TV-Kritik

Demokratie als Verkaufsveranstaltung bei Günther Jauch

Plötzlich hat Pegida ein Gesicht. „Monatelang“, begann Günther Jauch seine Sendung am Sonntagabend, „waren sie so etwas wie Phantome“.

Sie – das sind die Organisatoren der Demonstrationen in Dresden, die seit Wochen die Republik in Atem halten. Und sie, das sind auch die Anhänger, diese unbekannten Wesen, von denen gemunkelt wird: mittelständisch, politikverdrossen, ausländerfeindlich. Aber so genau weiß man nichts, bislang fehlten Interviews und Talkshow-Auftritte der Macher.

Doch dann setzte sich Pegida-Sprecherin Kathrin Oertel in Jauchs Gasometer, im Publikum flankiert von Pegida-Gründer Lutz Bachmann, der zwar kein Wort sagte, aber rein äußerlich auch aus der Berliner Türsteher-Szene kommen könnte. Ein Phantom ist immer eine starke Figur. Geheimnisumwittert, mächtig. Aber wie ist es, wenn aus das Phantom ein Gesicht kriegt? „Ich bin eine ganz normale Frau aus dem Volk“, sagte Kathrin Oertel eingangs. Mutter dreier Kinder, freiberuflich. Politisch interessiert gewesen sei sie schon immer, aber einer Partei nie beigetreten. Und warum Pegida? Die Ängste, die sie auflistet, sind solche, die sie eher aus Funk und Fernsehen kennt: Islamische Friedensrichter, Parallelgesellschaften, Scharia-Polizei. All diese Ängste haben sich zur Tat verdichtet: Pegida eben. „Lange sagte man ja: Wir in Dresden leben im Tal der Ahnungslosen. Aber wir schauen auch über den Tellerrand hinaus“. Dank der Medien. Was nicht frei von Ironie ist – sind doch Parolen gegen „Lügenpresse“ jeden Montag ein großes Thema bei Pegida.

Der Rest der Runde waren politische Profis. CDU-Politiker Jens Spahn, SPD-Mann Wolfgang Thierse, Alexander Gauland von der AfD merkten schnell, dass Kathrin Oertel kein Sparringspartner ist (oder bei Gauland: kein Partner für einen Schulterschluss). Dafür waren ihre Argumente, die vorgetragenen Ängste zu ungenau. Zugleich wollten die Politprofis aber um die Anhänger von Pegida werben, wollten zeigen, dass sie Verständnis für Sorgen und Nöte haben. Und so geriet die Sendung immer mehr zu einer Werbeveranstaltung für Demokratie. Kathrin Oertel, eine unzufriedene Demokratie-Kundin, beschwert sich bei demokratischen Kundenbetreuern. Bisher kam sie immer nur im Call Center durch. Jetzt endlich saßen die da oben persönlich da. „Demokratie verlangt Geduld“, sagte Thierse.

Islam oder Islamisierung, Asylbewerber, Fremdenfeindlichkeit – um die harten Kerne des Protestes ging es nur am Rande. Auch in der Runde: Frank Richter von der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Er betonte immer wieder, wie breit das Meinungsspektrum bei den montäglichen „Abendspaziergängern“ in Dresden sei. „90 Prozent sind besorgte Bürger.“ Die müsse man anhören. Der Abend zeigte die große Angst der Politik vor der wachsenden Zahl der Nichtwähler überdeutlich. Der Angst, die eigenen Wähler zu verlieren. Islamisierung des Abendlandes? Was das heißt – oder nicht? Dazu kaum ein Wort. Der schönste Satz kam von CDU-Mann Spahn: „Wenn Sie was für das Abendland tun wollen, dann gehen Sie nicht montagabends demonstrieren. Dann gehen Sie doch sonntagmorgens in die Kirche.“