpfchen. Beim Staatsbesuch in Israel etwa distanziert er sich von Merkels Grundsatz, das Existenzrecht Israels sei Teil der deutschen Staatsräson. In Brüssel greift er ungeschickt einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Euro-Krisenrettung vor. Von den öffentlichen Reaktionen ist der erste Mann im Staat irritiert und eingeschüchtert. Viele seiner Reden verhallen ohne großes Echo, er findet lange kein zündendes Thema. „Der Gauck zu Beginn seiner Präsidentschaft musste sich erst mal vorsichtig an das Amt herantasten“, räumt er selbst ein.

Der Auftritt vor der Münchner Sicherheitskonferenz vor einem Jahr wirkt im Rückblick wie ein Wendepunkt. Gaucks Plädoyer für eine verantwortungsvolle Rolle Deutschlands, notfalls auch mit militärischen Mitteln, ist die bislang politischste und meistdiskutierte Rede. Sie markiert seine Methode, eigene Akzente zu setzen, ohne Nebenpolitik zu betreiben. Die Münchner Rede passt nicht zufällig gut zur Linie des Außenministers. Und Gaucks scharfe Kritik am russischen Präsidenten Wladimir Putin einige Monate später beim Weltkriegsgedenken in Danzig ist mit Merkel abgestimmt. Der Präsident spricht Klartext, wo es sich die Regierung im diplomatischen Tagesgeschäft lieber versagt. Die Arbeitsteilung funktioniert, denn Gauck macht umgekehrt seinen Frieden mit den Grenzen des Amtes. Er will sich nicht auf Kosten der Regierung profilieren.

Erstaunlicher ist, dass die Bürger ihren Präsidenten außerordentlich schätzen, obwohl er gern mal gegen die Mehrheitsmeinung anredet. Gauck ist kein Versöhner, er liebt die Provokation. Ihn treibt die Sorge, dass die Deutschen es sich allzu bequem einrichten. „Wir sind keine Insel, in der Welt ist eine Haltung der Verantwortung wichtig.“ Stolz ist er auf das Land („das beste, das wir je hatten“), leidenschaftlich wirbt er für einen „aufgeklärten Patriotismus“.

Kampf für Menschenrechte

Vor allem sein Plädoyer, im Kampf für Menschenrechte müsse man manchmal „auch zu den Waffen greifen“, hat ihm viel Kritik eingebracht. Doch die Bürger bewerten ihn nicht nach einzelnen Reden, sondern schätzen die Art, wie er das Land repräsentiert. Eine knappe Mehrheit der Deutschen kann sich schon jetzt gut vorstellen, dass Gauck 2017 weitermacht. Noch fehlt ja auch die große Rede oder die historische Geste, die ihm einen Platz im Geschichtsbuch sichern würde. Andererseits: Schon in diesem Herbst wird Gauck der bisher älteste Bundespräsident sein. Denn auch für Theodor Heuss war bald nach dem 75. Geburtstag Schluss. Sechs Monate nach der beeindruckenden Feier endete seine zehnjährige Amtszeit.