Terrorwarnungen

Der lange Arm von al-Qaida

Alle islamistischen Anschläge in Deutschland wurden verhindert – bis auf einen

Zuletzt wurden die Terrorwarnungen der ausländischen Geheimdienste immer konkreter. Am Sonntag um 13.07 Uhr zog Dieter Kroll dann die Reißleine. Per E-Mail teilte der Polizeipräsident von Dresden mit, dass in der sächsischen Hauptstadt an diesem Montag alle öffentlichen Versammlungen unter freiem Himmel verboten sind. Die Entscheidung geht auf Warnmeldungen ausländischer Geheimdienste zurück, die sich in den vergangenen Tagen konkretisierten. Die Sicherheitsbehörden dürften kaum überrascht worden sein. Nicht erst seit den Anschlägen islamistischer Terroristen in Paris, bei denen 17 Menschen getötet wurden, rechnen sie auch mit Anschlägen in Deutschland.

Ein wenig erinnert die aktuelle Situation an jene Drohungen, die in der deutschen Hauptstadt vor gut vier Jahren für Unruhe sorgten. Damals hatte sich der Wuppertaler Islamist Emrah E. per Telefon aus Pakistan gemeldet und vor einem Anschlag auf das Reichstagsgebäude gewarnt. Die Warnungen passten zu Aussagen von anderen Islamisten, die aus Deutschland ausgereist waren. So hatten der Frankfurter Rami M. und der Hamburger Ahmad S. nach ihren Festnahmen berichtet, dass der „Außenminister“ von al-Qaida mit ihnen Planungen für Anschläge in Europa erläutert hätte.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sprach Ende November 2010 die wohl eindringlichste Warnung vor einem islamistischen Anschlag aus, die es in der Geschichte der Bundesrepublik je gegeben hat. Die Reichstagskuppel wurde gesperrt, am Hauptbahnhof und im Regierungsviertel patroullierten wochenlang Bundespolizisten mit Maschinenpistolen. Doch es passierte nichts. Später kursierten Berichte, dass Emrah E. offenbar reichlich übertrieben hatte – und mit dem Versprechen, den Behörden weitere Details zu nennen, Geld und freies Geleit erpressen wollte.

Bereits zuvor waren Terrordrohungen folgenlos geblieben. So hatte ein Ayyub Almani, hinter dem Ermittler den Berliner Yusuf O. vermuteten, im September 2009 im Namen der Gruppe Deutsche Taliban Mudschaheddin verkündet, dass es „nur eine Frage der Zeit“ sei, „bis der Dschihad die deutschen Mauern einreißt“. Noch konkreter wurde, ebenfalls kurz vor den Bundestagswahlen 2009, der Bonner Bekkay Harrach, der sich nach seiner Ausreise ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet al-Qaida angeschlossen hatte. Wenn die deutsche Bevölkerung bei den Wahlen keiner Regierung zur Macht verhelfe, die die deutschen Truppen aus Afghanistan abziehe, werde es in Deutschland innerhalb von zwei Wochen Anschläge geben, drohte Harrach. Bei der Wahl blieb Angela Merkel Bundeskanzlerin und auch die deutschen Truppen blieben in Afghanistan. Der angekündigte Anschlag folgte dennoch nicht.

Statt konkrete Anschläge anzukündigen, haben sich al-Qaida und andere Gruppen seit einigen Jahren ohnehin darauf verlegt, ihren Anhängern, meist per Internet, das ideologische Rüstzeug und praktische Tipps an die Hand zu geben – in der Hoffnung, dass gewaltbereite Islamisten in Eigenregie losschlagen. Diese Strategie des „führerlosen Dschihad“ verfolgte als erste die al-Qaida-Filiale in Jemen. Sie rief zu kleineren Anschlägen auf, für die nicht viel Vorbereitung nötig ist – und verbreitete beispielsweise ein Pamphlet mit dem Titel: „Wie Du eine Bombe in der Küche Deiner Mutter bauen kannst.“

Auch die bereits 2007 aus Bonn ausgereisten Brüder Yassin und Mounir Chouka, die sich der Islamischen Bewegung Usbekistan angeschlossen hatten, stachelten ihre Anhänger in Deutschland immer wieder zu Anschlägen an. Mindestens in einem Fall zeigte sich, dass ihre Botschaften Gehör fanden. „Ihr sollt die Mitglieder der Pro NRW alle töten“, forderte Yassin Chouka im Mai 2012, nachdem die islamfeindliche Partei Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. Der Aufruf zeigte Wirkung. Im März 2013 versuchten vier Islamisten, so die Überzeugung der Ermittler, den Pro-NRW-Vorsitzenden Markus Beisicht zu ermorden. Bevor es dazu kommen konnte, nahmen Beamte sie jedoch fest.

Vereiteln konnten Sicherheitskräfte bereits 2007 auch Anschläge der sogenannten Sauerland-Zelle, deren Anschläge nach Aussage ihrer Anhänger werden sollten „wie ein zweiter 11. September“. Den entscheidenden Tipp, der zu ihrer Festnahme führte, kam, wie so oft, von einem ausländischen Nachrichtendienst.

Auch die im November vergangenen Jahres verurteilten Mitglieder der Düsseldorfer Zelle konnten ihre Anschlagspläne nicht umsetzen, weil die Behörden ihnen auf die Spur kamen. Einen vollendeten islamistischen Anschlag verübte in Deutschland bisher nur der damals 21-jährige Arid Uka, der im März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten ermordete. Ein knappes Jahr später wurde er zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.