Anschlag

Das rätselhafte Verschwinden der Terrorwitwe

Hayat Boumeddienne spielte eine entscheidende Rolle bei den Anschlägen in Frankreich

Hayat Boumeddienne, die 26-jährige Witwe des getöteten Pariser Terroristen Amedy Coulibaly, wurde nach der Anschlagsserie in Paris tagelang gesucht. Immer noch kursieren Gerüchte, sie sei nach wie vor in Frankreich. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die einzige Überlebende des bislang bekannten Täterkreises bereits am 2. Januar über die Türkei nach Syrien floh.

Unmittelbar nach der Erstürmung des Pariser Supermarktes, den Coulibaly angegriffen hatte, wurde Boumeddienne zum zentralen Thema: Hatte sie fliehen können? Wo war sie? Noch am selben Tag sagten die türkischen Behörden, sie hätten „keine Informationen“ über sie. Am Sonntag dann berichteten diverse Medien unter Bezug auf türkische Sicherheitsbehörden, sie sei von Sicherheitskameras bei der Einreise am Istanbuler Atatürk-Flughafen erfasst worden. Sie habe in einem Hotel im Stadtteil Kadiköy zwei Nächte verbracht, berichtete die regierungsnahe Zeitung „Yeni Safak“. Insgesamt 18 Mal habe sie in dieser Zeit mit Paris telefoniert. Das Signal ihres Mobiltelefons sei, so heißt es aus Polizeiquellen, in der Nähe der syrischen Grenze in der Region Urfa noch am 8. Januar empfangen worden.

Dann aber sei das Signal verstummt – genau zu der Zeit, als das Begehren der französischen Polizei eintraf, nach ihr zu fahnden. Am Montag sagte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu, es gebe Indizien, dass Boumeddienne nach Syrien gereist sei. Das ergäbe sich aus Telefonmitschnitten.

Flug von Madrid nach Istanbul

Das sind die Fakten – und diese werfen viele Fragen auf. Die erste ist die: Wie konnte Boumeddienne in die Türkei einreisen? Sie war aktenkundig als die Gefährtin Coulibalys, der wiederum als potenziell gefährlicher Extremist polizeibekannt war. Die Behörden ermittelten bereits 2010 nach einem gescheiterten Fluchtversuch des sogenannten Metro-Attentäters Aït Ali Belkacem, der im Jahr 1995 Anschläge in der Pariser U-Bahn verübt hatte.

Hinzu kommt: Nach Angaben der Zeitung „Le Parisien“ reiste Boumeddienne in Begleitung eines Mannes, der ebenfalls polizeibekannt gewesen sei. Beide seien über Madrid nach Istanbul geflogen, mit einem Rückflugticket für den 9.Januar. Diesen Flug traten sie aber nicht mehr an.

Auch „Yeni Safak“ erwähnt einen Begleiter Boumeddiennes, der mit ihr im Hotel übernachtet habe, und nennt auch seinen Namen: Mehdi Sabri Belhoucine. Sie hätten ihr Zimmer in den zwei Tagen dort nur zweimal verlassen. Wie konnte das Paar ungehindert in die Türkei einreisen? Es bedeutet einerseits, dass beide wohl nicht zu jenen laut amtlichen Angaben gut 9000 Ausländern gehörten, die nicht in die Türkei einreisen dürfen, weil sie als tatsächliche oder potenzielle islamistische Extremisten gelten. Cavusoglu sagte aber auch, die Polizei habe Boumeddienne Fingerabdrücke abgenommen und sie fotografiert. Das ist erklärungsbedürftig.

Das deutet darauf hin, dass sie doch auf irgendeiner Verdächtigenliste stand– als potenzielle Extremistin, die zwar kein Einreiseverbot hatte, aber im Falle einer Einreise zu beobachten war. Wie genau sie beobachtet wurde und ob die Behörden gerade deswegen sicher sind, dass sie nach Syrien ging, ist nicht klar. Und rätselhaft ist, dass die Polizei nicht vor der – wahrscheinlich illegalen – Ausreise nach Syrien intervenierte, wenn man ihren Telefongesprächen entnahm, dass ein solcher Schritt unmittelbar bevorstand. Denkbar ist, dass ihr Telefon nicht zeitnah abgehört wurde und die Gespräche erst im Nachhinein analysiert wurden. Boumeddienne soll unter anderem das Auto gemietet haben, das Coulibaly nutzte, um zum Supermarkt zu fahren. Zudem besteht der Verdacht, dass sie und die Frauen der „Charlie Hebdo“-Attentäter die Kommunikation zwischen den Terroristen sicherten, die wohl Angst hatten, abgehört zu werden. Von mehr als 500 Telefonaten der Frauen wird berichtet.