Kommentar

Frankreichs Kampfauftrag

Jacques Schuster über neue Schutzmaßnahmen und Fehler der Vergangenheit

Nach den Bluttaten von Paris verstärkt die französische Regierung ihre Schutzmaßnahmen. In nächster Zeit werden so viele Sicherheitskräfte für den Schutz der Franzosen im Inland sorgen wie derzeit im Ausland stationiert sind: 10.000 Soldaten. Von ihnen haben allein 5000 den Auftrag, jüdische Einrichtungen zu bewachen und den Juden das Gefühl zu geben, in ihrer Heimat in Frieden leben zu können. So weit so gut – oder schlecht.

Was Präsident François Hollande und sein Innenminister heute in besorgter Betriebsamkeit beschlossen haben, ist ohne Alternative – politisch und psychologisch. Eine Gesellschaft unter Schock braucht das Gefühl der Sicherheit, um wieder zu sich zu kommen. Dennoch ist der Tag nah, an dem die Trauer über die Ermordeten von dem Verlangen nach einer nüchternen Urteilskraft und nach schonungsloser Selbstkritik verdrängt werden wird. Schon heute lässt sich leider sagen: Die massive Gegenwart französischer Soldaten auf den Straßen offenbart auch, wie viele Fehler diese Regierung und ihre Vorgängerin begangen haben.

Bis heute geht die französische Republik von der homogenen Gesellschaft aus, in welcher der Multikulturalismus abgelehnt wird. Dass diese homogene Gesellschaft aber genauso wirklich ist wie eine Parallelgesellschaft, in der die Scharia und ein brutaler Rassismus herrschen, das will die französische Elite nicht wahrhaben. Dann und wann wacht sie zwar auf – etwa 2005, als die Vorstädte brannten und Banden der Beurs 45.000 Autos abfackelten, oder wenn in Créteil drei Männer ein jüdisches Paar überfallen, ausrauben und die Frau vergewaltigen, weil Juden unanständig reich seien und sie es nicht anders verdient hätten –, nach der ersten Empörung kehrt sie aber schnell in die Scheinwelt des „Monsieur Claude und seine Töchter“ zurück. Es kann eben nicht sein, was nicht sein darf.

Seit 2013 hat sich die Zahl der Anschläge auf Juden in Frankreich verdoppelt. Nicht nur das: Immer wieder klagen Lehrer darüber, dass ein Teil ihrer muslimischen Schüler es ablehnt, über den Judenmord im Dritten Reich unterrichtet zu werden. Doch immer wenn der Vorsitzende des Rates der jüdischen Organisationen Roger Cukierman, auf diese Missstände hinwies, behandelten ihn viele Offizielle so, als würde ein beliebiger Verbandspräsident der Regierung mit seinen Vereinsinteressen auf die Nerven fallen. Will Frankreich seine Juden halten und europäisch im westlichen Sinne bleiben, darf es die homogene Gesellschaft nicht als Ruhestätte begreifen. Sie ist ein Kampfauftrag.